Jakob Augstein

Söder, das Kreuz und die Kippa Macht der Symbole

Symbole der Religion sind Symbole der Politik. Darum liegt Markus Söder voll im Trend, wenn er Kreuze in bayerischen Amtsstuben aufhängt. Aber Berlin soll bitte die Kippa wieder absetzen. Nicht wegen der Religion. Sondern aus Anstand.
Markus Söder mit Kreuz in der bayerischen Staatskanzlei

Markus Söder mit Kreuz in der bayerischen Staatskanzlei

Foto: Peter Kneffel/ dpa

Vielleicht sollte Religionsunterricht doch wieder an allen Schulen verpflichtend sein. Denn in den vergangenen Tagen hat das Land mit großer Hilflosigkeit auf tatsächliche und scheinbare religiöse Provokationen reagiert. Kreuz und Kippa - in einer unerwarteten Parallelität hat sich die Macht der Symbole in Erinnerung gerufen. (Und Kopftücher schweben ja sowieso dauernd durch den deutschen Assoziationsraum.)

Manchmal tut der Herr Zeichen und Wunder. Und seinen Freunden gibt er es, wie es in Psalm 127 heißt, im Schlaf. Anders wäre zum Beispiel an Markus Söder vermutlich auch kein Rankommen. Jedenfalls hat das blinde Huhn Söder ein ziemlich großes Korn gefunden, als er verkündete, im Eingangsbereich aller bayerischen Dienstgebäude ein Kreuz aufhängen zu lassen. Die Rechtschaffenen erregen sich darüber. Aber vermutlich haben sie Söder gar nicht verstanden. Das Erstaunliche ist nämlich: Er hat recht.

Söder hat gesagt, das Kreuz sei "nicht ein Zeichen einer Religion, sondern für die geschichtlich-kulturelle Identität und Prägung Bayerns". Da bangt man um die Seele des bayerischen Ministerpräsidenten und möchte ihm gleich den Beichtvater schicken. Denn das Kreuz ist, bitteschön, das Symbol für die Erlösung, das Sinnbild des Leidens und der Herrschaft Jesu Christi. Jedenfalls, wenn man Christ ist. Aber - mal im Ernst: Wer ist schon Christ?

Symbol der Abgrenzung

Heutzutage ist das Kreuz für die meisten Leute einfach das Markenzeichen des Abendlandes. Die Trademark des Westens. Das Kreuz spricht zum Gläubigen, zum frommen Christen. Die meisten Menschen sind aber gar nicht fromm. Die meisten Menschen sind nicht einmal besonders gläubig. Schon klar, dass das Kardinal Marx nicht gefällt. Aber für die meisten Menschen dürfte das Kreuz kein Zeichen der Versöhnung Gottes mit den Menschen sein, sondern ein Symbol der Abgrenzung zu anderen Kulturen: Christen tragen ein Kreuz, Muslime und Juden nicht.

Genau so ein Kreuz der Abgrenzung will Markus Söder in den bayerischen Behörden aufhängen lassen. Als Christ muss man ihn dafür geißeln. Söder macht aus dem "Zeichen von Ohnmacht, Leid und dem Schrei nach Barmherzigkeit" (Margot Käßmann) einen staatlich beamteten Balkensepp. Das ist pure Blasphemie. Aber Söder ist eben kein Priester sondern bayerischer Ministerpräsident. Und darum hat seine Entscheidung mit Religion gar nichts, mit Politik dagegen sehr viel zu tun.

Auch der Angriff auf den Kippaträger in Berlin hatte mit Religion wohl nichts zu tun und wurde sofort zum Politikum. Den genauen Grund des Angriffs kennt man nicht. War der Angreifer ein rassistischer Antisemit, der Juden hasst, weil sie Juden sind? Oder galt die Wut, die sich da Bahn brach, dem Nahostkonflikt, dem Schicksal der Palästinenser, der israelischen Besatzungspolitik?

Die Empörung war groß. Und ebenso groß war der Wunsch, Wiedergutmachung zu leisten. Also trafen sich etwa in Berlin zweitausend und paar Wohlmeinende vor einer jüdischen Einrichtung. Und ganz viele hatten sich dafür extra eine Kippa aufgesetzt. Nun wurde in jüdischen Schriften viel darüber gestritten, wann und wo die Kippa zu tragen ist. Aber was um alles in der Welt hat sie auf dem Kopf von Frauen, Muslimen und Christen zu suchen?

Kippa auf Kopftuch

Was war das: Todtraurig oder zum Totlachen? In der Hauptstadt des Holocausts bemächtigen sich die Nachkommen der Täter inbrünstig eines religiösen Symbols ihrer früheren Opfer, und schlüpfen dadurch - für kurze Zeit - selbst in die Rolle des Opfers. Der jüdische Publizist Armin Langer schrieb, diese Demonstration sei, bei allem guten Willen, ein klassisches Beispiel für das hinlänglich bekannte Phänomen der kulturellen Aneignung, die darin besteht, "sich die kulturellen Merkmale von früher unterdrückten Minderheiten anzueignen und sie ihrer originären Bedeutung zu berauben". Langer empfahl: "Wer nicht jüdisch ist und die jüdische Religion achten will, trägt keine Kippa."

Aber da hat er die Rechnung ohne die Versöhnungsgewalt der Berliner gemacht: Ein paar Musliminnen wollten ihre Solidarität mit den Juden so dringend zeigen, dass sie sich eine Kippa oben auf ihr Kopftuch gesetzt hatten.

Wir sind stolz darauf, dass wir die Vermischung von Politik und Religion ablehnen. Aber wo kommen wir hin mit diesem Stolz in einer Welt, die der Macht der religiösen Symbole gehorcht? Der Streit um Kreuz und Kippa passt zu einer religionsentwöhnten Gesellschaft, die alle Religionen, die eigene und die anderen, missverstehen muss. Das alles hat mit einer Rückkehr der Religionen nichts zu tun. Sondern mit ihrer Politisierung.

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