Politischer Aschermittwoch der CSU Sonnenkönig Söder

Markus Söder will nicht Kanzler werden. Sagt er. Doch mit seinem staatstragenden Auftritt beim politischen Aschermittwoch demonstriert der CSU-Chef das Gegenteil.
Aus Passau berichtet Anna Clauß
CSU-Chef Markus Söder mit Bierkrug in Passau: "Mein Platz ist hier, in Passau, in Bayern und nicht in Berlin"

CSU-Chef Markus Söder mit Bierkrug in Passau: "Mein Platz ist hier, in Passau, in Bayern und nicht in Berlin"

Foto: Michael Dalder/ REUTERS

Die Menschen auf den harten Bierbänken in der Passauer Dreiländerhalle haben schon um neun Uhr früh die Schnauze voll. Nicht von den Riesenbrezeln, den Fischsemmeln oder dem Bier, das in Literkrügen vor ihnen steht. Sondern von der CDU, den chaotischen Zuständen in der Schwesterpartei, den "Preußen in Berlin", wie es CSU-Mitglied Hans Haag wenig liebevoll ausdrückt.

Seit 1977 pilgert Haag jedes Jahr zum größten Stammtisch der Welt, wie die CSU ihre alljährliche Zusammenkunft zum politischen Aschermittwoch nennt. Dieses Mal hat er ein großes Schild mitgebracht, auf dem steht: "Markus bleib in Bayern! In Berlin da gibt es nix zu feiern."

Einen Tag, nachdem die CDU das Rennen um Parteivorsitz und Kanzlerkandidatur offiziell eröffnet hat, blickt der politische Betrieb heute an den geografisch rechten Rand Deutschlands. Nach Niederbayern, wo mit Markus Söder ein Mann auf die Bühne tritt, dem ebenfalls Ambitionen auf das Kanzleramt nachgesagt werden. Zeitgleich übrigens mit Robert Habeck, der ein paar Kilometer weiter in Landshut seine Bierzelt- und Kanzlertauglichkeit unter Beweis zu stellen versucht. Als "Küstenkavalier" und "Käpt'n Iglo der Grünen" schmäht Söder den politischen Gegner gleich zu Anfang seiner Rede.

Söder will zeigen, wie Kanzler geht

Wer auf ähnliche Spitzen gegen die innerparteiliche Konkurrenz aus der CDU wartet, tut dies vergebens. Den Elefanten im Raum, die ungeklärte Führungsfrage in der Schwesterpartei, blendet Söder so gut es eben geht aus. Seine Strategie: mit eigener Strahlkraft überzeugen.

Eine ganze Stunde lässt er das Publikum warten, spricht betont staatstragend über "ökologische Sensibilität" und "wirtschaftliche Kompetenz", Bauern, Bäume und "mehr Tempo bei Forschung und Entwicklung", bis er endlich den Satz sagt, auf dem sie im Bierdunst so lange gewartet haben. "Ich liebe dieses Land", ruft Söder in den Saal. Er meint selbstverständlich Bayern. "Hier stehe ich als Ministerpräsident, und es hat ziemlich lange gedauert, bis ich hier stehen durfte." Söder wartet das einkalkulierte Gelächter ab. "Mein Platz ist hier, in Passau, in Bayern, und nicht in Berlin." Die Menge johlt.

Über ein Interview mit der lokalen "Passauer Neuen Presse" hatte Söder die CDU bereits wissen lassen, dass die Union Gefahr laufe, "ihren Führungsanspruch nach der nächsten Bundestagswahl" zu verlieren, wenn sich "die Lage" bei der Schwesterpartei nicht bessere. Wie diese Führung aussehen kann, stellt Söder in einer durchaus nachdenklichen Rede umgehend unter Beweis.

Söder will zwar nicht Kanzler werden. Aber den anderen vormachen, wie es geht, das will er schon.

"Wenn wir nicht aufpassen", mahnt Söder, "sickert das braune Gift ins demokratische Grundwasser." Der Rechtsterrorismus in Deutschland sei eine enorme Herausforderung "wie damals die RAF". Eine Woche nach den rassistisch motivierten Morden von Hanau kann man auch als CSU-Politiker am Aschermittwoch nicht mit den üblichen Stammtischparolen über Heimatstolz und Grenzschutzmaßnahmen vor Publikum treten.

Also gibt er ein "Schutzversprechen" für alle Bewohner Bayerns ab, seine diesjährige Aschermittwochsrede deklariert er zur "Passauer Erklärung”: "Jeder, der bei uns lebt, soll sicher und beschützt sein", sagt Söder. Egal, welche Hautfarbe oder Geschlecht jemand habe, im Freistaat gelte das Motto "Leben und leben lassen".

Söder beschwört die klare Abgrenzung der Union zur AfD. "Warum darf man Björn Höcke einen Nazi nennen?", fragt er ins Publikum und gibt die Antwort selbst: "Weil er einer ist." Die Partei sei zu einem "Sammelbecken für die neuen Braunen" mutiert.

Die Grünen werden attackiert, Kramp-Karrenbauer geschont

Auch die Partei von Parallelredner Habeck geht Söder hart an. "Die Grünen wollen Autos verbieten, die Roten wollen BMW enteignen. Ich sage: Lasst uns Autos verbessern." Das kommt gut an im Saal. Er umarme gern Bäume, erklärt Söder in einem Anflug sanfter Selbstironie, "aber das ist das einzige Grüne, das ich gerne umarme." Die Grünen hätten Christian Lindner zum Ehrenvorsitzenden ernennen sollen, spottet der CSU-Chef. "Mit einer Jamaikakoalition wären die Grünen jetzt in Umfragen auf Normalmaß, Anton Hofreiter wäre Verkehrsminister, und Andreas Scheuer wäre in einem anderen Ministerium glücklich." Witze auf Kosten anderer und seien es die eigenen Kabinettsmitglieder - für einen kurzen Moment blitzt der alte Haudrauf-Söder hinter der Fassade des Möchtegernkanzlers hervor.

Für andere Parteifreunde findet Söder lobende Worte, das Image von einem, der nur an sich selbst denkt, will er zerstreuen. "Nur eine gemeinsame Union kann den Stürmen der Zeit trotzen", ruft er am Ende seiner Rede in die Menge. Und so verzichtet er auch auf Schienbeintritte gegen Annegret Kramp-Karrenbauer - obwohl die scheidende CDU-Parteivorsitzende tags zuvor im SPIEGEL-Interview für ihre Verhältnisse hart gegen den CSU-Chef ausgeteilt hatte.

"Vor wenigen Wochen hieß es noch, wir brauchen jetzt schnell eine Kabinettsumbildung, und dann sollte auch die Frage der Kanzlerkandidatur rasch geklärt werden", klagte Kramp-Karrenbauer da über Söder. Jetzt heiße es plötzlich, die Kandidatenfrage solle erst im nächsten Jahr geklärt werden. "Da kann sich schon mal ein gewisses Unverständnis breitmachen."

In der CSU glauben viele, Kramp-Karrenbauer sei sauer auf Söder, weil der ihren Zeitplan, Nachfolge- und K-Frage erst im Dezember zu klären, zerschossen habe. Söder reagiert in Passau betont lässig: Er freue sich, "dass man unseren Rat angenommen hat, nicht ein Jahr nach einem neuen Parteivorsitzenden zu suchen."

Der CSU-Vorsitzende ist in einer komfortablen Lage. Die Abstimmung über den neuen CDU-Chef auf dem Parteitag am 25. April kann Söder zwar nicht beeinflussen. Den Auserwählten der Schwesterpartei wird er dafür aber bis zum Ende des Jahres genau beobachten und studieren können, bevor er seinen Daumen hebt - oder ihn senkt und doch selbst als Kanzlerkandidat antritt.

Er halte alle Bewerber für "hervorragende Persönlichkeiten", säuselt Söder in Passau. Die CSU könne mit "allen zusammenarbeiten". Das ist die offizielle Version. Wirklich überzeugt ist Söder in Wahrheit weder von Armin Laschet noch von Norbert Röttgen oder Friedrich Merz. Wer sich an der versammelten Parteibasis umhört, die in der Passauer Dreiländerhalle mittelalt und sehr männlich ist, der muss den Eindruck bekommen, dass die Sympathien am ehesten Merz zufallen. Zu diesem Schluss kommt auch eine Umfrage von Sat.1 Bayern, wonach bei den CSU-Anhängern Merz (41 Prozent) mit weitem Abstand vor Röttgen (20) und Laschet (19) rangiert.

Gegen Markus Söder können sie natürlich alle einpacken. So sieht es jedenfalls Ludwig Prügl, CSU-Mitglied aus Obernzell auf einer Bierbank ganz vorn an der Bühne. "Deutschland geht es gut, wenn es Bayern gut geht", meint er. Deswegen solle Söder auch in Bayern bleiben und sich nicht in Berlin verbrennen lassen. Sein Sitznachbar meint vielsagend, Söder sei gerade "ganz weit oben". Es klingt, als wolle er den Parteivorsitzenden und Ministerpräsidenten daran erinnern, nicht abzuheben.

"Wir sind die Sonnenseite des Landes", sagt Söder über Bayern an einer Stelle in seiner Rede, in der er Abstandsregelungen gegen Windkraftanlagen verteidigte. Solange er nicht Kanzlerkandidat ist, darf sich Söder als Sonnenkönig fühlen.