Markus Söder in Äthiopien Fußballschule und Flüchtlingscamp

Markus Söders erste Auslandsreise führt den bayerischen Ministerpräsidenten nach Afrika. In Äthiopien besucht er ein Flüchtlingslager, pflanzt einen Baum, eröffnet ein Büro des Freistaats - und muss kritische Fragen aushalten.

Peter Kneffel/ DPA

Aus Addis Abeba berichtet


Niemand hat die Absicht, Markus Söder als Asyltouristen zu belächeln. Kurz bevor der bayerische Ministerpräsident seinen Rundgang durch ein Flüchtlingslager im äthiopischen Niemandsland beginnt, lässt er dennoch wissen: "Der Besuch heute ist kein Tourismus, sondern ein Angebot zur Unterstützung und zur Solidarität vor Ort." Der Freistaat Bayern habe 100.000 Euro gespendet, um im Nguenyyiel Refugee Camp die Grundschule zu vergrößern und eine Bibliothek zu finanzieren. Fast 100.000 Flüchtlinge aus dem krisengeschüttelten Südsudan leben hier.

Auf den Schulbänken im Klassenzimmer drängeln sich Mädchen und singen mit Stimmen so laut wie zehn bayerische Blaskapellen eine Dankeshymne auf Markus Söder. So behauptet es zumindest der Übersetzer vom Uno-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR), das das Lager betreibt.

Die Menschen hier kennen Markus Söder nicht. Es ist ihnen vermutlich auch egal, ob er sich als Tourist, Faschingsprinz oder demokratisch gewählter Politiker eines deutschen Bundeslandes auf den Weg zu ihnen gemacht hat. Sie freuen sich einfach, dass er da ist. Dass etwas los ist - Abwechslung vom tristen Camp-Alltag. Immer wieder versammeln sich Geflüchtete vor dem bayerischen Ministerpräsidenten, um zu singen oder zu tanzen.

Der "unentdeckte Nachbar Europas"

Söder wippt verlegen ein paar Takte mit, klatscht artig nach jeder Darbietung, wirkt irritiert über die Diskrepanz zwischen den "für uns beklemmenden Zuständen im Lager und der Lebensfreude der Bewohner". Natürlich sagt er auch das, was westliche Politiker im östlichen Afrika immer sagen: "Alles, was wir Gutes leisten, auch mit wenigen Mitteln, wird am Ende dazu führen, dass die Menschen hier eine Perspektive sehen." Mit "hier" ist nicht unbedingt das Flüchtlingslager gemeint, von dem aus man eine Stunde im Pick-up über lehmige Schlaglochpisten rasen muss, bis man die nächstgelegene Wellblechsiedlung erreicht, sondern das Land drumherum.

Äthiopien ist das zweitgrößte Aufnahmeland für Flüchtlinge in Afrika, da es in direkter Nachbarschaft zu den Krisengebieten in Somalia, Eritrea, Sudan und Jemen liegt. Söder ist der erste Ministerpräsident Deutschlands, der dieses Land bereist. Eine Pioniertat, auf die er gerne hinweist. Afrika, so Söder in einer Videobotschaft, die die bayerische Staatskanzlei vor seiner Abreise verbreitete, sei der "unentdeckte Nachbar Europas". Er wolle ein "neues Kapitel bayerischer Politik" aufschlagen, Fluchtursachen bekämpfen, die wirtschaftliche Zusammenarbeit verbessern, Entwicklungshilfe "auf ein anderes Niveau" bringen.

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Markus Söder: Ober-Bayer in Äthiopien

Noch bis Mittwochabend reist Söder durch Äthiopien. Aus dem Fenster des Delegationsreisebusses wirkt es wie ein Land, das gleichzeitig Drehort für eine Dallmayr-Werbung und Kulisse für einen Zombiefilm sein könnte. Viel sattes Grün, aber auch viele Hochhaus-Gerippe. Zeit für Sightseeing hat Söder nicht. Um sechs Uhr morgens verlässt er meist das Hotel, um bis in die Nacht Termin an Termin zu reihen: Er übergibt Spenden für eine Solaranlage auf der German Church School für Sehbehinderte, eröffnet erst den Bayerisch-Äthiopischen Wirtschaftstag, später dann die Fußballschule des FC Bayern München in Addis Abeba. Auch einen Termin bei Staatspräsidentin Sahle-Work Zewde bekommt er noch.

Seit ziemlich exakt einem Jahr ist Söder am Ziel seiner Träume. Er ist nicht nur Ministerpräsident, sondern als Parteivorsitzender der CSU auch ein Mann mit bundespolitischem Gewicht - beiläufig erwähnt er die nächtlichen Telefonschalten aus dem Hotelzimmer in Äthiopien mit der Kanzlerin in Berlin zu den Details kommender Gesetzesvorhaben. Was Söder jetzt noch fehlt? Der Ruf eines Kosmopoliten. Äthiopien als Ziel seiner ersten Auslandsreise im Amt ist klug gewählt.

Ein Land im Wandel - ein Politiker im Wandel

Das Land, das lange von Krieg und Hunger geprägt war, hat unter dem neuen Premier Abiy Ahmed einen steile Aufwärtskurve hingelegt. Die Wirtschaft wächst, es gibt Pressefreiheit, Frieden mit dem benachbarten Eritrea und eine Frau als Staatspräsidentin. Äthiopien ist ein Land im Wandel, das gut zum größten Verwandlungskünstler der deutschen Politik passt.

Vor einem Jahr rief Söder im Konflikt um Zurückweisungen von Flüchtlingen an der Grenze noch das Endspiel um die Glaubwürdigkeit aus. Sein Gerede von den "Asyltouristen" mag ihn zwar bis nach Äthiopien verfolgen, aber vom einstigen Scharfmacher ist nicht mehr viel übrig. Der neue Söder setzt auf Partnerschaft mit CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer, auf Dialog mit Bauern und Bienenschützern - und seit dieser Woche auch auf Völkerverständigung mit Afrika.

Das Ziel seiner ersten Reise hatte Söder schon in seiner Regierungserklärung unmittelbar nach seiner Wahl zum Ministerpräsidenten im November 2018 angekündigt. Zwar bestimmt ein halbes Jahr später nicht mehr das Thema Migration die politische Agenda, sondern die Ökologie. Zum Glück für Söder lässt sich das Klima aber von überall in der Welt aus retten.

Gleich der erste Termin führt ihn in einen Kirchenwald vor den Toren Addis Abebas, wo die Staatsregierung ein Forschungsprojekt der TU München unterstützt. Es geht um die Aufforstung des Landes. Die Kirchen in Äthiopien schützen ihre Wälder und trotzen so dem Klimawandel. "Denn ohne Bäume kann es keine gute Zukunft geben," sagt Söder.

Wieder wird der Ministerpräsident minutenlang von Kindern besungen, umrahmt von goldenen Kreuzen, bevor er zu Spaten und Gießkanne greift. Eine halbe Stunde später schon werden die Bilder über Twitter und Facebook verbreitet.

Es sind einheimische Journalisten, die die Harmonie durchbrechen, indem sie Söder fragen, ob es aus ökologischen Gesichtspunkten nicht sinnvoller gewesen wäre, er hätte Bayern gar nicht erst verlassen. Schließlich sei er im Flugzeug angereist, mit zehn weißen Minivans in den Kirchenwald gerauscht - um einen Baum zu pflanzen? Söder antwortet auf Englisch, er habe nun mal schlecht mit dem Fahrrad anreisen können. Außerdem seien alle Flüge klimaneutral gebucht worden.

Zeitgleich mit Söder reist eine 60-köpfige Wirtschaftsdelegation durchs Land. Ein Teilnehmer sagt, es herrsche nicht gerade Goldgräberstimmung unter den mitgereisten Vertretern bayerischer Unternehmen, aber das grundsätzliche Interesse an Äthiopien sei groß. Momentan gehen nur 1,3 Prozent aller Exporte aus dem Freistaat nach ganz Afrika, so eine aktuelle Studie des ifo-Instituts im Auftrag des Bayerischen Industrie- und Handelskammertags. Das entspricht den bayerischen Warenausfuhren in die Slowakei.

Das Afrikabüro besteht aus einer Person

Söder will sich nicht vorwerfen lassen, sein Reise nach Afrika sei nicht nachhaltig. Deswegen stand als einer der Höhepunkte seines Programms auch die Eröffnung eines Bayerischen Afrikabüros an. "Die 4 Hinterberger Musikanten" sind extra aus Nußdorf am Inn eingeflogen worden, um die feierliche Einweihung musikalisch zu untermalen. Für die Fotografen zückt Söder einen Schraubenzieher aus der Tasche, um das Schild fest in der Hauswand zu verankern.

Momentan besteht das Afrikabüro aus eben diesem Schild und einer Person am Schreibtisch im Büro der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) in Addis Abeba. Linda Schraml, schon lange für die GTZ tätig, hat künftig die sicherlich herausfordernde Aufgabe, das Büro nach Söders Wunsch zur "festen Kontaktstelle Bayerns für ganz Afrika" werden zu lassen. Addis Abeba sei schließlich als Sitz der Afrikanischen Union das "Brüssel Afrikas".

Da blitzt er kurz auf, der Södersche Superlativismus alter Prägung. Bevor sich der Ministerpräsident wieder fängt und demütig erklärt: "Kleine Schritte vorwärts sind besser als große Schritte, die man dann wieder zurückgehen muss."



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ddcoe 17.04.2019
1. Und die Welt lacht
Ist schon peinlich - einfach nur Bayer zu sein und der Illusion von Bedeutung nachzulaufen. Immerhin bespaßt der Söder ganz Deutschland. Erst mit Bavaria 1, jetzt mit seinem Auftritt in Afrika. Söder, oder - schlimmer geht immer.
kospi 17.04.2019
2.
Lasst ihn mal machen. Ob er nur ein Machtmensch oder ein Scharlatan ist oder ob er etwas auf die Reihe bekommt, wird sich rausstellen.
m.klagge 17.04.2019
3. Wie schön für den feinen Herrn,
so kommt er mal aus seinem muffigen Freistatt 'raus und lernt die Welt kennen. Aber trotzdem will es als etwas überteuert erscheinen den Mann erst jetzt auf die Reise zu schicken. Erstens verdient er gar nicht so schlecht und andere Leute machen ihre Grande Tour nach dem Abi. Huch. das Büro vergessen. Da gibt es sicher ein paar Posten für Familenmitglieder, Freunde der Familie und andere Nützlinge, die sich um Bayern verdient machen können. Das Büro in Äthiopien macht sich im Lebenslauf bestimmt gut. Und ist auch sonst bestimmt unentbehrlich für Bayern.
heissSPOrN 17.04.2019
4.
"Es ist ihnen vermutlich auch egal, ob er sich als Tourist, Faschingsprinz oder demokratisch gewählter Politiker eines deutschen Bundeslandes auf den Weg zu Ihnen gemacht hat." Hat er sein Shrek-Kostüm nicht mehr? Das hätte den Kindern (den kleinen und den großen) doch sicher Spass gemacht...
newline 17.04.2019
5. Bei den Temperaturen
Zitat von heissSPOrN"Es ist ihnen vermutlich auch egal, ob er sich als Tourist, Faschingsprinz oder demokratisch gewählter Politiker eines deutschen Bundeslandes auf den Weg zu Ihnen gemacht hat." Hat er sein Shrek-Kostüm nicht mehr? Das hätte den Kindern (den kleinen und den großen) doch sicher Spass gemacht...
wollte er sich wohl nicht grün anmalen.
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