Luisa Neubauer im SPIEGEL-Spitzengespräch »Im Schatten von Corona wird Klimazerstörung vorangetrieben«

Klimaschutz, war da was? Die Corona-Pandemie verdrängt eine andere große Krise unserer Zeit. »Fridays for Future«-Aktivistin Luisa Neubauer sagt, was die Politik im Krisenmodus versäumt hat.
Aktivistin Neubauer im SPIEGEL-Gespräch: »Als würde all das immer so weitergehen können«

Aktivistin Neubauer im SPIEGEL-Gespräch: »Als würde all das immer so weitergehen können«

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Kein Thema hat die Politik im vergangenen Jahr so beschäftigt wie die Coronakrise. Andere Themen gerieten in den Hintergrund – sehr zum Missfallen der Klimaschutzaktivistin Luisa Neubauer. Im SPIEGEL-Spitzengespräch mit Moderator Markus Feldenkirchen zeigte sich Neubauer über den Umgang mit der Klimakrise während der Pandemie enttäuscht.

Natürlich sei es von absoluter Priorität, viel Energie und Ressourcen in die Bekämpfung der Pandemie zu stecken, sagte Neubauer. Doch hätten die vergangenen Monate gezeigt, »wie dermaßen schlecht Regierungen, Gesellschaften und Wirtschaften weltweit sind, wenn es darum geht, gleichzeitig mehrere Krisen ernstzunehmen, und das ist in einer Epoche der multiplen Krisen keine gute Botschaft«.

Neubauer ist eine der bekanntesten Vertreterinnen der »Fridays for Future«-Bewegung. Auf die Frage, ob sie 2020 als gutes oder schlechtes Jahr für das Klima bezeichnen würde, sagte Neubauer: »Ich würde nicht sagen, dass es ein schlechtes Jahr fürs Klima war – ich würde eher sagen, dass es ein katastrophales war.«

Konjunkturhilfen an »fossile Unternehmen«

Zwar lagen die weltweiten CO2-Emissionen im vergangenen Jahr deutlich unter denen des Vorjahres. Doch Neubauer sieht keine Trendwende. Es handele sich nur um kurzfristige und zufällig durch die Corona-Maßnahmen entstandene Effekte, ohne nachhaltige klimapolitische Strategie, sagte sie. Diese Einschätzung teilen führende Klimaforscher, die in dem Rückgang nur einen »vorübergehenden Aufschub« der Klimakrise sehen.

Die Coronakrise habe nicht nur dazu geführt, dass dem Thema Klimawandel weniger Aufmerksamkeit geschenkt worden sei – sie habe die Klimaprobleme sogar noch verstärkt, sagte Neubauer. Es seien Konjunkturhilfen an »fossile Unternehmen« geflossen, ohne von diesen im Gegenzug verbindliche Klimazusagen zu fordern.

Gleichzeitig habe die Pandemie es vielen Unternehmen erlaubt, ohne nennenswerten Gegenwind umstrittene Projekte umzusetzen: »Während wir sprechen, werden Dörfer im Rheinland zerstört . Dagegen würde ich eigentlich demonstrieren, das geht aber nicht. Corona macht es Unternehmen wie RWE sehr leicht, weiter Klimazerstörung zu betreiben.«

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»Wir müssen niemandem mehr erklären, was eine Krise bedeutet«

Doch die Pandemie habe auch positive Effekte. Ein Beispiel: Während es zuvor eine der Kernaufgaben von »Fridays for Future« gewesen sei, Menschen klarzumachen, dass sich die Welt in einer Krise befinde, sei dies nun nicht mehr nötig: »Wir müssen niemandem mehr erklären, was eine Krise bedeutet«, sagte Neubauer. »Wir müssen auch niemandem mehr zeigen, dass eine Krise ganz schnell da sein kann, wie persönlich sie wird und wie belastend sie wird.« Stattdessen könne man nach vorn blicken und sich auf die Frage konzentrieren, wie eine klimagerechte Welt aussehen könne.

Neubauer sagte, sie habe nicht den Anspruch an sich oder andere, »in irgendeiner Weise eine Klimaheilige zu sein«. Es gehe ihr und der Bewegung nicht um die Verantwortung einzelner Konsumentinnen und Konsumenten.

Vielmehr versuchten sie, Menschen zu zeigen, dass sie auch abseits des Konsumentendaseins Möglichkeiten zur politischen Einflussnahme hätten. Neubauer verwies auf ihre eigene Familie: Aufgewachsen in den Elbvororten, eine Mittelstandsfamilie mit zwei Autos. Die Familie habe sich zwar politisch ausgetauscht und für Umweltfragen interessiert, sei aber »auf eine Art achtlos gewesen, was unser Beitrag und unsere Rolle in der Klimakrise ist«.

Genau das sei das grundlegende Problem des Klimawandels: »Millionen Menschen, denen es an wenig mangelt – insbesondere im globalen Norden, insbesondere in Industrieländern – die sich wahnsinnig gut informieren können, die wissen, woher ihre Produkte kommen und welche Rolle sie politisch einnehmen – und die trotzdem so weitermachen, als würde all das immer so weitergehen können.«

»Die Klimakrise ist im Kern eine soziale Krise«

Mit Blick auf die Bundestagswahl im Herbst sagte Neubauer, sie erwarte von allen Parteien Klimaschutzpläne, die eine maximale Erderwärmung von 1,5 Grad anpeilen. Umfragen zeigten schon jetzt, dass die kommende Wahl wie keine andere zuvor von dem Thema Klimawandel geprägt sein werde.

Auch vom neuen CDU-Vorsitzenden Armin Laschet erwartet Neubauer eine entsprechende Kursänderung. Laschet war in der Vergangenheit durch Themen wie die Rodung des Hambacher Forstes eines der Feindbilder von »Fridays for Future«. Sie hoffe, dass Laschet sich nun gute Beratung hole und ein ökologisches Konzept mit seiner Partei ausarbeite.

»Die Klimakrise ist im Kern eine soziale Krise«, sagte Neubauer, »das müssen wir uns bewusst machen.« Sie treffe besonders die Menschen hart, die nicht das Geld hätten, ihr Haus besser zu versichern oder von dreckigen Straßen und Hitze-Hotspots in den Städten wegzuziehen.

Klimaschutz sei nichts, was man nur in Maßen beschließen dürfe, damit man den Menschen nicht zu viel zumute. Die Klimakrise sei »der Elefant im Raum«, vor der die Menschen geschützt werden müssten. Das stärke letztlich Demokratien und ihre Institutionen – und zeige den Menschen, dass sie diesen vertrauen könnten.

zob