Luxemburg-Stiftung feiert Hans Modrow "Gorbatschow hat die DDR vernichtet"

Hans Modrow, vorletzter Ministerpräsident der DDR, feiert seinen 80. Geburtstag - und die Genossen aus ZK, SED, NVA und FDJ feiern mit. Sein wichtigstes Verdienst wird von den Laudatoren erwartungsgemäß nicht erwähnt: dass Modrow sich nicht gegen den Lauf der Geschichte stemmte.

Von Reinhard Mohr


Berlin - Es ist immer schön, wenn Menschen sich herzlich begrüßen, ja stürmisch umarmen, die sich ein halbes Leben oder länger kennen. In Sekundenbruchteilen läuft der Film des Lebens ab, und die Gefühlsausbrüche sind echt. So auch gestern Abend im traditionsreichen Gebäude der einstigen SED-Staats- und Parteizeitung "Neues Deutschland" unweit des Berliner Ostbahnhofs, wo die Rosa-Luxemburg-Stiftung der Ex-SED/PDS/Die Linke zum "Ehrenkolloquium" für ihren Ehrenvorsitzenden Hans Modrow geladen hatte.

Blumen für Modrow: "Juut siehste aus!"
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Blumen für Modrow: "Juut siehste aus!"

Der vorletzte Ministerpräsident der DDR aus den Reihen der früheren Einheitspartei war am vergangenen Sonntag 80 Jahre alt geworden. Gut hundert Gäste sind gekommen, darunter auch der kubanische und der russische Botschafter. Schon an der Garderobe wurde der "Hans" von seinen alten Genossen mit wärmenden Worten begrüßt. "Juut siehste aus, aber erzähl’ jetzt nix von täglichem Einreiben mit Zitronenwasser!" Wahrscheinlich ist es einfach die unverbrüchliche Treue zur Arbeiterklasse, die den Menschen jung hält. Heuschrecken sterben früher.

Man duzt sich, man umarmt sich, man lacht, und im Foyer des Willi-Münzenberg-Saales – Münzenberg war der große kommunistische Gegenspieler des deutschnationalen Pressemoguls und Hitler-Helfers Hugenberg – trägt man sich bereitwillig in Listen ein, die auch die Frage nach dem Alter einschließen. Das wäre aber gar nicht nötig gewesen, denn schon ein flüchtiger Blick über die Stuhlreihen in dem kahlen Saal mit hässlichem Neonlicht von der Decke zeigt lauter weißgraue Haarschöpfe und schlecht sitzende Sakkos.

Der Altersschnitt dürfte bei Mitte sechzig liegen, auf dem Podium bei siebzig Jahren. Tausende von DDR-, FDJ-, NVA-, ZK-, SED- und Kombinats-Jahren sind hier versammelt, ein leibhaftiger Gesellschafts- und Familienroman aus der Epoche des real existierenden Sozialismus. Das halbe Kabinett Modrow aus den Monaten zwischen Dezember 1989 und März 1990 ist da, und immer wieder meint der nicht ganz Nomenklatura-feste Westbeobachter, einen alten Stasi- oder Grenztruppengeneral zu erkennen. Sei’s drum.

Getrübte Erinnerung, starke Gefühle

Auch der Chef der Rosa-Luxemburg-Stiftung, Heinz Vietze, 60, kommt einem irgendwie bekannt vor, während er trotz seines mächtigen Körpers flink zwischen den Gästen herumwuselt und Hände schüttelt. Von 1984 bis 1989 war er 1. Sekretär der SED-Kreisleitung in Oranienburg und Potsdam gewesen, und noch am 14. September 1989, auf der 7. Tagung der SED-Kreisleitung Potsdam, stand er unerschütterlich zur großen Sache: "Wenn der Gegner sich zum direkten Kampf in seinem Schützengraben gegen uns erhebt und scharf zielt und alles einsetzt, worüber er verfügt, dann muss in der Deutschen Demokratischen Republik in diesem Schützengraben die Diskussion über das letzte Flugblatt oder die Schützengrabenzeitung aufhören, sondern wir müssen darüber reden, wer zielt auf diesen Gegner, und zwar mit Kampfkraft, mit klassenmäßiger Position!"

Lange her ist das alles, aber die Gefühle bleiben stark, auch wenn die Erinnerung getrübt scheint.

Selbst Parteichef Lothar Bisky, sonst nicht unbedingt ein Ausbund an Leidenschaft, geht förmlich auf inmitten seiner alten Genossen, und man ahnt den letzten Hauch eines anderen Jahrhunderts, in dem die Brüder, Schwestern und Genossen tatsächlich "Teilnehmer eines historischen Ringens um Gerechtigkeit und Fortschritt" waren, wie es in einer verlesenen Grußadresse hieß.



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