SPD-Aussteiger Marco Bülow Der Einsame

Marco Bülow ist aus der SPD ausgetreten. Eigentlich muss einen das nicht wundern, er galt schon immer als Quertreiber. Doch der Zeitpunkt verblüfft dann doch.
Marco Bülow

Marco Bülow

Foto: Kay Nietfeld/ dpa

Er sitzt vor einer weißen, hohen Wand. Vor ihm ein langer Tisch, an dem mehrere Mikrofone installiert sind. Marco Bülow braucht nur eins davon. Er ist allein. Bülow hat eingeladen, um zu erklären, warum er nach 26 Jahren aus der SPD austritt.

Er beginnt mit einer Entschuldigung. Auf die Anfragen auf allen möglichen Kanälen habe er natürlich nicht geantwortet und sich nicht zurückgemeldet. Zuerst habe er seinen Wahlkreis informiert und die Spitze der Dortmunder SPD.

Der letzte Auftritt

Für Marco Bülow könnte es der letzte große Auftritt vor der Hauptstadtpresse sein. Er könne die SPD nicht länger über seine Werte und Ideale stellen, die müssten mehr wiegen als seine Karriere. Doch Bülows Karriere stagniert bereits seit langem.

Er ist als Quertreiber bekannt, als einer, der nicht im Team arbeitet. In der SPD-Fraktion wird sein Abgang dann auch eher mitleidig bis erleichtert kommentiert.

Er bedauere Bülows Entscheidung, sagt etwa der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach, weil Bülow menschlich in Ordnung sei. Bülow habe sich an den Auseinandersetzungen in der Fraktion kaum noch beteiligt - wenn er überhaupt da gewesen sei. "Selbstmitleid pur" nennt Lauterbach die achtseitige Erklärung zum Austritt auf Twitter.

Bülow sagt auf der Pressekonferenz, sein Hauptgrund sei, dass die Partei eine angstgetriebene Politik immer vorgezogen habe:

"Wir haben Angst vor Neuwahlen, weil es schlecht für uns ausgehen könnte, wir haben Angst vor der Union, uns dagegen zu profilieren, weil wir vielleicht ein paar Leute verprellen. Wir haben Angst vor einer wirklichen Alternative, oh, das könnte ja als links oder sonstwas ausgelegt werden, wir haben Angst vor Lobbyisten und deswegen haben wir keine klare Haltung beim Dieselskandal, nicht bei Cum-Ex und anderen Dingen. Wir haben Angst uns zu erneuern. Wir haben Angst vor einem Sonderparteitag und machen lieber ein Debattencamp. Wir haben Angst vor der Urwahl, weil da könnte ja jemand Vorsitzender werden, der vielleicht Menschen begeistert und mitnimmt. Und wir haben vor allen Dingen Angst vor einer Vielfalt."

Er hält beide Hände nach oben geöffnet. Man könnte ihn in diesem Moment auch für einen Priester halten.

Er kann reden

Das ist bemerkenswert an Bülow: Er kann reden. Trotzdem galt er nicht als Hoffnungsträger. Selbst die Parteilinken halten ihn mitunter nicht für einen verlässlichen Partner.

Seinen Ortsverein Dortmund-Mitte hat Bülow offenbar nicht unterrichtet. Auf Facebook schreiben die Genossen: "Leider wurden auch wir nicht über den Austritt Marco Bülows informiert. Wir haben als Ortsverein seine Außenseiterposition und Kritik an der SPD immer unterstützt". Von außen die SPD zu erneuern, könne nicht funktionieren.

Dabei redet Bülow viel über die Basis. "Der Fraktionsvorsitzende ist nicht mein Chef, die Kanzlerin ist nicht meine Chefin, sondern mein Chef ist die Bevölkerung und dann vielleicht noch mein Wahlkreis, der mich aufstellt", sagt er. Dabei wollten ihn die Dortmunder Genossen laut der Seite "Ruhrbarone " zur nächsten Bundestagswahl nicht mehr aufstellen. Es sei ein gesichtswahrender Austritt, schreiben die "Ruhrbarone".

Bülow will bleiben

Bülow hält sich die Frage nach seiner Zukunft offen. Er war Mitbegründer der "Progressiven Sozialen Plattform" und Mitunterzeichner von Sahra Wagenknechts "Aufstehen"-Bewegung. Ob er sich denn vorstellen könnte, zu den Linken zu gehen? Er gebe gern Antwort auf die Gründe seines Austritts. Er halte es schon länger für notwendig, dass der Druck auch von außen aufgebaut werde. Deswegen habe er die Plattform gegründet und Aufstehen unterschrieben. "Ich werde Fraktionsloser und Parteiloser sein und alles andere weiß ich einfach im Augenblick noch nicht", sagt er.

Eine echte Antwort bleibt er schuldig.

Bülow verlässt die SPD in dem Moment, in dem es aussehen könnte, als würde sie ein Stück nach links rutschen. Er sagt, er habe darauf keine Hoffnung mehr. Er wirft seiner Partei vor, es habe trotz unglaublicher Verluste und Niederlagen bei Wahlen immer nur ein "Weiter-so" gegeben. Konstruktive Kräfte hätten sich zurückgezogen.

Sein Bundestagsmandat will Bülow behalten. Er ist direkt gewählt, lag fast 15 Prozentpunkte vor dem CDU-Gegenkandidaten. Bülow hofft, von dem Austritt zu profitieren. Er würde nun Redezeit im Parlament kriegen, sagt er. Die habe er bislang nicht bekommen. Er könne weiter Anfragen stellen, einen Ausschussplatz besetzen. "Ich bleibe weiter Sozialdemokrat und will weiter sozialdemokratische Politik machen", sagt Bülow. Dafür habe er sich aufstellen lassen. Dafür sei er gewählt worden.

Für Parteichefin Andrea Nahles kommt der Austritt ungelegen, auch wenn sich die SPD und Bülow schon lang entfremdet haben. SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil hat ihn inzwischen aufgefordert, sein Mandat zurückzugeben. Doch Bülow will bleiben. Auch, wenn es nun noch einsamer um ihn wird.

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