Lohnverzicht von Älteren Experten verteidigen Oettinger

Ältere Arbeitnehmer sollen auf Lohn verzichten, um ihre Arbeitsplätze zu sichern - mit diesem Vorschlag hat der baden-württembergische Ministerpräsident Günther Oettinger einen Proteststurm ausgelöst. Doch eine ganze Reihe von Experten gibt dem CDU-Politiker Recht.


Berlin - Es hagelte Leserbriefe, nachdem SPIEGEL ONLINE über den jüngsten Vorschlag des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Oettinger berichtet hatte. Der 52-jährige Regierungschef hatte angeregt, dass ältere Arbeitnehmer, um ihre Arbeitsplätze zu sichern, auf einen Teil ihrer Verantwortung und auch auf Gehalt verzichten sollten. Für Protest sorgte vor allem die (später abgeschwächte) Begründung, die Leistungsfähigkeit eines Menschen nehme ab 40 ab.

Günther Oettinger: Tabubrecher oder Schwätzer?
DPA

Günther Oettinger: Tabubrecher oder Schwätzer?

"Aberwitziger Vorschlag", "Hirngespinst", "Schwätzer" lauteten die Reaktionen der Leser. "Wenn 40-Jährige angeblich schon anfangen abzubauen, was macht dann er selbst?", fragte der Präsident des Sozialverbandes VdK, Walter Hirrlinger, in der "Passauer Neuen Presse". SPD-Generalsekretär Hubertus Heil empfahl Oettinger, in den Vorruhestand zu gehen.

Etliche Experten jedoch geben Oettinger Recht. Eine vor kurzem veröffentlichte OECD-Studie kommt zu der Empfehlung, dass die Entlohnung älterer Arbeitnehmer sich künftig stärker an deren Leistungsfähigkeit orientieren solle. Zwar sei Oettingers Pauschalurteil über die abnehmende Leistungsfähigkeit älterer Menschen falsch, sagte der Autor der Studie, Christopher Prinz, gegenüber SPIEGEL ONLINE. "Dafür gibt es keinerlei Beweise". Aber die Abkehr vom Senioritätsprinzip sei dringend geboten. Die Vorstellung, dass das Gehalt mit dem Alter automatisch zunehme, sei angesichts der Einstellungspolitik der meisten Unternehmen nicht mehr zeitgemäß.

"Wenn Unternehmen sich weigern, ältere Arbeitnehmer einzustellen, muss man umdenken", sagte Prinz. "Älter" definiert die OECD als über 50. Um als älterer Arbeitnehmer für ein Unternehmen attraktiv zu bleiben, müsse er sich entweder weiterbilden oder aber bei den Gehaltsvorstellungen runtergehen, so Prinz. Letzteres sei "in unserer Kultur ein absolutes Tabu". Der Vorschlag von Oettinger sei daher zu begrüßen. Die angelsächsischen Länder seien längst flexibler - nicht zuletzt wegen schwächerer Gewerkschaften.

In Deutschland arbeiten nur noch 41 Prozent der 55- bis 64-Jährigen - das liegt deutlich unter dem OECD-Durchschnitt. Die OECD-Studie empfiehlt Weiterbildungsprogramme für Ältere. Diese seien aber nur sinnvoll, wenn gleichzeitig die Frühverrentungshilfen gestoppt würden, so Prinz. Die gesellschaftliche Akzeptanz des Vorruhestandes führe dazu, dass Unternehmen bei Stellenabbau immer zuerst die Ältesten entlassen, nicht die Leistungsschwächsten.

Auch der Tübinger Arbeitsrechtler Eduard Picker hält Oettingers Vorstoß für richtig. Zwar könne man nicht pauschal von einem Leistungsabfall ab 40 reden. Außerdem gebe es Jobs, die Erfahrung benötigten. Aber über die Gehälter von älteren Arbeitnehmern müsse diskutiert werden. "Das Senioritätsprinzip muss überdacht werden", sagte der Professor SPIEGEL ONLINE.

Picker will den Bestandsschutz als "geldwerte Leistung" definieren, der als Teil des Gesamtgehalts berücksichtigt werden müsse. Industriebosse und politische Beamte zum Beispiel verdienten sehr viel Geld, könnten aber jederzeit gefeuert werden. In dieser Logik würde ein Gehaltsverzicht von älteren Arbeitnehmern durch die erhöhte Arbeitsplatzsicherheit ausgeglichen.

Im aktuellen Tarifvertrag für die 2,3 Millionen Beschäftigten des öffentlichen Dienstes in Bund und Kommunen wird das Senioritätsprinzip bereits aufgeweicht. An die Stelle des Dienstalters treten in dem neuen System "Erfahrungsstufen" und "Leistungsstufen". Es ist keine radikale Reform, doch die Richtung ist klar. "Die Väter werden in Zukunft besser bezahlt als die Großväter", lobte der damalige Innenminister Otto Schily bei der Unterzeichnung des Vertrages im September.

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Weniger Geld für ältere Angestellte?

Günther Oettinger, 52, hat vorgeschlagen, dass ältere Arbeitnehmer auf Gehalt verzichten sollten, um ihre Arbeitsplätze zu sichern. Schließlich nehme die Leistungsfähigkeit ab einem Alter von 40 ab. Was halten Sie davon?



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