Marine-Mission "Besatzung, winken!"

Vier Schiffe und vier Boote der Marine haben heute Deutschland in Richtung Libanon verlassen. Trotz aufmunternder Worte von Verteidigungsminister Jung in Wilhelmshaven flossen bei vielen Angehörigen und Soldaten Tränen zum Abschied - doch Angst darf kein Thema sein.

Wilhelmshaven - Franziska und Jasmin wollen über ihre Gefühle reden. "Am schlimmsten ist die Angst", sagen die beiden jungen Frauen, beide Anfang zwanzig. Ihre Freunde sind bereits an Bord, der Marineeinsatzverband Unifil verlässt gleich den Stützpunkt, Richtung libanesische Küste, Abschied für mehrere Monate. Sie reden von Trauer, dass die Partner so lange Zeit weg sind, vor allem aber davon, dass sie Angst haben. "Man weiß nicht, was alles passieren kann", sagt Franziska, und bemüht sich, die Tränen zurückzuhalten.

Ein Marineoffizier kommt vorbei, nimmt die beiden Frauen diskret zur Seite und führt sie weg von den Journalisten. Solange niemand von den Presseleuten des Verteidigungsministeriums dabei ist, sollen die Angehörigen oder Soldaten nicht mit Journalisten sprechen. Schon gar nicht über das Thema Angst. Damit niemand in Versuchung kommt, werden Journalisten und zum Abschied winkende Angehörige auf Distanz gehalten. Und bitte keine Filmszenen und Fotos von weinenden Menschen. Mehrere Kameraleute protestieren. Ein Marinesprecher versucht zu besänftigen: "Das war nicht unsere Idee, sondern direkte Order vom Verteidigungsministerium. Dort haben viele Leute Angst, dass bei diesem neuartigen Einsatz die öffentliche Meinung gegen den Einsatz kippen könnte. Das ist politisch sehr heikel."

Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) sieht deshalb lieber die "professionelle Gelassenheit", die die Soldaten an den Tag legen. Heute hat er sich an Bord der Fregatte "Mecklenburg-Vorpommern" persönlich von einigen Soldaten verabschiedet und sich ein Bild von der Stimmungslage gemacht. Von ihren Sorgen haben sie ihm sicher nichts erzählt; davon, dass sie Angst davor haben, ein Schiff notfalls mit Waffengewalt zu stoppen oder davor, dass womöglich Islamisten Anschläge auf ein deutsches Schiff verüben werden; oder dass sich ein ziemlich mulmiges Gefühl einstellen wird, sich maskiert von einem Hubschrauber auf ein fremdes Schiff abzuseilen und es nach Waffen zu durchsuchen - auch gegen den Willen der Besatzung dieses Schiffes; oder davon, dass die Freundin zu Hause weg ist, wenn der Einsatz vorbei ist.

All das beschäftigt viele Soldaten, von Mannschaftsdienstgraden bis zu den Offizieren. Reden tun sie darüber nur hinter vorgehaltener Hand. "Wir sind uns unserer Berufsrisiken natürlich bewusst, schließlich haben wir uns freiwillig dafür entschieden", sagt ein junger Marinesicherungssoldat. "Aber wir sind auch nur Menschen, und deshalb haben wir logischerweise Angst." Natürlich, ergänzt er, sind wir auch "sehr stolz, bei diesem Einsatz dabei sein zu dürfen". Dann verschwindet er, weil ein Presseoffizier naht und ihm einen warnenden Blick zuwirft.

Jung spricht von einem "wahrhaft historischen Tag", Marineinspekteur Wolfgang Nolting von einer "wahrhaft historischen Mission". "Wahrhaft historisch" ist heute das Lieblingswort der Politik und der Admiralität, weil erstmals eine Bundeswehreinheit im Nahen Osten an einer friedenssichernden Operation teilnimmt. Die Marine soll vor der libanesischen Küste patrouillieren und Schiffe kontrollieren. So sollen illegale Waffenlieferungen an die Hisbollah auf dem Seeweg verhindert werden. "Es geht darum, die libanesische Marine dabei zu unterstützen, die Souveränität des Libanon von Seeseite aus zu wahren", formuliert Vizeadmiral Nolting die Aufgabe der Marine.

Der Kommandeur des deutschen Verbandes, Flottillenadmiral Andreas Krause, beruhigt die Abordnungen der acht Schiffs- und Bootsbesatzungen, die zur Abschiedsmusterung angetreten sind, sowie deren Familienangehörige. "Wir übernehmen keine ungefährliche Aufgabe", sagt er. "Aber wir sind bestmöglich ausgebildet und ausgerüstet." Es werde sehr wahrscheinlich nichts passieren, mit dem wir nicht fertig werden können. Durch das Teleobjektiv kann man Soldatenmütter sehen, die benutzte Taschentücher in den Händen halten. Er wisse sehr wohl, sagt Krause, dass den Familien durch die lange Trennung viel abverlangt werde. "Als Ehemann und Vater zweier Kinder weiß ich das sehr gut", sagt er. Krause wird den Einsatz von der "Mecklenburg-Vorpommern" aus führen - dort hat er seinen Führungsstab eingerichtet. In zwei bis drei Monaten, wenn das Schiff in die Werft muss, wird Krause mit seinem Team auf die Fregatte "Brandenburg" umziehen.

Drei junge Frauen, Freundinnen von Gefreiten, freuen sich, als sie die "Brandenburg" an der Pier entdecken. Dort wird geschweißt und repariert, das Schiff kommt erst gerade von einer Seefahrt zurück. Bis zur Übernahme der Verbandsführung sind noch einige Arbeiten auf der Fregatte nötig, sagt ein Marinesprecher. "Unsere Männer sind nämlich alle auf der 'Meck-Pomm'", sagt eine der Frauen. "Wenn wir Glück haben, sind sie zu Weihnachten wieder zu Hause. Dank der 'Brandenburg'."

Ein graues Schiff nach dem anderen fährt gemächlich aus dem Marinestützpunkt Wilhelmshaven, als erstes die Fregatte "Karlsruhe". Ein Wachoffizier fordert die deprimierten Soldaten, die zum Abschied aufgereiht an Bord stehen, auf: "Besatzung, winken!" Eine Marinekapelle spielt zigmal "Muss i denn", jedes Mal wenn eines der Schiffe und Boote den Hafen verlässt. Als später die "Mecklenburg-Vorpommern" die Leinen losmacht, kommen den Freundinnen doch die Tränen. "Naja", sagt eine von ihnen und seufzt. "Wenigstens gibt es Handys, Feldpost und in den Auslandshäfen Telefon."

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