Entlassener MAD-Präsident Gramm Der bittere Abschied eines Geheimdienstchefs

Mit einem emotionalen, teils frustrierten Brief verabschiedet sich der abgesetzte MAD-Chef Gramm von seinen Agenten. Auf den Bundeswehr-Geheimdienst kommen auch unter neuer Führung schwere Zeiten zu, warnt er.
In den Ruhestand versetzt: Christof Gramm, Präsident des Militärischen Abschirmdienstes (MAD)

In den Ruhestand versetzt: Christof Gramm, Präsident des Militärischen Abschirmdienstes (MAD)

Foto: Jens Schicke / imago images/Jens Schicke

Seinen Abschiedsbrief hatte Christof Gramm schon weitgehend vorbereitet, als er sich am Donnerstagvormittag in der MAD-Zentrale mit der Verteidigungsministerin traf. Nachdem Annegret Kramp-Karrenbauer ihm unter vier Augen seine Versetzung in den Ruhestand unterbreitet hatte, machte Gramm nur noch letzte Änderungen. Handschriftlich setzte er Datum und Unterschrift ein. Dann verschickte der gerade zum Pensionär degradierte Präsident seinen Brief an seine Mitarbeiter.

Gramms Bilanz, vom Apparat sogleich als Verschlusssache eingestuft, ist bemerkenswert. Sachlich präzise, aber teils auch bitter-ironisch schildert der Präsident, der für das Agentengeschäft und die Intrigen im Wehrressort immer etwas zu intellektuell war, wie er zum Buhmann wurde. Wie er zuletzt jeden Tag die Entlassung erwartete. Zwischen den Zeilen schwingt viel Frust eines Beamten mit, der zwar Fehler einräumt, sich aber doch auch als Sündenbock der Politik sieht.

Entlassung kam "wenig überraschend"

Seinen Mitarbeitern beim Militärischen Abschirmdienst gibt Gramm in dem Brief einen letzten Rat, der es in sich hat. "Bewahren Sie sich Ihre Menschlichkeit und Respekt füreinander", empfiehlt er ihnen. Das kann eine Floskel sein. Trotzdem ahnt man, dass Gramm die beiden Tugenden in den letzten Monaten bei seinen Vorgesetzten im Leitungstrakt des Wehrressorts, den Geheimdienstkontrolleuren im Parlament und letztlich auch bei der Verteidigungsministerin immer wieder vermisst hat.

Das letzte Gespräch mit der Ministerin schildert Gramm sachlich knapp. "Frau Bundesministerin Kramp-Karrenbauer hat mir bei ihrem heutigen Besuch mitgeteilt, die bereits erfolgreich umgesetzten und eingeleiteten Reformanstrengungen im MAD nunmehr auch durch einen Wechsel an der Spitze des MAD zu unterstreichen", schreibt Gramm. Die Entlassung sei für ihn "wenig überraschend" gekommen, vielmehr habe sie sich "seit langer Zeit angekündigt".

Danach schildert Gramm, der den MAD seit 2015 leitete, die Gründe für seine Demission. Als langjähriger MAD-Präsident stehe er trotz aller Erneuerungen und Verbesserungen beim Truppengeheimdienst "auch für die alte Zeit, die uns viel Kritik eingebracht hat". Als er anfing, galt der MAD 2015 als hoffnungslos verkrustet und von Intrigen gelähmt. Selbst Generäle raunten, der Dienst sei mehr mit der Verschleierung als der Aufklärung von rechtsextremen Verdachtsfällen beschäftigt.

Gramm sollte aufräumen, am besten schnell. Er schreibt, man habe "eine ganze Menge erreicht und dabei auch dazugelernt", zumindest sei der MAD heute "auf dem richtigen Weg". Als Beleg nennt eine Reihe von Beispielen: Die Aufklärung von Netzwerken und Strukturen sei verbessert, die Maßstäbe für die Entlassung von Rechtsextremen verschärft worden. Mit dem Verfassungsschutz kooperiere man mitunter "intensiver und kooperativer", professioneller sei man geworden.

Domino-Logik

Der abgelöste Präsident räumt aber auch Fehler ein, "die ich persönlich zu verantworten habe". Er nennt keine Beispiele, doch die Liste der Pannen ist lang. Als 2017 der rechtsextreme Oberleutnant Franco A. aufflog, war der MAD völlig ahnungslos. In den Jahren danach stritt Gramm stets ab, es gebe in der Truppe rechtsextreme Netzwerke, obwohl es bereits erwiesene Querverbindungen zwischen den rechtsextremen Soldaten gab, die der MAD im Visier hatte.

Trotz aller Reformen und dem Schwur, eng mit dem Verfassungsschutz zu kooperieren, wurde es danach indes nicht viel besser. Noch im Frühsommer 2020, Gramm war schon fünf Jahre im Amt, informierte der MAD den Verfassungsschutz nicht vorab über eine Razzia bei einem KSK-Elitesoldaten, Fahnder hoben dort ein Waffenlager mit zwei Kilogramm Sprengstoff aus. Kurz darauf versorgte ein ranghoher MAD-Mann alte KSK-Kameraden mit geheimen MAD-Details über die Razzia.

Die Domino-Logik, die letztlich zu seiner Absetzung führte, beschreibt Gramm präzise. Den vom Ministerium gewünschten Neustart des MAD könne er schon wegen seiner langen Amtszeit "nur bedingt glaubwürdig verkörpern". "Besonders im politischen Berlin" sei sein Name kürzlich nur noch mit den alten und neuen Pannen des MAD verbunden gewesen. "Vor diesem Hintergrund kann und will ich einem personellen Neuanfang beim MAD nicht im Wege stehen", schreibt Gramm.

Der Noch-Präsident müht sich, nicht verbittert zu wirken. "Ohne jeden Groll" räume er seinen Posten, stattdessen sei er für eine "großartige Dienstzeit beim MAD mit großartigen Mitarbeitern" dankbar. Man kann das glauben. Doch in dem Brief schwingt auch Zorn mit. So argumentiert Gramm, für die Reform des MAD brauche es einen langen Atem. "In unserer chronisch aufgeregten Gesellschaft", beklagt er konsterniert, "ist das Verständnis dafür leider nicht immer vorhanden".

Nachfolge noch offen

Für den MAD sieht Gramm wohl auch deswegen eine unruhige Zeit voraus. "Absehbar wird der politische Druck auf den MAD im Kampf gegen den Rechtsextremismus in der nächsten Zeit noch deutlich zunehmen", schreibt er. Tatsächlich braucht die Ministerin dringend Erfolge beim Kampf gegen rechte Strukturen, hatte sie doch nach den Skandalen rund um die Eliteeinheit KSK von einem "eisernen Besen" gesprochen, der dem braunen Spuk ein jähes Ende machen sollte.

Der oder die Neue auf dem Chefsessel des MAD wird Gramms Abschiedsnote sicher genau lesen. Ministerin Kramp-Karrenbauer hat bisher noch keinen Nachfolger für den scheidenden MAD-Chef Gramm benannt. Bei einem Truppenbesuch sagte sie am Freitag nur, der MAD müsse unter einer neuen Führung dynamischer und schlagkräftiger werden. Gramm dankte sie, er habe die bisherigen Reformen "mit Herzblut" angetrieben. Nun aber sei "zusätzliche Dynamik" nötig.

Kramp-Karrenbauer hat die Nachfolge für den MAD vor Gramms Entlassung offenkundig nicht geregelt. Das ist im Wehrressort ungewöhnlich. Im Bendler-Block wabern aber schon Gerüchte, eine weibliche Juristin aus dem Apparat sei in der engeren Wahl für den Schleudersitz-Posten. Für die Ministerin könnte die Personalie ein kleiner Polit-Coup werden - eine Frau als Chef eines der drei deutschen Geheimdienste gab es bisher noch nie.

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