Managerkritik Ifo-Chef Sinn entschuldigt sich für Judenvergleich

Ökonom Hans-Werner Sinn hat die Managerkritik mit der Judenverfolgung verglichen - und musste dafür harte Kritik einstecken. Jetzt hat sich der Ifo-Chef entschuldigt.


Berlin/München - "Ich habe das Schicksal der Juden nach 1933 in keiner Weise mit der heutigen Situation der Manager vergleichen wollen. Ein solcher Vergleich wäre absurd", schrieb Hans-Werner Sinn in einem in München veröffentlichten offenen Brief an die Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch.

Ifo-Präsident Sinn: Scharf kritisiert für seinen Judenvergleich
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Ifo-Präsident Sinn: Scharf kritisiert für seinen Judenvergleich

Die tiefe persönliche Freundschaft "mit vielen jüdischen Kollegen auf dieser Welt und meine Scham und mein Entsetzen gegenüber dem, was den Juden von Deutschen angetan wurde, haben mein Leben geprägt. Sie sind unveränderbar. Ich bitte die jüdische Gemeinde um Entschuldigung und nehme den Vergleich zurück", erklärte Sinn weiter.

Der Vorsitzende des Ifo-Verwaltungsrates und Kuratoriums, Wilhelm Simson, verteidigte Sinn: "Er ist einer der weltweit besten Ökonomen und arbeitet seit vielen Jahren erfolgreich mit jüdischen Kollegen zusammen." So sei ein Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats aus Israel, sagte Simson zu SPIEGEL ONLINE. Personelle Konsequenzen werde man daher nicht fordern. Nur auf Vorschlag des Verwaltungsrates können die Geldgeber des Ifo-Institutes - der Bund und das Land Bayern - den Ifo-Präsidenten entlassen.

Politiker und Kirchenvertreter hatten sich empört über Sinns Äußerungen gezeigt, der Zentralrat der Juden verlangte eine Entschuldigung. SPD-Innenpolitiker Sebastian Edathy sah sich zu einem wenig schmeichelhaften Wortspiel veranlasst: "Angesichts solcher Äußerungen hat man den Eindruck, Herr Sinn ist nicht bei Sinnen", sagte Edathy dem "Kölner Stadt-Anzeiger". Bankmanager, die für Fehlleistungen verantwortlich seien, würden "bekanntermaßen nicht wegen ihres religiösen Glaubens, sondern wegen ihres Handelns kritisiert", sagte Edathy.

Auch Volker Beck, Parlamentarischer Geschäftsführer der Grünen-Bundestagsfraktion, zeigte sich empört und sprach von einer "beispiellosen Geschmacklosigkeit". Beck forderte Sinn auf, seine Äußerung zurückzunehmen. "Die Wirtschaftskompetenz von Herrn Sinn mag in der Fachwelt strittig sein. Seine Geschichtsvergessenheit ist ab heute unumstritten."

Die evangelische Landesbischöfin Margot Käßmann nannte Sinns Äußerungen unverantwortlich. "Die Juden waren die Opfer, bei den Banken wird zu Recht nach Verantwortlichen gefragt. Es ist unverantwortlich, da irgendeinen Vergleich zu ziehen", sagte sie der "Neuen Presse". Sie kenne Sinn als klugen Mann, sagte Käßmann. "Mir ist aber völlig unverständlich, wie jemand die menschenverachtende und zerstörerische nationalsozialistische Ideologie des Antijudaismus, die Millionen Menschen ermordet hat, in eine Verbindung mit der Frage nach den Verantwortlichen in der aktuellen Bankenkrise bringen kann."

Der Zentralrat der Juden in Deutschland nannte den Vergleich "empörend, absurd und absolut deplaziert, eine Beleidigung der Opfer", sagte Zentralrat-Generalsekretär Stephan Kramer der "Neuen Ruhr/Neuen Rhein Zeitung". "Mir wäre neu, dass Manager geschlagen, ermordet oder ins Konzentrationslager gesperrt würden."

Sinn hatte in der Diskussion um die Verursacher der weltweiten Finanzkrise die Wirtschaftsführer in Schutz genommen. Sinn sagte dem Berliner "Tagesspiegel": "In jeder Krise wird nach Schuldigen gesucht, nach Sündenböcken." In der Weltwirtschaftskrise von 1929 "hat es in Deutschland die Juden getroffen, heute sind es die Manager".

asc/hen/dpa/ddp/AP



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