Linken-Parteitag Genervt von den Alten

Gysi? Lafontaine? Das Führungspersonal der Linken ist längst ein anderes, doch das Bild der Partei prägen noch immer zwei alte Männer.

Lafontaine, Gysi (2011)
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Lafontaine, Gysi (2011)

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Sternwarte, Schloss, Blick auf den Müggelsee - rund 40 Männer und Frauen haben sich zu der Tour durch den Berliner Bezirk Treptow-Köpenick angekündigt. Mit dem Bus soll die Gruppe am kommenden Montag von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten rollen. Die Reisenden: Bundestagsabgeordnete. Der Reiseleiter: Gregor Gysi.

Seit Oktober ist der heute 68-Jährige nicht mehr Fraktionschef seiner Partei. Seit Oktober heißt das: zweite Reihe statt vorderste Front für einen Mann, der die Linke mit aus der Taufe gehoben hat.

Gysi fällt der Rückzug schwer, ganz offensichtlich. Der Ausflug in seinen Wahlkreis, den er zum Abschied von der Fraktionsspitze organisiert hat, ist alles andere als gelebtes Understatement. Einladungen gingen an alle Mitglieder des Bundestages: 629 Abgeordnete. So etwas sei wohl "erstmalig in der Geschichte des Bundestages", sagt Gysi.

Über die historische Parlamentariertour können Gysis Parteifreunde wohl noch milde lächeln. Weniger lustig finden viele, dass der Ex-Anführer auch Probleme hat, politisch einen Gang zurückzuschalten, und den fragilen Parteifrieden nach seinem Rückzug mehr als einmal empfindlich störte.

Mal forderte Gysi in einem Brief an seine Nachfolger Sahra Wagenknechtund Dietmar Bartsch mehr Redemöglichkeiten im Parlament. Dann warb er für einen gemeinsamen Kanzlerkandidaten von SPD, Grünen und Linken - in einer Zeit, in der viele bei den Linken das Streitthema Regierungsbeteiligung am liebsten unter den Tisch kehren würden.

Im März, kurz nach den krachenden Niederlagen bei den jüngsten Landtagswahlen, dachte Gysi sogar laut über eine Zusammenarbeit mit der CDU nach. Im linken Parteiflügel war danach von Provokation die Rede - und davon, "ob Gysi eigentlich noch alle sieben Sinne beisammen hat".

Linke unter Druck

Am Samstag wollen sich Katja Kipping und Bernd Riexinger beim Parteitag in Magdeburg an der Linken-Spitze bestätigen lassen. Dabei soll mit Blick auf die nächsten Landtags- und Bundestagswahlen Ärger eigentlich vermieden werden. Schließlich ist es dem einstigen Notlösungsduo gelungen, die verkrachten Flügel von Linken und Realos zumindest zu besänftigen.

Doch die Linke steht unter Druck. Vor allem im Osten droht ihr die AfD den Rang als Protestpartei abzulaufen. In dieser Lage könnte die Linke ein paar charismatische Persönlichkeiten gut gebrauchen, doch abgesehen von der umstrittenen Fraktionsvorsitzenden Sahra Wagenknecht bleibt der Rest der Chefetage in Partei und Parlament nach außen blass.

Da ist es kein Wunder, dass die Debatten der vergangenen Monate von den alten Haudegen bestimmt wurden. Von Männern wie Gysi. Und Oskar Lafontaine.

Lafontaine, 72, ist so etwas wie Gysis Gegenspieler im Parteiabseits. Einst führte der Parteilinke aus dem Westen mit dem Pragmatiker aus dem Osten die Linksfraktion im Bundestag, später übernahm er den Parteivorsitz. Zwischen beiden flogen immer wieder die Fetzen. Mittlerweile ist Lafontaine Oppositionsführer im Saarland.

"Nicht mehr in der ersten Reihe"

Vor allem in der Flüchtlingskrise ging Lafontaine vielen Parteikollegen auf die Nerven. Zum Beispiel forderte er, ähnlich wie seine Ehefrau Wagenknecht, Kontingente zur Begrenzung der Zuwanderung - entgegen der Parteilinie. Der Aufschrei war groß.

Als Parteichefin Kipping daraufhin vor einer "AfD light" warnte, warf ihr Lafontaine "schlechten Stil" vor. Im SPIEGEL empfahl ausgerechnet er seinem einstigen Mitstreiter Gysi: "Es wäre gut, wenn Gregor Gysi damit klarkäme, dass er nicht mehr in der ersten Reihe sitzt."

Es sind immer noch die beiden Altpromis, die für Aufregung sorgen. Der Linken tun sie damit keinen Gefallen, meint der Chemnitzer Politikwissenschaftler Tom Mannewitz. "Sie setzen ihre Partei damit unter Störfeuer." Das könne nach hinten losgehen - "wenn die informelle Macht von Lafontaine und Gysi die formell ausgestattete Macht der Parteispitze übertrumpft." Schließlich hätten die beiden einstigen Spitzenpolitiker Sympathien und Wiedererkennungswert in der Bevölkerung - mehr als das aktive Führungspersonal.

Und Gysi denkt offenbar gar nicht daran, sich zu ändern. Zumal: Während Lafontaine nach seinen Ausritten in der Flüchtlinspolitik auch im eigenen Parteiflügel Rückhalt verlor, wollen viele Reformer nicht völlig auf Gysi verzichten. Der fühlt sich bestätigt, gibt Interviews, tingelt durch Talkshows, plaudert mit Satiriker Jan Böhmermann.

Kurz vor dem Parteitag reitet er die nächste Attacke. Die Partei sei "saft- und kraftlos", diagnostiziert Gysi. Es geht wieder um die AfD und die Verluste der Linken. Der Zeitpunkt der Ansage sorgt für Irritationen. "Gregor soll sich selbst an die Nase fassen, er war schließlich lange Fraktionsvorsitzender", sagt die Parteilinke Ulla Jelpke. Der Vorwurf sei "maßlos übertrieben", Gysis Verhalten "unsolidarisch". Es sei eindeutig, sagt Jelpke, "dass er sich in seiner neuen Rolle schwertut".

Gysi, so ist aus der Partei zu hören, wollte nun auch in Magdeburg eine Rede halten. Davon wird nun abgesehen. Offenbar hat man Gysi davon überzeugt, diesmal anderen das Rampenlicht zu überlassen.

insgesamt 41 Beiträge
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colinchapman 27.05.2016
1. die Tage der Linken sind gezählt
im Westen war und ist die Linke nur ein Randphänomen (dort ist sie nur in den Hansestädten und im Saarland vertreten, und letzteres wird sich mit Oscar Lafontaine sicher auch erledigen). und im Osten läuft ihr die AfD den Rang als Protestpartei ab.
mulli3105 27.05.2016
2. Mich nervt
sowohl jung als auch alt. Beide haben immer noch nicht begriffen, dass es keine DDR 2.0 geben wird. Einziger Lichtblick in dieser Partei ist (meistens) S. Wagenknecht
felisconcolor 27.05.2016
3. Gregor Gysi
war ja immer auch derjenige der den Laden letztendlich zusammen gehalten hat UND trotz oder gerade seiner Parteitzugehörigkeit und langen Erfahrung immer den Dialog gesucht hat. Frau Wagenknecht hat es leider immer wieder wenn ich dachte "Holla die Frau kann auch vernünftig sein" einen dicken Klops rausgehauen. leider haben sich die Medien daran aufgerieben und die Linken nur an solchen Äusserungen gemessen. Wenn sie bei anderen Parteien auch mal so hingeschaut hätten. Aber Links ist halt doof in Deutschland und so existiert keine Alternative und schon gar kein Gegengewicht in der Opposition zu Rechts. Die etablierten Parteien freut es. Nichts ist so schön wie eine nicht existente Opposition.
fortelkas 27.05.2016
4. Linke kraftlos
Nicht erst seit diese Artikel hat man den Eindruck, die Linke befindet sich in einer Art der politischen Schockstarre, und ich frage mich: Wann wacht sie auf? Die AfD bestimmt die politische Szene. Aber die Präsidentenwahl in Österreich beweist: Auch ihre Bäume wachsen nicht in den politischen Himmel. Wenn denn das linke politische Lager aufwacht nund die Alternativen formuliert. Erwin Fortelka
dieter 4711 27.05.2016
5. Auch in Hessen Linke im Landtag
Zitat von colinchapmanim Westen war und ist die Linke nur ein Randphänomen (dort ist sie nur in den Hansestädten und im Saarland vertreten, und letzteres wird sich mit Oscar Lafontaine sicher auch erledigen). und im Osten läuft ihr die AfD den Rang als Protestpartei ab.
Lieber colinchapman, auch in Hessen ist die Linke im Landtag.
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