Niedersachsen Linken-Spitzenkandidat macht sich für frauenverachtende Band stark

Ihre Songtexte sind amerikafeindlich, sexistisch und frauenverachtend - Diether Dehm, Spitzenkandidat der Linken in Niedersachsen, verteidigt die Band Die Bandbreite trotzdem. Sie kann von Kreisverbänden im Wahlkampf gebucht werden. Die Parteikollegen sind entsetzt.
Linken-Politiker Dehm: Künstlerische Freiheit nicht "einfach mal außer Kraft setzen"

Linken-Politiker Dehm: Künstlerische Freiheit nicht "einfach mal außer Kraft setzen"

Foto: Jochen Lübke/ picture alliance / dpa

Hannover/Berlin - Diether Dehm ist der wohl musikalischste Politiker der Linken. Rund 600 Songs hat der gebürtige Frankfurter getextet, darunter "1000 und 1 Nacht", "Monopoli" oder Gassenhauer wie "Was wollen wir trinken sieben Tage lang". Er hat mit Udo Lindenberg, Konstantin Wecker und Peter Maffay zusammengearbeitet. Aber spätestens jetzt dürfte dem 63-Jährigen sein musikalisches Taktgefühl abhanden gekommen sein - und sein politisches dazu.

Der Spitzenkandidat der niedersächsischen Linken für die Bundestagswahl verteidigt derzeit gegen massive innerparteiliche Kritik eine Band, die es auf die Liste der niedersächsischen Genossen für das musikalische Rahmenprogramm im Bundestagswahlkampf geschafft hat: Die Bandbreite, eine HipHop-Band aus Duisburg, deren Texte ein mehr als unappetitliches Gebräu aus Verschwörungstheorien, Anti-Amerikanismus, Sexismus und Frauenfeindlichkeit ist.

So legt die Band etwa in dem Song "Selbst gemacht" den Schluss nahe, die Terroranschläge vom 11. September 2001 auf das World Trade Center in New York und das Pentagon in Arlington seien das Werk der USA gewesen. "Habt ihr dat vielleicht selbst gemacht? Habt ihr dabei an dat Geld gedacht? Habt ihr dafür die eigenen Leute getötet, weil ihr dat Öl da drüben so dringend benötigt?"

Ihr krudes Frauenbild propagiert die Band gleich in mehreren Liedern: "Ich brauch jetzt was Williges, seh ichs, brauch ichs, will ich es", heißt es etwa in "Man kennt uns". Im Song "Miesmuschel" lautet eine Textpassage: "Bis nur son kleines Vagina-Child. Doch führst dich auf wie Gina Wild."

"Mieser sexistischer und menschenverachtender Text"

Die Linke feiert sich auf Parteitagen gerne als moderne und emanzipatorische Kraft. Neben einer Ost-West-Quote gibt es in der Linken auch eine Quotierung nach Mann und Frau.

Und dennoch steht Die Bandbreite auf der Liste der niedersächsischen Linken für das musikalische und kulturelle Begleitprogramm zum Bundestagswahlkampf, für den sie von Kreisverbänden gebucht werden kann. Die Aufstellung mit 24 Künstlern und Gruppen wurde von einem Mitarbeiter der Linken als Dehms Liste versandt. Das belegt ein interner E-Mailverkehr, der SPIEGEL ONLINE vorliegt. Da heißt es in einer Information des Landesvorstands vom 20. Juni: "Dazu findet ihr im Anhang von Diether Dehm eine Übersicht von Künstlerinnen und Künstlern, die bereit sind uns aktiv im Wahlkampf zu unterstützen."

In der niedersächsischen Linken sorgt die Causa Die Bandbreite seit Tagen für heftiges Rumoren, auch die Landesspitze ist verärgert. "So ein mieser sexistischer und menschenverachtender Text wie etwa 'eingelocht' ist mir selten untergekommen", schreibt etwa Landeschefin und Europaparlamentarierin Sabine Lösing am 25. Juni in einer E-Mail.

Drei Tage zuvor hatte bereits eine Parteifreundin gewarnt, die Band sei "gelinde gesagt sehr umstritten". Die Landesarbeitsgemeinschaft Antifa fordere den Landesvorstand auf, die Band von der Liste zu streichen und "keinerlei Verträge" mit ihr einzugehen.

Dehm pocht auf künstlerische Freiheit

Diether Dehm ist davon offenbar ziemlich unbeeindruckt: "ich sehe die band bandbreite ganz anders als ihr", schreibt Dehm etwa am 23. Juni in Kleinbuchstaben und reagiert damit auf erste Kritik. Dehm ist ein wichtiger Strippenzieher in der niedersächsischen Linken. Ein Leisetreter war er nie: Mal forderte er die Verstaatlichung der Deutschen Bank, mal unterzeichnete er einen Aufruf für einen Embargostopp gegen Iran und Syrien. Im Jahr 2010 sorgte er für Empörung, als er die Wahl zwischen den Präsidentschaftskandidaten Christian Wulff und Joachim Gauck mit den Worten kommentierte: "Was würden Sie denn machen, gesetzt, Sie hätten die Wahl zwischen Stalin und Hitler?" Auch wenn er sich später dafür entschuldigte, pragmatische Linke im Osten verdrehen die Augen, wenn sie den Namen Dehm hören, der zum Linksaußen-Flügel der Partei gehört.

Die Kritik an der Band will er nicht gelten lassen. Von "angeblichen sexismen" in den Texten der Band schreibt Dehm in seinen E-Mails. Künstlerische Freiheit sei aber kein Gut, dass man "einfach mal ausser kraft setzt". Die HipHop-Band sei "durch ein unglück" auf der Liste gelandet, schreibt Dehm in einer E-Mail ohne weitere Erläuterungen, fügt dann aber hinzu: "bandbreite aber jetzt streichen, ist mit mir nicht zu machen und bringt nichts und nur eine kontroverse vor der wahl".

Auf dem Index der Linken in NRW

Dabei müsste er eigentlich wissen, dass es die bereits seit längerem in der Linkspartei gibt. So beschloss der Landesvorstand in NRW Ende vergangenen Jahres , sich an Veranstaltungen, auf denen Die Bandbreite auftritt, nicht zu beteiligen. Für Marcel Wojnarowicz, Sänger der Band, ist die Aufregung in der Linken "nicht nachvollziehbar". Die Bandbreite habe sich im November von den "Frühwerken 'Eingelocht' und 'Miesmuschel'" distanziert. "Wir sind nicht sexistisch."

Auch sonst würden die Liedtexte "aus dem Kontext gerissen". Der Sänger bestätigt einen Auftritt auf einer Veranstaltung, die von der Jugendorganisation der Schweizer Volkspartei unterstützt wurde. Diese ist bekannt für ihre Kampagnen gegen Ausländer. "Da haben wir aber klar Position für links bezogen", sagt Wojnarowicz. "Wir fühlen uns der politischen Linken zugehörig." Selbstverständlich werde man für die Linke in Niedersachsen auftreten.

Dass dies nun tatsächlich passieren wird, erscheint unwahrscheinlich. Dehm will auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE nicht bestätigen, dass die Aufstellung für den Wahlkampf, inklusive der umstrittenen Band, von ihm stammt. Vage antwortet er: Es gebe zahlreiche Listen von Künstlern, die bisher für linke Projekte aufgetreten seien. Die Namen hätten sich im Laufe der Jahre dort angesammelt und seien an viele politische Gliederungen weitergeleitet worden, so seine Erklärung. Die Bandbreite will er nicht weiter bewerten. Es gebe derzeit keinen geplanten Auftritt der Band im niedersächsischen Wahlkampf.

Dem wollte die Landesvorsitzende Lösing nichts hinzufügen.