Mannheim "Die Polizei spielte den Überfall runter"

Oliver R.* ist auf dem Heimweg von einer Feier, als er überfallen wird. Die beiden Täter sind kleiner, jünger und schmächtiger als der 32-Jährige - aber grenzenlos aggressiv.


Ich wurde nicht mit einer Waffe angegriffen und bin auch nicht auf der Intensivstation gelandet - und doch werde ich diesen Überfall nie vergessen.

Er kam so plötzlich. Mit voller Wucht. Und wurde nie gesühnt.

Oliver R. wurde in Mannheim überfallen: "Am Boden liegend war ich denen ausgeliefert"
Corbis

Oliver R. wurde in Mannheim überfallen: "Am Boden liegend war ich denen ausgeliefert"

Ich war wie jedes Jahr am Faschingsdienstag mit Freunden in der Mannheimer Innenstadt. Traditionell herrscht dann in der Fußgängerzone Volksfeststimmung, kleine Buden reihen sich aneinander, man feiert mitten auf der Straße. Faschingsdienstag ist wie ein Feiertag in Mannheim. Man arbeitet nur bis Mittag und geht dann direkt los. Entsprechend geht das nie lange. So nahm ich schon gegen 21 Uhr die Straßenbahn nach Sandhofen, dem nördlichsten Stadtteil Mannheims. Die Fahrt dauert knapp 20 Minuten, die Bahn war krachend voll. Drei deutsche Jugendliche - zwei Jungen, ein Mädchen - fielen auf, weil sie rauchten. Keiner sagte etwas.

Ich war müde, auch weil ich ein paar Bier getrunken hatte, und döste vor mich hin. Eine Haltestelle vor der Endhaltestelle stieg ein älterer Herr aus. Bevor die Bahn hielt, sprach er die drei an, ob sie nicht das Rauchen unterlassen könnten. Sie lachten ihn aus und rauchten weiter.

An der Endhaltestelle standen die drei hinter mir an der Tür, die noch nicht geöffnet worden war. Ich drehte mich um und sagte zu dem einen Jungen: "Mensch, Du bist aber cool!" Die Tür öffnete sich, ich machte mich auf den Heimweg. Keine 30 Meter entfernt, am Eingang der Volksbank, spürte ich einen kräftigen Schlag im Rücken, ich stürzte zu Boden - und wurde mit heftigen Schlägen und Tritten malträtiert. Reflexartig riss ich meine Arme nach oben, versuchte meinen Kopf zu schützen. Ich lag da zusammengekrümmt und konnte mich nicht wehren. Immer wieder spürte ich Tritte gegen den Kopf und in den Rücken.

Das Schockierende war, dass das Mädchen aus der Gruppe die ganze Zeit zugesehen hat. Die hat nicht einmal geschrieen oder gesagt: "Aufhören!" Sie hat mit dem anderen Kerl einfach danebengestanden und zugesehen, wie mich der Typ zusammentritt. Der war mindestens einen Kopf kleiner als ich, schmächtig und viel jünger. Die drei waren vielleicht 18, 19. Aber am Boden war ich denen ausgeliefert.

Erst als zwei junge Männer zufällig vorbeikamen und mir helfen wollten, ließ der Typ von mir ab, und die drei machten sich aus dem Staub. Die beiden jungen Leute halfen mir hoch und brachten mich nach Hause. Als ich sie fragte, ob sie aussagen würden, wenn ich den Typen anzeige, lehnten sie ab. Sie wollten damit nichts zu tun haben, sagten sie.

Ich habe mich dann erst nicht getraut, Anzeige zu erstatten. Ich dachte, die kriegt man ohnehin nicht. Am nächsten Tag bin ich dann doch zur Polizei. Das war leider viel zu spät. Die Polizisten spielten den Überfall zunächst runter. Klar, Mannheim galt lange als kriminellste Stadt Baden-Württembergs. Vielleicht ist sie es heute noch. So eine Anzeige treibt natürlich die Statistik in die Höhe.

Ein Lokalpolitiker hat sich dann noch für mich eingesetzt und Druck gemacht. Daraufhin meinte die Polizei, einen Verdächtigen ausgemacht zu haben. Der war schon einmal mit dem Gesetz in Konflikt geraten, arbeitete in einer Kneipe nahe der Endhaltestelle. Aber der war es definitiv nicht.

Der Überfall auf mich klingt harmlos im Vergleich zu den anderen, die jetzt gerade publik werden. Die Polizei nimmt das nicht ernst. Klar, der Typ hat sich durch meine Bemerkung provoziert gefühlt, aber ich war ein leichtes Opfer, weil ich vorher etwas getrunken hatte, vier Bier. Ich war angetrunken - nicht betrunken. Natürlich fördert Alkohol die Aggressivität. Aber er macht auch wehrlos. Das beweist auf unfassbare Art der Vorfall in Hettstedt, wo ein 18-Jähriger eine betrunkene Frau zu Tode geprügelt hat. Dort hat ein Taxifahrer wenigstens noch die Polizei alarmiert.

Ich wurde direkt gegenüber eines Taxistands überfallen, und keiner von denen hat eingegriffen. Auch andere Passanten haben nicht geholfen, obwohl die Straßenbahn doch rappelvoll gewesen war.

Wo waren die auf einmal alle?

* Name von der Redaktion geändert

Aufgezeichnet von Julia Jüttner



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