Magdeburg Schröder erntet Applaus für Hartz IV

Vor einem Jahr erlebte Magdeburg die größten Montagsdemos. Gestern versammelten sich 8000, um Gerhard Schröders Reformbotschaft zu hören. Es gab Pfiffe, auch Eier flogen, doch immer wieder erntete Schröder überraschend starken Applaus.

Magdeburg - Roland Kaiser steht seit 32 Jahren auf der Bühne. Seit drei Jahren ist er SPD-Mitglied. Darum steht er an diesem Montagabend auf dem Alten Markt in Magdeburg und singt "Joanna". "Geboren, um Liebe zu geben", hallt es über den Platz. Kaiser ist die offizielle Vorgruppe zu Gerhard Schröder. Er singt, damit Schröder Kanzler bleibt. "Ich will mithelfen, dass wir so viele Kumpel wie möglich kriegen", sagt der in die Jahre gekommene Entertainer.

Die Kundgebung ist der vorerst letzte Stopp Schröders in Ostdeutschland. Die nächsten Stationen heißen Kassel, Esslingen und Augsburg. Es ist die zweite Woche der heißen Wahlkampfphase, und die Menschen in Magdeburg zeigen ernsthaftes Interesse, den Kanzler zu hören. 8000 Menschen haben sich nach Angaben der SPD versammelt, das ist mehr als manche Montagsdemo, mit der die Magdeburger den Kanzler noch vor einem Jahr genervt haben.

Magdeburg ist die Geburtsstätte der Montagsdemos. Hier ist die Hartz-IV-Protestbewegung vergangenen Sommer entstanden, hier hatte sie damals ihre Spitze erreicht. Ein paar Unentwegte marschieren immer noch jede Woche, und an diesem Montag sind sie gekommen, um Schröder zu stören.

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Wahlkampf: Schröders Roadshow

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Das Häuflein mit den Trillerpfeifen und den Transparenten hat sich in der Mitte des Platzes aufgebaut, gleich hinter dem abgesperrten Bereich, in dem die Prominenz und die Menschen mit den SPD-Fähnchen sitzen. "Schröder und Agenda weg. Das Land braucht neue Politiker", steht auf einem Pappschild. Fragt man den Träger, welche Politiker man denn brauche, dann sagt er: "Die von der NPD." Lafontaine und Gysi seien keine Alternative. "Die gehören ja auch dazu."

Auf der Großbildleinwand auf dem Platz flimmert ein Wahlkampfspot, in dem die SPD als "prägende Reformkraft des Jahrzehnts" vorgestellt wird. Bilder von Deutschland, dem Exportweltmeister, und seiner brummenden Wirtschaft. Und dann kommt Schröder. Als er durch die Menge spaziert, steigen die Zuhörer auf die Holzbänke. Das Trillerpfeifenkonzert setzt ein, es mischt sich in den überraschend starken Applaus. Später fliegen noch Eier Richtung Bühne, doch die Unmutsäußerungen beschränken sich auf einen kleinen Kern.

Ist Schröder zu gut gelaunt?

Die Umfragen sagen, dass dies Schröders Abschiedstournee ist. Es wird viel darüber spekuliert, was der Kanzler in diesen Tagen denkt, wenn er seine Wahlkampfreden hält. Nimmt er das alles überhaupt noch ernst? Ist er nicht viel zu gut gelaunt, zu gebräunt und zu locker? In Magdeburg wirkt er wie ein ganz normaler Wahlkämpfer, der gewinnen will.

Eindringlich appelliert er an die Menschen, "doch bitte nachzudenken", ob Hartz IV nicht vielleicht doch richtig war. "Was ist eigentlich Solidarität?" fragt er, und führt damit genau die Auseinandersetzung, die die SPD auf ihren Plakaten scheut. Hier wird das Thema Hartz IV peinlich umschifft, als zumutbar gelten nur Phrasen wie: "Wir sind für den Kündigungsschutz". Schröder erntet sogar Applaus, als er sagt, dass Hartz IV Jugendliche aus der "Sackgasse Sozialhilfe" geholt habe.

Noch am Vormittag hatte das SPD-Präsidium angesichts der weiter schlechten Umfragewerte bei unter 30 Prozent beschlossen, den Ton im Wahlkampf zu verschärfen. "Wir werden stärker polarisieren", hatte Generalsekretär Klaus Uwe Benneter angekündigt.

"Wir sind nicht dümmer hier im Osten"

Doch das Polarisieren überlässt Schröder an diesem Abend anderen. Nur echte Ossis, so scheint es, dürfen auf Edmund Stoiber schimpfen, der die Ostdeutschen als "Frustrierte" und "dumme Kälber" bezeichnet hatte. Eine der SPD-Kandidatinnen ruft ins Mikro: "Wir sind nicht dümmer hier im Osten." Auch Matthias Platzeck, Ministerpräsident aus Brandenburg, der sich hier als "Nachbar" vorstellt, nimmt sich den Bayern vor. Stoiber führe einen "Richtungswahlkampf: West gegen Ost". Er habe mit voller Absicht die Ostdeutschen beleidigt, um im Westen zu punkten.

Schröder präsentiert sich hingegen als Staatsmann, der um die Einheit des Landes besorgt ist. Stoiber betreibe die Spaltung des Landes. "Meine Aufgabe ist es, die Unterschiede zu überwinden", sagt Schröder.

Damit belässt er es und wendet sich dem üblichen Themen-Potpourri zu. Bildungspolitik, Familienpolitik - Themen, die anzukommen scheinen. Selbst die Trillerpfeifen schweigen an diesen Stellen. Es dürfe nicht auf den Geldbeutel der Eltern ankommen, "ob ein junges Mädchen oder ein junger Mann auf Deutschlands hohe und höchste Schulen gehen könne", ruft er voller Pathos in den anschwellenden Applaus. Natürlich darf der Hinweis auf seine eigene bescheidene Herkunft nicht fehlen. Schröder gibt den Besorgten und den Fürsorglichen. Er komme gerade aus dem Mansfelder Land bei Magdeburg, "gewiss eine schwierige Region", und dazu eine, "wo wir helfen konnten".

Im Unterschied zu Auftritten im NRW-Wahlkampf, wo er gern über die Situation in Palästina räsonierte, lässt er die internationale Politik großenteils außen vor. Nur die üblichen Bemerkungen zur Friedensmacht Deutschland und den Spruch, dass deutsche Außenpolitik in Berlin gemacht werde, streut er ein. Auch der Union wolle er den Friedenswillen nicht absprechen, sagt er. "Aber ist sie auch fähig zum Frieden, wenn es eng wird?", fragt er listig.

Die Reaktionen auf dem Platz rangieren von "tolle Rede" bis "alte Phrasen". Die Trillerpfeifen ermüden im Laufe der Rede, ab und zu ertönen noch Sprechchöre "Hau ab" und "Heuchler". Doch es ist eine Minderheit, mit der Schröder und Platzeck routiniert umgehen. Das Pfeifen sei "nicht so übel", sagt Platzeck. "Das bringt Würze."

Nach einer Stunde spricht Schröder das Schlusswort. Rot-Grün habe Deutschland toleranter und außenpolitisch freier gemacht. Er könne sich nicht vorstellen, dass die Magdeburger einen "Rückfall in die alten Zeiten" wollten. Ob dieser Appell reicht, um den zweistelligen Rückstand in den Umfragen wettzumachen, ist mehr als fraglich. Doch die SPD in Sachsen-Anhalt hält unverändert an ihrem Wahlziel fest: Wie 2002 sollen alle zehn Direktmandate gewonnen werden.

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