Linkspartei in Hessen "Spielwiese für totalitäre Ambitionen"

Der Einzug in den Landtag scheint greifbar: Demoskopen sehen die Linke in Hessen bei fünf Prozent. Doch aus den eigenen Reihen kommt Kritik. Die Parteiführung sei verlogen und totalitär, sagt ein Direktkandidat - und fordert zum Boykott der eigenen Partei auf.

Von , Solms


Solms - Vier Jahre war Karl-Klaus Sieloff bei der Bundeswehr. Gebirgsjäger, einfacher Soldat. Er musste sich unterordnen, durfte seine Meinung nicht äußern - die Offiziere hatten stets Recht. Das war nicht leicht für den gelernten Industriekaufmann. Er sei nun einmal ein neugieriger und offener Mensch, sagt er. Unrecht und Tyrannei habe er nie ertragen können.

Doch was Sieloff in der hessischen Linkspartei erlebte, lässt die Bundeswehrzeit für ihn heute plötzlich in einem anderen Licht erscheinen. "Die Parteiführung ist verlogen, undemokratisch und totalitär", klagt der 58-Jährige. Im Vergleich dazu habe beim Militär ein liberaler Wind geweht.

Im Sommer ließ sich Sieloff als Direktkandidat für die Landtagswahlen aufstellen. Heute sagt er: "Die Linkspartei darf es am 27. Januar nicht in das Parlament schaffen." An der Spitze der Partei stünden weder Sozialisten noch Demokraten. "Den Ton geben Anarchisten, Altkommunisten und Chaoten an", schimpft der langjährige Gewerkschafter und Betriebsrat.

Sieloff sitzt in seiner Küche im mittelhessischen Solms. Seine Stimme zittert, im Gesicht bilden sich rote Flecken. Er regt sich auf. "Heute hat mich die Landesvorsitzende Ulrike Eifler endlich zu einem Gespräch eingeladen. Aber warum? Weil ich an die Öffentlichkeit gegangen bin und nun ein Problem darstelle."

Tatsächlich: In einer E-Mail schreibt Eifler, am Dienstag wolle sie mit den Genossen des Lahn-Dill-Kreises "über Probleme, Problemlösungsstrategien und das Medieninteresse an Karl-Klaus reden". Klingt nach einem Maulkorb. Den will sich der Solmser aber "auf keinen Fall" verpassen lassen, versichert er. Dann erzählt er seine Geschichte, die in Teilen wie das Drehbuch eines schlechten Filmes klingt. Doch alles was er sagt belegt Sieloff mit Dokumenten. Zwei umfangreiche Ordner legt er vor sich auf den Küchentisch - gefüllt mit Vorstandsprotokollen, Positionspapieren und Schriftverkehr.

Unliebsame Genossen wurden "brutal rausgedrängt"

Mittelpunkt seiner Erzählungen ist immer wieder ein Mann: Wolfgang Weber. "Ein Anarchist, der unseren Kreisverband zur Spielwiese seiner totalitären Ambitionen gemacht hat", so Sieloff. Weber habe den Vorstand nach seinen Vorstellungen besetzt und unliebsame Genossen "brutal rausgedrängt". Seine Attacken zielten vor allem gegen ehemalige Mitglieder der WASG, der Wahlalternative für Arbeit und Soziale Gerechtigkeit, einer Vereinigung, die 2005 entscheidend am guten Abschneiden der Linken bei der Bundestagswahl beteiligt war.

Gefährdet ist vor allem, wer es wagt, die verbreitete DDR-Nostalgie zu kritisieren. "Die Verbrechen der DDR anzusprechen oder von Aufarbeitung zu sprechen, ist absolut tabu. Da wird man sofort als Rechter beschimpft", erzählt Sieloff. Bei seinem Bestreben, sich die Kreispartei zu unterwerfen, sei Weber jedes Mittel recht gewesen. Sieloff spricht von Stasi-Methoden. Vorstandsmitglieder wurden ausgehorcht. Zu einer Wahl brachte Weber seine halbe Familie mit. Dass die Verwandten laut Satzung gar kein Stimmrecht hatten, interessierte den Ex-PDS-Mann nicht. Immer wieder bat Sieloff den Landesvorstand um Hilfe. Sogar ein Parteiausschlussverfahren setzte er gemeinsam mit alten WASG-Mitstreitern in Gang. Alles vergebens.

Der Landesvorstand rührte sich nicht. Nicht einmal den Eingang des Ausschlussbegehrens habe man ihm bestätigt, beschwert sich Sieloff. Ende Oktober dann der Eklat: Der 58-jährige Witwer wird auf einer außerplanmäßigen Sitzung aus dem Kreisvorstand geworfen. In Abwesenheit - eine Einladung hatte er erst gar nicht erhalten. Als der geschasste Kommunalpolitiker ein Protokoll der Sitzung verlangt, erntet er lediglich ein müdes Lächeln und die Auskunft, es sei ein Arbeitstreffen gewesen, davon gebe es doch kein Protokoll.

"Lafontaine hat das Erbe der WASG verraten"

Noch einmal ruft Sieloff den Landesvorstand an. Er legt Einspruch gegen seine Abwahl ein. Wieder tut sich nichts. Da reicht es ihm. Das kann kein Zufall mehr sein, denkt er sich. Nach 43 Jahren in der Gewerkschaft und 17 Jahren SPD hatte er große Hoffnungen in die neue Partei gesetzt. Doch rückblickend sei die Fusion mit der PDS ein "schwerer Fehler" gewesen.

Auch von Parteichef Oskar Lafontaine ist Sieloff tief enttäuscht. Der Saarländer habe das Erbe der WASG verraten. "Er hat uns im Stich gelassen. Genau wie er sich 1999 als SPD-Vorsitzender davongestohlen hat."

Sieloff will seine Kandidatur zurückziehen, darf dies aber rein rechtlich nicht. Die Fristen des hessischen Wahlgesetzes sind bereits abgelaufen. So kandidiert im nördlichen Lahn-Dill-Kreis nun ein Direktkandidat für die Linkspartei, der davor warnt, eben dieser Partei die Stimme zu geben.

Die alten Gegner im Kreisvorstand sehen nur noch einen Ausweg: den Parteiausschluss von Sieloff. Doch damit will dieser sich "keinesfalls" abfinden. Er protestiert energisch gegen einen Rausschmiss - allein schon um zu sehen, wie der Landesvorstand dieses Mal reagiert.



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