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Alexander Neubacher

Männer in der Coronakrise Rolle rückwärts? Ein Märchen

Alexander Neubacher
Eine Kolumne von Alexander Neubacher
Eine Kolumne von Alexander Neubacher
Kommt wegen Corona das Patriarchat zurück? Studien zeigen das Gegenteil. Nicht die Männer sind von gestern, sondern die Vorurteile, die Talkshowexperten und politische Opportunisten über sie verbreiten.
aus DER SPIEGEL 28/2020
Mann füttert Baby (Archivbild)

Mann füttert Baby (Archivbild)

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Uwe Anspach/ picture alliance / dpa

Fallen Frauen und Männer wegen Corona in ihre tradierten Rollen zurück? Davor wird gerade viel gewarnt. Die Berliner Soziologin Jutta Allmendinger sagte, Frauen würden "eine entsetzliche Retraditionalisierung" erfahren; sie glaube, "dass wir bestimmt drei Jahrzehnte verlieren". Für Mona Küppers vom Deutschen Frauenrat stehen gar sieben Jahrzehnte Emanzipation auf dem Spiel: "Rolle rückwärts in die Fünfzigerjahre", Grünen-Parteichef Robert Habeck sagte im SPIEGEL: "Die Frauen bleiben mal schön zu Hause: Das war doch die unausgesprochene Voraussetzung für den Shutdown." Und Bundesarbeitsminister Hubertus Heil beschrieb die angebliche Lage so: "Viele Männer gehen ins Arbeitszimmer und schließen die Tür, um nicht gestört zu werden. Frauen arbeiten auch im Homeoffice, kümmern sich aber zugleich um den Haushalt und die Schulaufgaben der Kinder."

Nun kann ich nicht beurteilen, ob sich Robert Habeck zu Hause engagiert und welche Paare Hubertus Heil kennt. Doch in meinem persönlichen Umfeld gab es von Anfang an Zweifel an der These vom Rollback. Jedenfalls bei den Männern. Dass man sich einen schlanken Fuß mache, während die Frau zwischen Haushalt, Homeoffice und Kinderbetreuung rotiert, wird vehement bestritten. Einige sind allerdings so ehrlich zu sagen: "Schön wär's."

Inzwischen gibt es Studien. Sie bestätigen die These von der Rückkehr des Patriarchats nicht. In einer Allensbach- Umfrage im Auftrag des Bundesfamilienministeriums  sagten zwar 21 Prozent der zusammenlebenden Eltern mit betreuungsbedürftigen Kindern, die Arbeitsaufteilung sei ungleicher geworden. Doch fast genauso viele, 20 Prozent, sagten das Gegenteil: Seit Corona gehe es partnerschaftlicher zu. Beim Rest hat sich nichts verändert.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt die Statistikerin Sabine Zinn vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Für den Corona-Monat April fand das DIW heraus , dass Mütter täglich 2,3 Stunden zusätzlich mit Kinderbetreuung und eine halbe Stunde extra mit Hausarbeit beschäftigt waren. Die Väter kamen auf etwa 2,2 Stunden zusätzlich mit Kindern und ebenfalls eine halbe Stunde extra bei der Hausarbeit. Die Daten deuteten auf eine "im Durchschnitt gleichmäßige Aufteilung der Mehrbelastung zwischen Männern und Frauen hin", so die Statistikexpertin.

Männer machen sich während der Coronakrise einen schlanken Fuß? Schön wär's.

Und schließlich hat auch die Forschungsstelle der Bundesagentur für Arbeit ein paar Zahlen an Hubertus Heil geliefert , die seiner Story von den Drückebergern widersprechen. Demnach verringerten Väter wegen Corona ihre Arbeitszeit um durchschnittlich 5,7 Stunden pro Woche, Mütter hingegen nur um 2,6 Stunden, also deutlich weniger. Auch wenn man fairerweise sagen muss, dass Frauen häufiger in Teilzeit sind.

Nun wird niemand bestreiten, dass es bis zur Gleichstellung in einigen Bereichen noch ein weiter Weg ist. Doch für den angeblichen Rückfall sehe ich bislang keinen Beleg. Nicht die Männer sind von gestern, sondern die Geschichten, die Talkshowexperten und politische Opportunisten über sie verbreiten.

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