Linker Präsidentschaftskandidat Sodann "Ich will immer noch den Sozialismus aufbauen oder so was Ähnliches"

Er forderte die Verhaftung von Deutsche-Bank-Chef Ackermann und kann dessen Aufregung nicht verstehen: Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht der linke Bundespräsidenten-Kandidat Sodann über seine Vorstellungen vom höchsten Staatsamt - und darüber, warum er gern an die DDR zurückdenkt.

SPIEGEL ONLINE: Herr Sodann, warum möchten Sie eigentlich höchster Repräsentant eines Staates werden, den Sie nicht für demokratisch halten?

Sodann: Natürlich ist das hier erstmal von den Formen eine Demokratie. Aber sie schwächelt. Ein sozial Benachteiligter muss sich vor den Behörden regelrecht ausziehen und erklären, dass er noch drei Euro in der Tasche hat, um überhaupt staatliche Leistungen zu bekommen. Dem Gutverdiener werden Steuererleichterungen regelrecht hinterhergeworfen, das ist für mich undemokratisch.

Bundespräsidenten-Kandidat Sodann: "Diese Demokratie schwächelt"

Bundespräsidenten-Kandidat Sodann: "Diese Demokratie schwächelt"

Foto: AP

SPIEGEL ONLINE: Übertreiben Sie da nicht? Schließlich muss niemand als Bittsteller auftreten, es gibt verbriefte Rechtsansprüche.

Sodann: Heute fehlt Chancengleichheit. Ich komme aus einfachen Verhältnissen, konnte mein Abitur nachmachen und studieren. Es gibt aber Menschen, denen sehe ich an, dass sie chancenlos sind.

SPIEGEL ONLINE: Aber besitzt Deutschland nicht die fortschrittlichste Verfassung, die es je in diesem Land gab?

Sodann: Aber ja, das habe ich von Anfang an gesagt. Unser Grundgesetz ist eines der besten, die es gibt. Ich wüsste sogar kein besseres. Aber darin steht: "Die Würde des Menschen ist unantastbar." Das ist für mich der wichtigste Artikel in unserer Verfassung. Es steht auch darin, dass der Staat die Verpflichtung hat, diesen Artikel durchzusetzen. Und dann denke ich mir: Trotzdem benötigt das Land Organisationen wie die "Tafel" für Menschen, die selbst kein Geld haben, um sich etwas zu essen zu kaufen. Das ist dann keine richtige Demokratie.

SPIEGEL ONLINE: Warum soll es Organisationen wie die "Tafel" nicht geben? Selbsthilfe ist doch eine der vornehmsten Aufgaben der Arbeiterbewegung.

Sodann: Nichts gegen die "Tafel". Aber die Kluft zwischen Arm und Reich ist für mich nicht demokratisch. Wenn die Würde von Menschen angekratzt ist, dann hat die Demokratie entscheidende Schwächen.

SPIEGEL ONLINE: Was ist denn die Alternative?

Sodann: Eine gerechte Verteilung. Es kann kein einzelner Mensch 14 Millionen Euro verdienen, und der andere muss sich ausziehen.

SPIEGEL ONLINE: Die rechtsextreme NPD freut sich über ihre Kritik am bundesrepublikanischen System und gratuliert Ihnen zu Ihren Äußerungen.

Sodann: Denen soll ihre Freude im Halse stecken bleiben. Die wollen die Demokratie abschaffen, ich will eine bessere, da gibt es Null Übereinstimmung. Nein, ich lasse mich auf keine Weise vereinnahmen. Ich denke, die Leute wissen das.

SPIEGEL ONLINE: Wen wollen Sie eigentlich repräsentieren? Sich selbst? Die Linke? Wollen Sie für die Ostdeutschen sprechen?

Sodann: Zunächst einmal: Ich weiß, dass ich nur die Bronzemedaille gewinnen kann. Herr Köhler hat den ersten Platz, Frau Schwan wird die Vorletzte, ich kriege Bronze. Aber ich kann doch nicht nur die Ostdeutschen repräsentieren, das ist ja Quatsch. Ich will Präsident aller Deutschen sein. Ich war daran beteiligt, dass die Mauer wegkommt. Und mein Anteil daran war bestimmt nicht ganz klein.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Sodann: Nun ja, ich habe die Demonstrationszüge mitorganisiert. Ich will aber immer noch den Sozialismus aufbauen oder so was Ähnliches. Wenn US-Präsident George W. Bush sagt, der Kapitalismus sei etwas Wunderbares, kann ich ihm nicht glauben. Es geht dabei immer nur um Höher, Schneller, Weiter.

SPIEGEL ONLINE: Aber im Kapitalismus der letzten 20 Jahre ging es Ihnen doch nicht gerade schlecht. Ihre Würde hat auch niemand angetastet, höchstens im Fernsehen beim Tatort.

Sodann: Das habe ich auch nicht behauptet. Aber es geht vielleicht anderen schlechter. Als Bundespräsident müsste ich für alle sprechen, auch für den Hartz-IV-Empfänger.

SPIEGEL ONLINE: Der Mauerfall ist bald 20 Jahre her. Waren Sie für die Einheit? Oder skeptisch wie Oskar Lafontaine?

Sodann: Ich war von vornherein für die Einheit. Aber Lafontaines Kritik am schnellen Einheitsprozess war aus heutiger Sicht nicht falsch. Ich habe den Zusammenbruch der DDR übrigens der SED-Bezirksleitung Halle frühzeitig vorgetragen. Ich sagte, wir kriegen den Mauerfall, und zwar mit dem Gedicht "Frühlingsglaube" von Ludwig Uhland. "Nun muss sich alles, alles wenden", heißt es darin. Das war am 9. Februar 1989.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben die Genossen reagiert?

Sodann: Gar nicht. Aber ich hatte meinen Spaß. Ich lasse mir aber auch die DDR nicht nehmen, es war ja nicht alles so schlecht, dass ich jeden Tag unterm Schrank rumkriechen musste. Ich habe mit einer Idee gelebt in der DDR - und die habe ich auch heute noch.

SPIEGEL ONLINE: Wie lautet die Idee?

Sodann: Dass die Menschen gleich sind und das Recht haben, vernünftig leben zu können.

SPIEGEL ONLINE: Warum engagieren Sie sich ausgerechnet für die Linkspartei – die indirekte Nachfolgepartei der SED, die Sie wegen Ihres kritischen Studentenkabaretts 1961 ins Gefängnis gesteckt hat.

Sodann: Ach ja, die Nachfolgepartei. Jeder hat das Recht, noch einmal über sich selbst nachzudenken. Auch einige Mitglieder der Linkspartei. Ich stehe nicht einfach für die Linkspartei ein: Auf Kirchentagen spüre ich, dass ich mich besonders gut mit gläubigen Christen unterhalten kann, da merke ich, die wollen noch was. Und dann sind da eben noch die Linken, mit diesen Menschen kann ich mich über meine Vergangenheit unterhalten, was alles falsch war, was trotzdem geklappt hat. Vor allem aber auch über die Zukunft, wie man das Leben besser machen kann.

"Ich bin kein Stur- oder Querkopf"

SPIEGEL ONLINE: Eigentlich wollten Sie doch gar nicht mehr in die Politik nach dem Rückzug Ihrer Bundestagskandidatur im Jahr 2005. Warum jetzt doch wieder?

Sodann: Mein Rückzug lag damals nicht allein am MDR. Es war mir klar, dass ein Mandat nicht vereinbar gewesen wäre mit meiner Rolle als "Tatort"-Kommissar. Damals war ich nicht richtig vorbereitet. Würde ich jetzt wie durch ein Wunder Bundespräsident, würde ich das Amt natürlich annehmen - und versuchen, es mit einer weltpolitischen Heiterkeit und mit einem besonderen Gerechtigkeitsempfinden auszufüllen.

SPIEGEL ONLINE: Wie sähe Ihre Berliner Rede aus? Bundespräsident Horst Köhler forderte zuletzt eine Agenda 2020.

Sodann: Ich habe mal eine Rede an Herrn Köhler gehalten, damals als er das Amt antrat. Darin sagte ich, dass ich mit der Agenda nicht einverstanden bin. Wenn in diesem Land ein Mensch Angst hat, ein Kind zu zeugen, dann ist das Land nicht in Ordnung. Das ist zwar eine hohe Forderung, aber es kommt auf den Weg an. Das Land gehört niemandem und die Früchte allen. So zu denken, hielte ich für vernünftig.

SPIEGEL ONLINE: Was Sie formulieren, ist der Wunsch nach einem idealen Staat. Den gibt es nicht. Der Versuch in der DDR, diesem Ziel nahe zu kommen, ist erbärmlich gescheitert - das brutale Gegenteil kam heraus.

Sodann: Diese Forderung kam ja nicht nur in DDR auf. Der Sozialdemokrat Kurt Schumacher war einer der ersten, die die Vergesellschaftung des Eigentums forderten, 1945 gleich nach dem Krieg. Und Ähnliches steht im Ahlener Programm der CDU von 1947. Wir haben es in der DDR getan und die Erfahrung gemacht, dass es nicht so einfach ist und wie es nicht geht.

SPIEGEL ONLINE: Nicht so einfach? Die DDR war am Ende nicht mehr zahlungsfähig, die Menschen hauten scharenweise ab.

Sodann: Der Sozialismus der DDR war eben nicht demokratisch und deshalb gar kein Sozialismus. Aber man sollte kein einseitiges Bild zeichnen. Die Menschen in der DDR haben auch Bewahrenswertes geschaffen. Und warten wir mal ab, was hier noch passiert mit der Bankenkrise und wie Deutschland dann dasteht.

SPIEGEL ONLINE: Deutsche-Bank-Chef Ackermann fand es nicht sehr witzig, als Sie sagten, Sie würden ihn gern festnehmen.

Sodann: Das war doch eine Kabarett-Nummer. Er sollte wissen, dass ich ihn gar nicht verhaften kann. Herr Ackermann hat keinen Humor. Wenn ich jetzt die scharfe Kritik aus der Bundesregierung an ihm höre, kann ich so falsch nicht gelegen haben.

SPIEGEL ONLINE: In Union und FDP gab es nach Ihren Äußerungen zur Demokratie schon Rückzugsforderungen. Ihr Vorstoß sei nicht angemessen für einen Bewerber um das höchste Staatsamt, lauteten die Vorwürfe.

Sodann: Was ist denn überhaupt dem Amt angemessen? Das wissen die auch nicht, die mich kritisieren. Was dem Amt angemessen ist, muss man mir doch überlassen, wenn ich das Amt hätte.

SPIEGEL ONLINE: Die Rückzugsforderungen beirren Sie also nicht?

Sodann: Das würden die auch fordern, wenn ich mich noch gar nicht geäußert hätte.

SPIEGEL ONLINE: Würden Sie zugunsten der SPD-Bewerberin Gesine Schwan in einem dritten Wahlgang verzichten?

Sodann: So weit ist es ja noch lange nicht. Aber jeder soll den wählen, den er für den Richtigen hält.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass die Kandidatur Sie verändern könnte? Lernen Sie was in den nächsten Wochen?

Sodann: Natürlich, ich bin ja kein Stur- oder Querkopf.

Das Interview führten Claus Christian Malzahn und Björn Hengst

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