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09. Januar 2012, 11:47 Uhr

Mailbox-Anruf

Wulffs Anwalt geht in die Offensive

Ist das die Wende in der Mailbox-Affäre? Der Anwalt von Christian Wulff erklärt, der Präsident habe keine Angst vor der Veröffentlichung des Textes. Die Verantwortung liege jedoch bei der "Bild"-Zeitung. Große Teile der Abschrift sind allerdings längst bekannt.

Berlin - Es ist seit Tagen ein Hin und Her: Hat Bundespräsident Christian Wulff mit seinem Anruf bei "Bild"-Chef Kai Diekmann die Berichterstattung über seine umstrittene Immobilienfinanzierung verhindern wollen oder nicht? Am Montag nun äußerte sich einer der Anwälte Wulffs. Der Bundespräsident fürchte nicht die Veröffentlichung des Inhalts seiner Nachricht, beteuerte er. Wenn die "Bild"-Zeitung "das tun will, dann mag sie es tun", betonte Medienanwalt Gernot Lehr im Deutschlandfunk. Das müsse das Blatt selbst in eigener Verantwortung entscheiden. "Es ist nicht richtig, dass hier eine große Angst besteht vor einer Veröffentlichung, aber es ist Angelegenheit der "Bild"-Zeitung, diesen Tabubruch zu begehen", sagte Lehr weiter.

"Bild" hatte Wulffs Zustimmung zur Veröffentlichung erbeten - sie aber nicht erhalten. Wulff habe in seinem Schreiben von vergangener Woche deutlich gemacht, dass die Medien in eigener Verantwortung entscheiden müssten, ob sie ein solches Dokument veröffentlichten. "Er hat ihnen keinen Persilschein dafür gegeben", sagte Lehr.

Der Abschrift wird eine große Bedeutung für die Klärung der Frage beigemessen, ob Wulff eine Veröffentlichung der kritischen Berichterstattung über seinen Hauskredit verhindern wollte, wie die "Bild"-Zeitung argumentiert. Wulff selbst hatte in einem Fernsehinterview beteuert, er habe die Berichte nicht verhindern wollen, sondern nur um Aufschub gebeten.

Mittlerweile veröffentlichte der SPIEGEL zahlreiche Passagen der Mitschrift von Wulffs Botschaft auf der Mailbox von Diekmann. Daraus geht sowohl hervor, dass Wulff um eine Verschiebung bat, zugleich aber auch juristische Schritte angekündigt und eine Pressekonferenz zu den journalistischen Methoden der Zeitung in Aussicht gestellt hatte. Anwalt Lehr bestätigte in dem Interview Wulffs Sicht der Dinge. Es sei ärgerlich, dass der stellvertretende "Bild"-Chefredakteur Nikolaus Blome eine anderslautende Behauptung aufgestellt habe.

Blome hatte am Sonntagabend in der ARD-Sendung "Günther Jauch" beteuert: "Der Bundespräsident hat vielleicht das Verschieben als Etappe gesehen, das Verhindern ganz eindeutig als Ziel." Wulff sei ein enormes politisches Risiko eingegangen, indem er sich auf der Mailbox verewigt habe. "Der Präsident ist aufs Ganze gegangen mit einem politischen Risiko, weil er das Ganze wollte, nämlich diesen Bericht zu verhindern."

Inzwischen sind noch weitere Details zu der Affäre ans Licht gekommen. Nach Informationen des SPIEGEL landete Wulff auch bei seinem Anruf bei Springer-Chef Mathias Döpfner auf der Mailbox und hinterließ dort eine Nachricht. Die Wortwahl des Präsidenten fiel dabei ähnlich aus wie gegenüber Diekmann. Döpfner habe, so heißt es im Springer-Konzern, Wulff zurückgerufen und einen aufgebrachten Präsidenten erlebt. Dieser sei sehr deutlich geworden: Wenn der Artikel über seinen Privatkredit erscheine, dann bedeute das Krieg zwischen dem Bundespräsidialamt und Springer bis zum Ende von Wulffs Amtszeit.

Wulff trifft sich mit Gröhe und Pofalla

Der Bundespräsident trifft sich offenbar am Dienstag mit CDU-Spitzenpolitikern. Laut ZDF handelt es sich dabei um Generalsekretär Hermann Gröhe. Auch eine Verabredung mit Kanzleramtschef Ronald Pofalla stehe auf dem Programm. Die Termine seien angeblich schon im Herbst vereinbart gewesen, hätten aber natürlich "große politische Relevanz", hieß es weiter.

ler/dpa/AFP/dapd

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