Ludwigshafen Ermittler vermuten Brandherd im Keller

Neue Spur in Ludwigshafen: Die Polizei verfolgt nach Informationen des SPIEGEL Hinweise, nach denen der verheerende Wohnhausbrand im Keller des Gebäudes ausbrach. Die Elektrik soll marode gewesen sein.


Ludwigshafen - Einer der wichtigsten Zeugen in dem Brandfall ist ein älterer Bewohner des Gebäudes, offenbar der erste Erwachsene, der auf den Brand aufmerksam wurde. Nach Informationen des SPIEGEL wurde der Mann von seinen Enkelinnen mit den Worten "es riecht verbrannt" auf das Feuer aufmerksam gemacht. Der Mann sei daraufhin ins Erdgeschoss gelaufen und habe dort eine in Flammen stehende Kellertür und eine brennende Wand entdeckt. Ins Untergeschoss hätte er nicht mehr vordringen können. Dem sich ausbreitenden Feuer fielen neun Menschen zum Opfer, 60 weitere wurden verletzt.

Ausgebranntes Haus in Ludwigshafen: Brandherd im Keller?
AP

Ausgebranntes Haus in Ludwigshafen: Brandherd im Keller?

Diese Darstellung weckt erhebliche Zweifel an der Aussage der beiden Mädchen, die einen unbekannten Mann im Flur beobachtet haben wollen. Der Mann habe dort einen Kinderwagen angezündet, sagten die beiden acht und neun Jahre Alten Kinder aus. Dass der Brand nun im Keller ausgebrochen sein soll, passt nicht zur Anschlagsthese. Der Großvater berichtete der Polizei laut SPIEGEL zudem, die Kinder hätten von einem Fremden im Flur nichts gesagt.

Auch hätten sich die Aussagen der beiden acht- und neunjährigen Mädchen widersprochen, heißt es im Münchner Magazin "Focus". Bei der Beschreibung des Mannes hätte es Unstimmigkeiten gegeben. Eines der beiden Mädchen habe zunächst bejaht, dass der angebliche Täter Sommersprossen gehabt habe, musste dann aber zugeben, dass es gar nicht wusste, was Sommersprossen sind.

Nach Erkenntnissen der Polizei war der Großvater der einzige, der einen Schlüssel für die Kellertür besaß. Er hielt sie demnach gewöhnlich verschlossen. Im Keller fanden die Ermittler keine Spuren von Brandbeschleuniger, obwohl bei der Suche Messgeräte und Spürhunde eingesetzt wurden.

Marode Leitungen, Bericht über illegale Stromentnahme

Angehörige der Opfer und ein früherer Mieter berichteten, die Elektrik des ausgebrannten Gebäudes sei marode gewesen. Man habe sich nie darauf verlassen können, dass die Klingel oder das Licht funktionierten, sagte Fatma Calar, Schwägerin der toten Hülya K.: "Mal ging es, mal nicht", sagte Calar, die mit ihrer Schwägerin den Faschingszug vor dem Haus verfolgt hatte. Laut Calar hatten sich Bewohner auch wiederholt bei den beiden türkischen Vermietern über den Zustand des Gebäudes beschwert. Passiert sei daraufhin aber nichts.

Auch der ehemalige Geschäftsführer einer Skinhead-Kneipe, die von 1989 bis 1992 im Erdgeschoss lag, berichtet von verrotteter Elektrik zum damaligen Zeitpunkt. "Ständig flogen Sicherungen raus. Die Installationen waren unter aller Sau." Allerdings scheidet der Sicherungskasten als Brandherd nach ersten Gutachten der polizeilichen Brandermittler offenbar aus.

Der Polizei soll außerdem eine namentliche Zeugenaussage vorliegen, derzufolge im Keller des Gebäudes illegal Strom abgezapft worden sei, berichtet das Magazin "Focus".

Unmittelbar vor dem Brand gab es nach Angaben von Fatma Calar eine ausländerfeindliche Schmähung gegen sie und ihre Schwägerin Hülya. Am Rande des Karnevalszuges habe sie ein junges Paar als "Scheiß-Türken" beschimpft. Calar sagte, sie sei daraufhin in ihre eigene Wohnung in Ludwigshafen zurückgekehrt. Ihre Schwägerin Hülya sei mit den Kindern Dilara und Karanfil in ihre Wohnung im Brandhaus gegangen, wo sie kurz danach starben.

In türkischen Medien war kurz nach dem Brand spekuliert worden, es könne sich um einen ausländerfeindlichen Anschlag gehandelt haben. Der Fall hat für Spannungen zwischen Deutschland und der Türkei geführt. Bei seinem Besuch in Deutschland bemüht sich der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan aber auch darum, die Wogen zu glätten. Er übermittelte Grüße von "ganzem Herzen" und sprach von der "großen Freundschaft", die sich in den vergangenen Jahrzehnten zwischen Deutschen und Türken entwickelt hätte. Sowohl Erdogan als auch Bundeskanzlerin Angela Merkel riefen zur Besonnenheit auf.

Erdogan mahnte heute auf der Münchner Sicherheitskonferenz, es dürften keine voreiligen Schlüsse über die Ursachen des Feuers gezogen werden. Er lobte erneut, die deutsche Polizei und die Feuerwehr hätten "eine sehr gute Arbeit geleistet". Damit sei ein weitaus größeres Ausmaß der Katastrophe verhindert worden.

cis/ddp

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