Markus Feldenkirchen

Deutsche Verrohung Was ist nur aus diesem Land geworden?

Deutschland könnte die Flüchtlingskrise bewältigen, ohne seine Zivilisation preiszugeben. Stattdessen liegt eine Wirtshausschlägereistimmung über dem Land. Wenn es so weitergeht, herrscht bald ein Klima der Verrohung wie zuletzt in Weimarer Zeiten.
Syrerin auf der Flucht, wartend nahe der grenznahen Ortschaft Hanging (Österreich), 3. November 2015

Syrerin auf der Flucht, wartend nahe der grenznahen Ortschaft Hanging (Österreich), 3. November 2015

Foto: Peter Kneffel/ dpa

Ich habe einige Zeit als Korrespondent in Amerika gelebt. Seit ein paar Wochen bin ich zurück in Deutschland. Seither gehöre auch ich zu den besorgten Bürgern. Meine Angst ist, dass Deutschland verroht.

In Amerika war ich oft entsetzt über die Brutalität einer Gesellschaft, die mit großer Mehrheit die Todesstrafe befürwortet und es Polizisten gestattet, Menschen in den Rumpf zu schießen, von denen keine konkrete Gefahr ausgeht. Ich kann nichts dafür, dass ich Deutscher bin, aber für einige Zeit war ich ganz zufrieden mit diesem Schicksal. Ich war stolz, nicht stolz auf Deutschland, sondern auf dessen Bürger, die es offenbar geschafft hatten, emphatischer und zivilisierter zu sein.

Zur Not "mit Waffengewalt" gegen Flüchtlinge

Nun bin ich in ein anderes Land zurückgekehrt. In ein Land, in dem der AfD-Vorsitzende von Nordrhein-Westfalen erklärt, man müsse die deutsche Grenze zur Not "mit Waffengewalt sichern", was nichts anderes heißt, als dass auf Flüchtlinge geschossen werden darf.

In ein Land, in dem der Journalist Helmut Schümann mitten im ach so bürgerlichen Berlin-Charlottenburg von hinten mit den Worten "Du linke Drecksau" niedergeschlagen wurde, weil er tags zuvor in einer Kolumne die kritische Frage "Ist das noch unser Land?"  aufgeworfen hatte.

In ein Land, in dem die Kandidatin für das Amt der Oberbürgermeisterin von Köln mit einem Messer lebensbedrohlich verletzt wurde, weil dem Täter ihre Flüchtlingspolitik nicht passte.

In ein Land, in dem wie am Wochenende in Magdeburg 30 Deutsche syrische Flüchtlinge mit Baseballschlägern jagen und verprügeln.

In ein Land, an dessen Stammtischen, den realen wie den digitalen, Ängste vor Fremden geschürt werden, gegen die selbst Donald Trumps Hetze gegen Einwanderer harmlos wirkt.

Als einen der ersten Leser-Kommentare unter diesem Text erwarte ich diesen: "Dann hau doch wieder ab, du Vaterlandsverräter."

Vergangenen Sonntag wartete eine Gruppe Taxifahrer am militärischen Teil des Flughafens Tegel. Die Verteidigungsministerin war gerade im Regierungsairbus aus Bahrain zurückgekehrt. Die Taxifahrer waren offenbar davon ausgegangen, dass es sich um Angela Merkel handelte. Er hätte mit den Kollegen bereits Pläne geschmiedet, verriet mir einer der Fahrer stolz: Wenn einer von ihnen Frau Merkel als Fahrgast bekommen hätte, hätte er sie zu einem benachbarten Gewässer gefahren, um sie mit Steinen an den Füßen im See zu versenken. Wegen ihrer Flüchtlingspolitik.

Kritik nicht im Gespräch, sondern mit der Faust

Was ist nur aus diesem Land geworden? Rechtfertigt der plötzliche Zustrom Hunderttausender Flüchtlinge etwa, fast alles zu vergessen, was uns einmal wichtig war? Natürlich ist die Flüchtlingskrise eine Herausforderung. Sie zu lösen wird Zeit, Geld und Kraft kosten. Aber Deutschland hat all diese Ressourcen, es könnte die Krise bewältigen, ohne seine Zivilisation preiszugeben. Stattdessen liegt nun eine Wirtshausschlägereistimmung über dem Land. Wenn es so weitergeht, herrscht bald jenes Klima der Verrohung, das es bei uns zuletzt in den Zwanzigerjahren gab, zu Zeiten der Weimarer Republik, jenem rüden deutschen Jahrzehnt, das den Boden bereitete für das brutalste Jahrzehnt der Weltgeschichte.

Auch damals wurden Kritik und Unbehagen nicht im Diskurs vorgebracht, sondern auf der Straße und mit der Faust. Wir wissen heute, dass diese Kultur der Verrohung maßgeblich zum Scheitern der ersten deutschen Demokratie beigetragen hat. Am Ende hatten die Lauten und Brutalen das immer verletzliche Band der Zivilisation durchtrennt. So weit sind wir noch lange nicht. Es ist nicht die Mehrheit, die dieser Tage unsere Zivilisation bedroht, aber es sind schon zu viele. Die Bundesrepublik hat in den Jahrzehnten nach Hitler eine funktionierende Demokratie errichtet, seine Bürger waren zurecht stolz auf die politische Kultur. Aber es sollte sich niemand sicher sein, dass diese Errungenschaft für immer gesichert ist.

Völlig paradox ist übrigens, dass viele der neuen Asozialen tatsächlich die Begriffe "Kulturnation Deutschland" oder das "Land der Dichter und Denker" bemühen, um ihr Handeln zu rechtfertigen. Denn nichts wäre den toten Dichtern und Denkern peinlicher als jene Herrschaften, die heute Ressentiments gegen Ausländer schüren, Schießbefehle ausgeben oder Frau Merkel wahlweise ertränken oder erhängen wollen.

Der große deutsche Dichter und Denker Heinrich Heine etwa schrieb einst in seinem Wintermärchen: "Fatal ist mir um das Lumpenpack, das, um Herzen zu rühren, den Patriotismus trägt zur Schau, mit all seinen Geschwüren."

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