Söders Corona-Testpanne Die Maske fällt

Markus Söder hat sich in den vergangenen Monaten als erfolgreicher Krisenmanager profiliert - doch nun hat er das Testdesaster in Bayern zu verantworten. Das dürfte auch seine bundespolitischen Ambitionen erschweren.
CSU-Mann Söder

CSU-Mann Söder

Foto: Peter Kneffel / DPA

"Nichts ist perfekt.” Was wie eine banale Feststellung wirkt, ist in Wahrheit viel mehr. Denn den Satz spricht Markus Söder auf einer Pressekonferenz am Donnerstagnachmittag in München aus. Gefolgt von den Worten: "Nicht die Melanie und ich auch nicht.”

Es ist kein Schuldeingeständnis, aber immerhin eine Entschuldigung. So kleinlaut klang Markus Söder selten.

Es muss viel passieren, dass der CSU-Vorsitzende und bayerische Ministerpräsident öffentlich Buße tut. Es ist auch sehr viel passiert. In Bayern sind Zehntausende Corona-Testergebnisse von Reiserückkehrern verschlampt worden, ein womöglich folgenschwerer Fehler bei der deutschlandweiten Pandemiebekämpfung. 908 Menschen mit positivem Befund wurden tagelang im Unklaren darüber gelassen, dass sie potenzielle Virenschleudern sind. Womöglich haben sie sich in falscher Sicherheit gewiegt und Freunde, Verwandte, Familienmitglieder angesteckt, da sie keine Nachricht zum eigenen Gesundheitszustand erhalten haben.

"Corona wird immer gefährlicher,” warnte Söder noch am Montag nach einer Sitzung seines Kabinetts in Nürnberg. Er sollte recht behalten. Zum ersten Mal seit Ausbruch der Corona-Pandemie erlebt der CSU-Politiker eine Krise, die ihm gefährlich werden könnte.

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"Die Melanie”, das ist Söders Gesundheitsministerin Melanie Huml. Sie steht an diesem Donnerstag bei der Pressekonferenz niedergeschlagen und übermüdet neben ihm. Bis weit nach Mitternacht habe sie die Versuche der Schadensbegrenzung im Bayerischen Landesamt für Gesundheit überwacht, erzählt die CSU-Politikerin. Seit dem Morgen werde nun endlich die Liste mit den rund tausend Infizierten systematisch abtelefoniert. Zweimal, sagt Regierungschef Söder, habe die Ministerin ihm ihren Rücktritt angeboten. Er habe abgelehnt.

Wie großherzig.

"Wir müssen aus Fehlern lernen", so begründet Söder seine Entscheidung. Mit dieser pauschalen Formulierung versucht er auch, seinen eigenen Anteil an dem Desaster zu relativeren. Mag sein, dass die Testpannen nicht in der Staatskanzlei passiert sind. Wohl aber hat Söder das Tempo vorgegeben, mit dem die Idee der Schnelltestzentren an Autobahnen, Flughäfen und Bahnhöfen offenbar an die Wand gefahren wurde. Und er trägt als Ministerpräsident die politische Verantwortung.

Seit Anfang Juli kann sich in Bayern jeder Bürger anlasslos und kostenlos auf Corona testen lassen. Das aber war Söder nicht genug. Wie immer wollte er Vorreiter sein. Statt auf das Startsignal vom Bund zur Einführung verpflichtender Test für Reiserückkehrer zu warten, mussten auf seine Initiative über Nacht die Testzentren aus dem Boden gestampft werden. Mit freiwilligen Helfern unter anderem des Bayerischen Roten Kreuzes, weil so schnell gar kein Betreiber beauftragt werden konnte, völlig ohne digitale Testauswertungs-Software.

Söder wollte am Donnerstag eigentlich an der Nordsee glänzen

Eigentlich hätte Söder am Donnerstag an der Nordsee wattwandern wollen. Schleswig-Holsteins CDU-Ministerpräsident Daniel Günther wollte ihm Seehundbänke, Halligen und den Leuchtturm von Westerhever zeigen. Söder hätte sich den Nordlichtern als Schattenkanzler präsentiert und sicherlich irgendwann augenzwinkernd den Satz wiederholt, den er immer sagt, wenn man ihn auf seine Ambitionen als Nachfolger von Angela Merkel anspricht: "Mein Platz ist in Bayern".

Nun stimmt der Satz zum ersten Mal. Söder hat die Reise abgesagt. Schließlich gilt es, die zweite Welle im Freistaat einzudämmen.

Die Pressekonferenz in München ist dann in der Tat ein Lehrstück in Sachen Krisenkommunikation. Nicht er war zu übereifrig, erklärt Söder, sondern die Dynamik der Corona-Pandemie zu groß: "Das Tempo wird nicht von uns bestimmt, sondern Corona treibt uns an und um." Nicht er hat demnach also Druck gemacht, sondern der ungeahnt hohe Andrang an den Teststationen ist schuld. Bayern sei eben das einzige Bundesland, das Reiserückkehrer kostenlos teste, und zwar unabhängig vom Autokennzeichen. Es habe, betont Söder, durchaus Überlegungen gegeben, den Test nur Reiserückkehrern mit Wohnsitz in Bayern anzubieten.

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Größenwahn, wie ihm die Opposition in Bayern und im Bund vorwirft? I wo. Die Idee war gut. Aber die Realität noch nicht bereit dafür. So sieht das Söder.

Natürlich, was ihm gerade passiert, kann grundsätzlich jedem Spitzenpolitiker in Regierungsverantwortung passieren: Manche ihrer Projekte scheitern an der Realität. Erst recht, wenn man wie Söder zu der Kategorie Politiker gehört, die ambitionierte Pläne erst mal umzusetzen versuchen, ohne sie lieber gleich bleiben zu lassen.

Das Problem ist allerdings, dass in diesem Fall die Marke Söder 2020 ernsthaft Schaden nehmen könnte. Denn der demoskopische wie publizistische Höhenflug des CSU-Politikers scheint vor allem darin begründet, dass Söder in den vergangenen Monaten als so konsequenter wie kompetenter Krisenmanager auftrat. Nun steht Söder für viele als genau das politische Großmaul da, als das ihn die Menschen in früheren Jahren kennenlernten.

Das Testdesaster legt Söders größte Schwäche offen

Das Testdesaster legt exemplarisch offen, welche Schwäche der vermeintlich starke Mann an der Spitze des Freistaats hat: Söder löst Probleme am liebsten im Hauruckverfahren und mithilfe des dicken Geldbeutels, den ihm seine Vorgänger im Amt hinterlassen haben. Die Schlagzeile muss stimmen, die Idee gut sein. Wie sie am Ende umgesetzt wird, ist zweitrangig.

Bislang konnte sich Söder immer auf die effiziente bayerische Verwaltung verlassen, die sein Ideenfeuerwerk im Zweifel löscht, wenn es irgendwo anfängt, zu brennen. Außerdem hat er einen loyalen Mitarbeiterstab, der ihm Einhalt gebietet, wenn der Aktionist Söder droht, zu überdrehen. Bereits am Montag ernannte Söder seinen Staatskanzleichef Florian Herrmann zum obersten bayerischen "Corona-Koordinator". Aber auch der konnte seinen Chef offenbar nicht davon abhalten, Anfang vergangener Woche "Bayerische Testzentren" in jeder kreisfreien Stadt und in jedem Landkreis einzurichten.

DER SPIEGEL

Die Deutschen mögen politische Großmäuligkeit interessant finden, aber vertrauen tun sie insbesondere in Krisenzeiten den Kompetenten. Armin Laschet, Ministerpräsidentenkollege Söders aus Nordrhein-Westfalen, hat das leidvoll erleben müssen, als er wie in einem Umfrage-Paternoster immer weiter absackte, während Söders Beliebtheit anstieg. Laschet war zwar nie Großmaul, aber in der Corona-Kommunikation immer wieder ungeschickt - seitdem hängt er in den Seilen.

Ein bisschen Schadenfreude könnte dem CDU-Politiker, der erst Nachfolger von Parteichefin Annegret Kramp-Karrenbauer und dann von Kanzlerin Angela Merkel werden will, mit Blick auf Söder jedenfalls niemand verübeln. Genau wie anderen Christdemokraten, denen das selbstgewisse Auftreten des CSU-Chefs schon länger auf die Nerven geht.

Nein, Markus Söder kann eben nicht über Wasser gehen. Was das Testdesaster für seine politischen Ambitionen bedeutet, wird sich in den kommenden Wochen und Monaten zeigen. Jedenfalls ist aus dem gefühlten kommenden Kanzler Söder wieder der CSU-Vorsitzende Söder geworden, der im Rennen um die Unionskanzlerkandidatur eine Rolle spielen könnten - sich aber in erster Linie um die Bekämpfung der Coronakrise in Bayern zu kümmern hat.

Nicht mehr und nicht weniger.

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