Mappus' Stuttgart-21-Erklärung Schwätza, schwätza, Bahnhof baua

Baden-Württembergs Ministerpräsident erfindet sich neu. Um Stuttgart 21 zu retten, gibt sich Stefan Mappus im Landtag plötzlich landesväterlich, bietet Vermittlung durch Heiner Geißler an. Er macht viele Worte - bleibt aber in der Sache hart. Und geht damit ein hohes Risiko ein.

Von , Stuttgart


So einen Streitschlichter muss man ja auch erst mal finden. Stefan Mappus hat sich eine Menge vorgenommen, als er vors Plenum des Landtags tritt: Ein Angebot, das die Gegner des Megaprojekts Stuttgart 21 nicht ablehnen können - das werde er bei seiner Regierungserklärung unterbreiten, sagte er voraus.

Was also hat Mappus zu bieten?

Es vergeht eine ganze Zeit, bis er damit herausrückt. Denn der Ministerpräsident hat sich eine Dramaturgie zurechtgelegt. Und die geht so: Er bedauert zuerst die Verletzten jener Demonstration vom vergangenen Donnerstag, die Stuttgart 21 vom schnöden Bahnhofsneubau zum Symbol gemacht hat für die Distanz zwischen Regierenden und Regierten. Mappus will diesen Graben jetzt zuschütten. Unbedingt. O-Ton Mappus: Jetzt erstmal Atem holen. Den Dialog führen. Die Hand bleibt ausgestreckt. Versöhnung.

So geht das minutenlang. Stefan Mappus gibt den Landesvater. Man könnte auf die Idee kommen, der Mann werde sich gleich selbst als Vermittler ins Gespräch bringen.

Es ist dann aber Attac-Mitglied Heiner Geißler, den er als Trumpf zieht. Der streitbare Ex-CDU-Generalsekretär war ursprünglich von Baden-Württembergs Grünen-Fraktionschef Winfried Kretschmann ins Gespräch gebracht worden. Es ist ein Angebot, das die Grünen und all die anderen Gruppen im Protest gegen Stuttgart 21 tatsächlich nicht ablehnen können.

Punkt für Mappus.

Die Union ist auf 35 Prozent abgesackt

Der 44-Jährige hat das auch bitter nötig. Für ihn geht es plötzlich um alles. Auf 35 Prozent in den Umfragen ist seine Partei abgesackt. In Baden-Württemberg, das jahrzehntelang von CDU-Ministerpräsidenten regiert wurde, scheint plötzlich eine grün-rote Mehrheit bei der Landtagswahl im kommenden März denkbar. Denn Kretschmanns Grüne liegen aktuell bei 27 Prozent. Gerade mal seit Februar sitzt Mappus da oben, hoch über Stuttgart in der Villa Reitzenstein. In der Union haben sie ihm eine große Zukunft prophezeit. Er selbst hat zu verstehen gegeben, dass er nicht ewig regieren will. Zehn Jahre etwa seien genug.

Wenn es bei der Landtagswahl im März schiefgeht, ist Mappus nach nur 13 Monaten schon wieder raus aus dem Spiel.

Er weiß das. Noch vor kurzem hat er die Stuttgart-21-Gegner mit den Worten bedacht, er werde den "Fehdehandschuh" aufnehmen. Und im Stuttgarter Schlossgarten setzte die Polizei Wasserwerfer, Pfefferspray und Knüppel ein. Ein Desaster für Mappus. Deshalb schlüpft er im Stuttgarter Landtag an diesem Mittwoch in eine ganz andere Rolle: Der Mann von Maß und Mitte. Der Sanftmütige. Ruhig liest er seine 38-Seiten-Erklärung vom Blatt ab, demütig wirkt das.

Die Grünen flüchten in Pöbeleien. "Unglaublich!", rufen sie, "Ein Gelaber!" Mappus ignoriert sie, blickt aufs Manuskript, schaut hoch, spricht, blickt runter. "So'n Quatsch, was der da erzählt", rufen sie. Mappus spricht noch ein bisschen leiser.

Mappus hat Stuttgart 21 unterschätzt

Der CDU-Mann kämpft - auch wenn es nicht danach aussieht. Er muss sich im Griff haben, er braucht diesen ruhigen Auftritt jetzt. Er, der Raufbold. Haudrauf. Rambo. Mappi-Schnappi, das Krokodil. All diese Namen haben sie ihm im Ländle in den letzten Jahren angeheftet.

Mappus muss raus aus dieser Nummer. Stuttgart 21 hat er zu lange unterschätzt. Er hat es für Sachpolitik gehalten. Die politischen Gremien haben entschieden. Fertig, abgeräumt. Nächstes Thema. Aber plötzlich kommt der Bürgerprotest dazwischen. Mappus ist stark in der politischen Auseinandersetzung Mann gegen Mann. So hat er Karriere gemacht, so ist er schon als 32-Jähriger Staatssekretär geworden. Er ist nicht aufgestiegen, indem er Themen besetzt hat - sondern indem er Gegenspieler ausgestochen hat.

Jetzt aber muss ausgerechnet er zeigen, dass es ihm um die Sache geht.

Sein Rezept: Umso mehr die anderen dazwischen rufen, umso mehr sucht er die Pose des Staatsmannes. Umso besser werden nachher die Bilder für die Welt draußen. Der bedächtige Ministerpräsident - genau das Porträt muss er zeichnen.

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Stuttgart 21: Geißler soll schlichten
Es geht nicht mehr nur um einen profanen Bahnhof

Denn neben der Personalie Heiner Geißler hat er nichts zu bieten. Jedenfalls nicht das, was die Projektgegner hören wollen. "Ich stehe zu Stuttgart 21, ohne Wenn und Aber", sagt er in sanftem Tonfall und bleibt hart. Kein Baustopp, wie ihn die Grünen als Bedingung für Gespräche fordern. Kein Volksentscheid, wie ihn sich die SPD wünscht. Stattdessen nennt er immer wieder die Vorteile von Stuttgart 21: Hundert Hektar neue Fläche für die Innenstadt, schnellere Zugverbindungen, 11.000 Wohnungen, 20.000 Arbeitsplätze, 5.300 neue Bäume, 175.000 Tonnen weniger CO2 pro Jahr durch weniger Autos auf den Straßen.

Gegenspieler Kretschmann gibt sich ebenfalls hart, rückt nicht von seinen Bedingungen ab, fordert den Baustopp. Fragt: "Wie wollen Sie aus der Konfrontation herauskommen, wenn Sie sagen, Sie stehen ohne Wenn und Aber zu Stuttgart 21? Was soll Dialog da für einen Sinn haben?" Auch für ihn geht es längst nicht mehr nur um einen profanen Bahnhof. Hält die Stimmung bis März, könnte der Mann der erste grüne Ministerpräsident überhaupt werden.

Mappus und Kretschmann - bis zum Sommer schien es, als könnten sie sogar gemeinsam regieren. Wegen der schwächelnden FDP war ja Schwarz-Grün in Baden-Württemberg plötzlich eine sehr realistische Option. Doch das ist erstmal vorbei.

Mappus hält den Landesvater schließlich auch nur die knappe Stunde seiner Regierungserklärung durch. Dann setzt er sich. Und während CDU-Fraktionschef Peter Hauk immer wieder die Grünen attackiert, sie als "mitverantwortlich für die Eskalationen" beschuldigt, man sich Wortgefechte über die Abgeordnetenbänke hinweg liefert, während also die Fetzen fliegen im Parlament - da lacht Stefan Mappus herzlich mit, wenn seine Leute einen Treffer setzen.

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Seite 1
kdshp 06.10.2010
1. aw
Zitat von sysopBaden-Württembergs Ministerpräsident erfindet sich neu. Um Stuttgart 21 zu retten, darf Stefan Mappus nicht mehr Rambo spielen -*und gibt sich im Landtag plötzlich sanft, bietet Vermittlung durch Heiner Geißler an. In der Sache allerdings bleibt er hart. Und geht damit ein hohes Risiko ein. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,721673,00.html
Hallo, der ZUG ist für herrn mappus (CDU) schon abgefahren das verlorene vertrauen gewinnt er nicht mehr zurück. Auch wenn frau merkel (CDU) ihn unterstützt in seinem harten vorgehen kann er nix mehr retten.
KarlKäfer, 06.10.2010
2. Landtagsdebatte ?
Tut mir leid, die Damen und Herren der CDU, als auch der FDP haben heute eine erbärmliche Vorstellung abgeliefert. Óffenbar sind sie am Ende mit ihrem Latein und gehen in Diffamierungen und Wahrheitsverdrehungen über. Ich hoffe meine Landsleute speichern das im Langzeitgedächtnis ab, auf dass sie ihren Angstellten, die ihre Stellenbeschreibung nicht mehr ausführen, die Quittung dafür geben.
empire2002 06.10.2010
3. Nicht Mappus geht ein Risiko, sondern die CDU
Wie heißt es im Volksmund: "Wenn Du nicht verstehst warum jmd. etwas tut, dann frage dich wem es nützt!" D.h. wenn jmd. ein Projekt derart verteidigt, dann wird er schon weich fallen. Viel schlimmer geht es der CDU. Die Leute fallen ja vom Glauben ab. Man holt Hundertschaften aus anderen Bundesländern, weil man Angst hat, die Polizei aus BW würden nicht das eigene Volk verprügeln (Quelle: Spiegel vom 04.10.2010). Und das nennt sich dann Volksverteter. Und wer ist denn jetzt verantwortlich für S21? 16 Jahre lang hieß es das Land BW. Jetzt heißt es der Bund ist zuständig, aber Debatten gab es nie. Das ganze Projekt stinkt dermaßen zum Himmel.
stanis laus 06.10.2010
4. Schilda
Was für ein Aufwand für einen Bahnhofsumbau mit Toilette. Deutschland streitet sich zu Tode.
David Leon 06.10.2010
5. als MP gestorben
Zitat von sysopBaden-Württembergs Ministerpräsident erfindet sich neu. Um Stuttgart 21 zu retten, darf Stefan Mappus nicht mehr Rambo spielen -*und gibt sich im Landtag plötzlich sanft, bietet Vermittlung durch Heiner Geißler an. In der Sache allerdings bleibt er hart. Und geht damit ein hohes Risiko ein. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,721673,00.html
Mappus ist gestorben als MP, das wissen alle. Nur nicht er, er weiss es noch nicht.
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