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18. Juni 2005, 19:34 Uhr

Linkspartei

Lafontaine reißt die WASG auf seine Seite

Am Anfang wurde er ausgebuht, am Ende mit einem grandiosen Ergebnis zum vorläufigen Spitzenkandidaten der Wahlalternative in NRW gewählt: Für den Ex-SPD-Chef Oskar Lafontaine hat heute auf dem Landesparteitag der WASG der Wahlkampf begonnen. Die Chancen des Linksbündnisses hält er für historisch.

Lafontaine nach der Abstimmung: Fulminante Rede
DPA

Lafontaine nach der Abstimmung: Fulminante Rede

Köln - 124 der 162 Delegierten stimmten heute für Lafontaine als Spitzenkandidat an Rhein und Ruhr. Mit diesem glänzenden Ergebnis etablierte sich der Saarländer endgültig als Gallionsfigur und Wahlkampflokomotive der Linkspartei Wahlalternative für Arbeit und Soziale Gerechtigkeit (WASG). Zuvor hatte er auf dem Landesparteitag der Linkspartei eine flammende Rede gehalten. "Wir können stärker werden als die FDP, wir können stärker werden als die Grünen und stärker werden als die CSU", rief Lafontaine den Delegierten unter lautem Applaus zu.

"Auf dem Weg dorthin können wir nur selbst uns noch ein Bein stellen, die anderen können das nicht mehr", erklärte der SPD-Dissident kampfeslustig. Das beabsichtigte Wahlbündnis von WASG und PDS begrüßte er ausdrücklich und bezeichnete die Chance als "historisch". "Wir machen ernst damit, dass wir nicht Schulter zuckend zugucken, wie Fleischer oder Fliesenleger ihre Arbeit verlieren und ihre Familien nicht mehr ernähren können", rief Lafontaine und ging mit der rot-grünen Bundesregierung scharf ins Gericht. Er forderte staatliche Investitionen und höhere Steuern für Reiche.

In Bezug auf die PDS sagte Lafontaine, er verstehe die Einwände einiger WASG-Mitglieder gegen ein Bündnis. Die Partei habe sich jedoch seit dem Mauerfall grundlegend gewandelt. Gehe man nicht zusammen, bestehe die Gefahr, dass zwei linke Parteien miteinander konkurrierten, sagte er.

"Die Kuh ist vom Eis"

Die heute in Köln beschlossene Liste ist nur vorläufig, weil die WASG für den Fall eines Zusammengehens mit der PDS keine eigene Landesliste aufstellen kann. Öffentlichkeitswirksam trat Lafontaine heute der WASG auch offiziell bei. "Meine Frau ist bereits eingetreten. Ich habe heute unterschrieben", erklärte er am Rande des Parteitages.

Lafontaine mit PDS-Politiker Gysi: "Historische Chance"
REUTERS

Lafontaine mit PDS-Politiker Gysi: "Historische Chance"

WASG und PDS versuchten heute auf mehreren parallel stattfindenden Landesparteitagen, die Konturen ihres angestrebten Bündnisses deutlicher heraus zu arbeiten. Für die PDS machten deren voraussichtlicher Spitzenkandidat Gregor Gysi und Wahlkampfleiter Bodo Ramelow Werbung für das Bündnis. "Ost und West gehen zusammen, um diese Gesellschaft wieder anders zu organisieren, sozial gerechter, aber auch ökologischer, feministischer und friedenspolitischer", rief Gysi unter dem Beifall der rund 300 Teilnehmer. Mit ihrer Verankerung nur im Osten bleibe die PDS bei jeder Bundestagswahl in der Ungewissheit, ob sie die Fünf-Prozent-Hürde überspringen könne, sagte Gysi beim Wahlkampfauftakt der Berliner PDS. Die PDS betrachtet die Hürden auf dem Weg zum Linksbündnis mit der WASG als genommen: "Für mich ist die Kuh vom Eis", sagte Ramelow.

Unklarheit herrscht dagegen noch immer über den Namen, unter dem die beiden Parteien bei der Bundestagswahl antreten werden. Gysi warb dafür, dass die PDS den Kompromiss absegnet, sich den Namen "Demokratische Linke.PDS" zu geben. Die Landesverbände der beiden Parteien sollen jedoch abweichende Namen führen dürfen. Der niedersächsische Landeswahlleiter machte Bedenken geltend: "Der Beschluss der beiden Parteispitzen ist unzulässig. Erlaubt wäre nur ein bundesweit einheitlicher Name", sagte Karl-Ludwig Strelen heute.

Die SPD kündigte an, beide Parteien im Wahlkampf scharf zu attackieren. "Ohne Schonung" werde man sie angreifen, kündigte Parteichef Franz Müntefering an. Der bayerische SPD-Vorsitzende Ludwig Stiegler attackierte Lafontaine und bezeichnete ihn als "nützlichen Idioten" der Rechten. Lafontaine hatte ausländische Arbeitnehmer als "Fremdarbeiter" tituliert und damit Kritik auf sich gezogen, weil es sich dabei um einen Begriff aus dem Nazi-Jargon handle.

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