Listenparteitag in Berlin Grüne lassen Dutschke durchfallen

Marek Dutschke hatte gehofft, die Grünen seien spontan genug, einem Außenseiter einen sicheren Listenplatz zu geben. Doch denen stand der Sinn nach pragmatischen Politprofis: Renate Künast und Wolfgang Wieland gewannen, Dutschke und der Abgeordnete Werner Schulz blieben auf der Strecke.

Von Yassin Musharbash


Marek Dutschke: Gescheitert in zwei Anläufen
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Marek Dutschke: Gescheitert in zwei Anläufen

Berlin - "Wenn der nicht Rudis Sohn wäre, dann würde ich ihm in den Arsch treten", raunte ein grüner Mandatsträger im Kreise seiner Parteifreunde. Gemünzt waren diese Worte auf Marek Dutschke, den Sohn des 1979 verstorbenen Studentenführers Rudi Dutschke, der sich heute auf dem Listenparteitag der Berliner Grünen um einen sicheren Listenplatz für die Bundestagswahl bewarb - und scheiterte.

Zwar hat der 25-jährige Dutschke auch Förderer und Freunde in der grünen Partei; doch die Skepsis überwog heute: Nur 104 Stimmen erhielt er bei der Abstimmung um den als sicher geltenden zweiten Platz der Berliner Liste; ebenfalls enttäuschende 169 Stimmen entfielen auf den Bundestagsabgeordneten Werner Schulz, jubilieren durfte der Berliner Landespolitiker Wolfgang Wieland, dessen souveräne Rede ihm 516 der gültigen 799 Stimmen einbrachte.

Dutschke hatte seine Kandidatur vor zwei Wochen überraschend angemeldet. Vielfach war ihm daraufhin - vor allem unter der Hand - vorgeworfen worden, er kokettiere zum Zwecke seiner Karriere mit dem Namen des berühmten Vaters. "Warum hast Du nie im Kreisverband Zehlendorf mitgearbeitet?", "Findest Du, dass dein Marsch durch die Institutionen ganz oben anfangen sollte?" - Diese Fragen, die Duschke heute bei der Kandidatenvorstellung beantworten musste, stehen stellvertretend für die Vorbehalte, die ihm aus den Reihen der Grünen entgegen schlugen.

Buhrufe gegen Dutschke

Dabei verhehlte Dutschke gar nicht, dass er keinerlei Basiserfahrung hat. "Ich bin auch kein Fachpolitiker", bekannte er in seiner Rede freimütig. "Aber meine grüne Seele und mein grünes Herz sagen mir, dass jetzt die Zeit zum Handeln ist." Dutschke appellierte an die Grünen als eine Partei, die alternativ und spontan genug seien, auch einem Außenseiter wie ihm eine Chance zu geben. "Ich bin kein Parteisoldat", sagte er, "meine Kandidatur ist ein Angebot zur Erneuerung." Er warb für eine linkere Ausrichtung der Grünen.

Lachender Dritter: Wolfgang Wieland
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Lachender Dritter: Wolfgang Wieland

Doch zu mehr als freundlichem Applaus reichte es nicht. Als er berichtete, dass er durchaus Erfahrung mit dem Hineinwachsen in ungewohnte Situationen habe und zur Illustration erzählte, wie er als Fünfjähriger ohne Englischkenntnisse von Dänemark in die USA übersiedelte, da schallten ihm sogar Buhrufe entgegen - und für einen Moment wirkten die Grünen nicht wie die tolerante Partei, als die sich so gerne verkaufen.

Weit mehr Chancen als Dutschke wurden dem Bundestagsabgeordneten und Ex-DDR-Bürgerrechtler Werner Schulz eingeräumt. Doch dessen Rede geriet ein wenig zu geziert mit allerlei kabarettistischen Wortspielchen, um wirklich mitreißend zu sein. Immerhin stellte Schulz klar: "Machen wir uns doch nichts vor, wir gehen in die Opposition." Aber auch diese Ehrlichkeit wurde nicht honoriert - gemessen an seinem Überraschungserfolg 2002, als Schulz mit einer fulminanten Rede seinen Konkurrenten Hans-Christian Ströbele ausschaltete, stellen die 169 Stimmen eine Niederlage dar.

Kritik an der SPD

Renate Künast: Lokomotive auf Platz eins
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Renate Künast: Lokomotive auf Platz eins

Freuen durfte sich so am Ende Wolfgang Wieland, langjähriger Berliner Landespolitiker, der sich in den letzten Tagen in mehreren Interviews als Generalist zu etablieren versucht hatte. Wieland übte in seiner Rede zwar deutliche Kritik an Rot-Grün, etwa am Umgang mit der Visa-Affäre und Hartz-IV-Details, gab den Mitgliedern aber zugleich genügend Hoffnung auf fundierte und pragmatische grüne Politik mit, um zu seinem mit rund 64 Prozent überraschend guten Ergebnis zu gelangen.

Die Schlacht um Platz zwei war damit entschieden. Sie galt als spannendste Entscheidung des Listenparteitages, denn ziehen die Grünen in den Bundestag ein, so gelten die ersten drei Plätze als sicher; die Plätze 1 und 3 sind aber für Frauen reserviert, und die sicherten sich erwartungsgemäß unangefochten Bundesverbraucherschutzministerin Renate Künast (88,3 Prozent) beziehungsweise Sybill Klotz (85,4 Prozent), Fraktionsvorsitzende der Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus. Den als wenig sicher geltenden Platz 4 ergatterte anschließend in einer Kampfabstimmung Öczan Mutlu, Mitglied des Berliner Landesparlaments - gegen Dutschke und Schulz, die erneut angetreten waren.

Etwa 800 Grünen-Mitglieder waren zu dem Parteitag erschienen; ihren beiden Spitzenkandidaten Künast und Wieland sowie der Parteivorsitzenden Claudia Roth zollten sie ausgiebigen Beifall. In der Aussprache über die aktuelle politische Situation wurde allerdings ebenfalls deutlich, dass viele Grüne erleichtert darüber sind, dass sie nun - unabhängig von der SPD - Wahlkampf machen können. Etliche rot-grüne Gesetze wurden von den Mitgliedern massiv kritisiert, insbesondere die Härten bei Hartz IV, das durchgewinkte Rüstungsprojekt MEADS und die Steuersenkungen für Spitzenverdiener und Unternehmen.

Auch Parteichefin Roth setzte sich erneut von der SPD ab und schalt sie als "Auto- und Kohlepartei", Kanzler Schröders Vorstoß für die Gentechnik als "Machbarkeitswahn". Für den Fall einer Wahlniederlage kündigte Roth in ihrer kämpferischen Rede aber vorsorglich auch schon einmal an: "Wir haben Opposition gelernt."



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