Mailbox-Affäre Die dunkle Seite des netten Herrn Wulff

Sympathisch, empathisch, einfach nett: Solche Beschreibungen sieht Bundespräsident Wulff gerne. Doch wenn Journalisten kritisch recherchieren, zeigt er sich von einer anderen Seite - und versucht den Abdruck zu stoppen. Zu beobachten ist ein nervöser Mann. 
Mailbox-Affäre: Die dunkle Seite des netten Herrn Wulff

Mailbox-Affäre: Die dunkle Seite des netten Herrn Wulff

Foto: Rainer Jensen/ dpa

Berlin - Es kann im Mediengeschäft kalt zugehen. Mitunter fällt die Temperatur sehr schnell. Vor drei Wochen war es für den Bundespräsidenten Christian Wulff und seine Ehefrau Bettina noch gemütlich warm. Als sie kaum von einer Staatsvisite aus arabischen Staaten zurück waren, druckte die "Bunte" schöne Bilder unter der Überschrift "Willkommen in 1001 Nacht". Zu einem Zeitpunkt, da die Affäre um einen Kredit an Wulff durch eine Unternehmergattin gerade ins Rollen gekommen war.

Jetzt reagiert das Blatt für den Glamour, das dem Paar so lange die Treue gehalten hat, deutlich kühler. "Vorerst enttäuscht..." überschreibt Chefredakteurin Patricia Riekel ihren Kommentar. Und dann fragt die Zeitschrift: "Ist Christian Wulff womöglich ein ganz anderer als der Mann mit dem Schwiegersohn-Charme?"

"Bunte" und andere Blätter haben lange Zeit mitgewerkelt am Bild Wulffs. So sollte er sein: ein Mann, der mit Empathie und Sympathie durch die Politik wandelte. So wollte auch er sich am liebsten sehen.

Als Wulff im Sommer 2010 im Schloss Bellevue einzog, da atmete mancher Mitarbeiter im Bundespräsidialamt auf. Vorgänger Horst Köhler hatte sich manchmal nicht unter Kontrolle, reagierte unwirsch, blaffte, brüllte. Wulff hingegen war freundlich, suchte die Mitarbeiter sogar in der Kantine auf.

Der Nicht-Stratege

Dass es auch den anderen Wulff gibt, den weniger netten, das erfährt die Öffentlichkeit jetzt. Sein Versuch, "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann vom Abdruck eines Artikels abzuhalten, in dem Details des 500.000-Euro-Kredits beschrieben werden, zeigt einen anderen Bundespräsidenten. Hier präsentiert sich ein Mann, dem offenbar die Nerven durchgehen, der eine wütende Nachricht auf der Mailbox Diekmanns hinterlässt, ohne über die Konsequenzen nachzudenken. Selbst in der Koalition sind manche nur noch sprachlos.

Wie kann einem erfahrenen Politiker, der Ministerpräsident und Oppositionsführer in Niedersachsen war, ein solcher Fehler passieren? Kein Stratege war da am Werk, keiner, der den nächsten Schritt bedachte. "Bild" hatte ihn so lange mit positiven Berichten begleitet - offenbar sah er sich in einer Position, an den wichtigen Stellen etwas in eigener Sache bewirken zu können. So ließ er alle Vorsicht fahren. Schließlich rief er auch noch den Vorstandschef der Springer AG, Mathias Döpfner an und kontaktierte sogar Mehrheitsaktionärin Friede Springer selbst und bat um Intervention.

Das für Wulff augenscheinlich Unerwartete trat ein: Das Blatt druckte die Geschichte trotzdem, und am Ende gelangte auch noch der Inhalt der Mailbox-Aufzeichnung, für den sich Wulff zwei Tage später bei Diekmann entschuldigte, an die Öffentlichkeit.

Noch nie hat sich ein Bundespräsident so nackt dem Publikum präsentiert.

Wenn Wulff anders reagiert hätte, wäre ihm Vieles erspart geblieben. Vielleicht wäre die Krise jetzt schon halbwegs ausgestanden. Doch nun wird er wieder und wieder an seinen Worten zur Pressefreiheit gemessen. Zuletzt hatte er noch bei seinem Staatsbesuch in Kuwait erklärt, Presse- und Meinungsfreiheit seien "immer ein Stachel im Fleisch der Regierenden und der Herrschenden". Sie seien außerdem "die beste Grundlage für erfolgreiche gesellschaftliche Entwicklung".

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Christian Wulff: Ende einer kurzen Amtszeit

Foto: FABRIZIO BENSCH/ REUTERS

Der schöne Schein

Eigentlich kann das Publikum dankbar sein. Der schöne Vorhang ist zerrissen, den Wulff - mit tatkräftiger Unterstützung mancher Medien - der Öffentlichkeit präsentiert hatte. Nun kommen weitere Details ans Licht, sie zeigen einen Bundespräsidenten, der größtes Risiko spielte und nur durch die bislang betriebene Diskretion der Journalisten schon einmal vor einer Blamage bewahrt wurde. Denn vor Monaten hatte Wulff in einem weiteren Fall interveniert - gegenüber der "Welt am Sonntag". Hier ging es nicht um Geld, sondern um eine Geschichte aus seiner Kindheit, über seine Halbschwester Bettina Mertschat.

Nach Darstellung des Blattes ließ Wulff vor der Veröffentlichung einen der beteiligten Reporter in seinen Amtssitz bestellen. Der Chefredakteur der "Welt am Sonntag", Jan-Eric Peters, erzählt, Wulff habe dem Journalisten in einem langen Vier-Augen-Gespräch damit gedroht, dass er im Falle einer Veröffentlichung sofort eine Pressekonferenz einberufen und dort erklären würde, dass die "Welt am Sonntag" eine Grenze überschritten habe.

Nähe zum Boulevard

Außerdem habe Wulff angekündigt, jede Zusammenarbeit mit der "Welt" zu beenden, falls das Stück publiziert würde. "Unser Reporter, ein erfahrener Journalist, war sehr überrascht von dem Vorgang und sagte mir, er habe diesen Teil des Gesprächs als eisig und sehr heftig empfunden. Nach dem Gespräch versuchte Wulff an höchsten Verlagsstellen, unter anderem beim Vorstandsvorsitzenden, zu intervenieren. Ich habe trotzdem entschieden, die Geschichte zu veröffentlichen", so der Chefredakteur zu SPIEGEL ONLINE.

Die Reportage, die im Juni 2011 erschien, wirft ein Schlaglicht auf die schwierigen familiären Verhältnisse, aus denen Wulff entstammt. Wer sie liest, lernt eine neue Seite des Bundespräsidenten kennen - und sie macht ihn keineswegs unsympathisch. So kann das Leben eben spielen.

Nun ist Wulff nicht der einzige Prominente, der hochnervös reagiert, wenn im befreundeten und familiären Umfeld recherchiert wird. Manche versuchen, ihren Freunden das Gespräch mit Journalisten zu verbieten, andere drohen sofort mit dem Anwalt. Auch für einen Bundespräsidenten gilt eine Grenze, die seine Persönlichkeitsrechte wahrt.

Denn was einmal in der Welt ist, ist aus ihr nicht mehr zu bannen, setzt sich in immer neuen Varianten in den Medien fort. Doch wer sich mit dem Boulevard einließ wie Wulff, der weiß, dass es nicht immer nur die schönen Geschichten gibt.

Das ist der Preis, den Prominente zu zahlen haben. Wulff, so scheint, hat es mitunter vergessen.

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