Künftiger CSU-Parteivorsitzender Der Landesvati

Vom Raubein zum Weichspüler - der kommende CSU-Chef Markus Söder verspricht einen kooperativen Führungsstil. Werden ihm die Wähler die neue sanfte Tour abnehmen?

Markus Söder
imago/ Alexander Pohl

Markus Söder

Von , München


Man stelle sich einen Automobilisten vor, der einen sportlichen Fahrstil pflegt, wie es gerne beschönigend heißt: An der Ampel macht der Mann vorzugsweise einen Kickstart, auf der Autobahn fährt er mit Lichthupe dicht auf den Vordermann auf. Überhaupt ist die Hupe sein liebstes Instrument - auf dass ihn die Welt auch wahrnehme.

Dieser Autofahrer ist nun auf einmal geläutert, weit mehr: Er will sein Auto sogar abschaffen und aufs Fahrrad umsteigen. Die Umwelt, der Lärm, die Kosten, führt er als Gründe an, und wenn er einmal ein Fahrzeug brauche, dann tue es in der Großstadt auch das Carsharing, denn gemeinsam teilen sei besser als einsam besitzen.

Wie reagieren Beobachter nun auf den gewandelten Verkehrsrowdy? Sie können ihm zu seiner späten Einsicht gratulieren. Sie können ihm aber auch misstrauen und ihm taktische Motive unterstellen. Zum Beispiel, dass er weiterhin hauptsächlich sein Ego pflege, nur nicht mehr mit dem Ellenbogen aus dem Fenster, sondern mit überdick aufgetragenem Sendungsbewusstsein.

Ungefähr so verhält es sich derzeit mit dem Politiker Markus Söder: Beiderlei Interpretationen könnten zutreffen. Söder sitzt noch nicht lange genug auf seinem neuen Fahrrad.

"Geschlossenheit und Seelenfrieden"

Der bayerische Ministerpräsident und künftige CSU-Vorsitzende predigt derzeit Eintracht und Mäßigung. Das Ringen mit Horst Seehofer um die Vormacht in der CSU? Alles einvernehmlich gelöst. Streit bis aufs Blut mit der CDU um die Flüchtlingspolitik? Längst vergessen.

"Unsere Partei wünscht sich nach einem harten Wahljahr Geschlossenheit und Seelenfrieden", sagte Söder im SPIEGEL-Gespräch. Zur CDU: "Alten Streit wollen wir nicht neu beleben." Und zur neuen Aufgabe: "Ich habe mich in den Dienst der Partei gestellt." Es hört sich so an, als würden Mutter Teresa und der späte Johannes Rau aus einem Politikermunde sprechen.

Söder ist inzwischen unbestritten der mächtigste CSU-Politiker. Am heutigen Montag schlug ausgerechnet Horst Seehofer dem CSU-Parteivorstand den alten Rivalen als Nachfolger vor. Söder wird Seehofer auf einem Sonderparteitag am 19. Januar auch als Parteivorsitzender beerben. "Ich bin jetzt seit über zehn Jahren im Amt, das reicht auch", sagte Seehofer dazu.

"Der Hauch der Geschichte wehte durch den Parteivorstandsraum", so beschreibt Generalsekretär Markus Blume die Stimmung bei der internen Übergabe. Der Parteivorstand stimmte der Nominierung zu, Söders Wahl auf dem Parteitag ist damit nur noch Formsache.

Söder revanchierte sich im Gegenzug mit Freundlichkeiten beim Vorgänger: "Er gehört zu den ganz Großen der CSU, in der CSU-Geschichte", sagte er über Seehofer. Der Übergang sei mit Stil erfolgt, in einer "sicherlich turbulenten Zeit".

AKK spricht auf dem CSU-Parteitag

Es gehe nun darum, politisch "Geländegewinne" zu machen, versprach Söder, und benannte so auch die Währung, in der er künftig gemessen werden wird: zählbarer Erfolg, Prozentpunkte bei den Wahlen. Nach Seehofers Rückzug verantwortet Söder die Ergebnisse. Was Söder nicht sagte: Er muss sich in Bund und Land voraussichtlich für längere Zeit keinen Wahlen stellen, bei der Europawahl steht der Spitzenkandidat Manfred Weber im Blickpunkt.

Weitere wichtige Fixpunkte für die CSU 2019: Die neue CDU-Parteivorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer wird ein Grußwort auf dem CSU-Sonderparteitag sprechen. Zur Europawahl wird man ein gemeinsames Wahlprogramm mit der CDU erstellen. Generalsekretär Blume leitet eine Kommission zur Reform seiner Partei. Ab Mitte des Jahres wird Söder den Vorsitz der Ministerpräsidentenkonferenz übernehmen. Ende 2019 schließlich wird der gesamte CSU-Parteivorstand neu gewählt.

Bis dahin dürfte sich abzeichnen, ob es Söder gelingt, Glaubwürdigkeit aufzubauen. Ein Kapital, das seine künftige Sparringspartnerin AKK schon in größerem Maße mitbringt. Dass sich Söder noch einmal zurück in ein Raubein verwandelt, ist indes unwahrscheinlich. Seine Zeit als CSU-Generalsekretär liegt schon lange zurück, dazwischen bekleidete er pragmatisch mehrere Ministerämter. Wie lernfähig er sei, darauf legt Söder selbst großen Wert.

Doch es war Söder, der im Sommer "das Endspiel um die Glaubwürdigkeit" mit der CDU ausrief. Mit seinem Kreuzerlass brachte der Ministerpräsident einen Teil der Kirchen gegen sich auf, nun will er von Neuem das Gespräch mit den Konfessionen suchen.

Ob die Strategie verfängt? Eine Sorge ist Söder jedenfalls vorerst los. Es werde "keine besserwisserischen Einlassungen" geben, kündigte Vorgänger Seehofer an.



insgesamt 20 Beiträge
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bakero 17.12.2018
1.
Das Abschneiden bei der Europawahl wird entscheiden, ob diese Strategie auf Dauer funktioniert. Mit Ergebnissen unter 40 % wird sich die CSU auch künftig nicht einfach so abfinden. Wenn einerseits die Grünen weiter so stark sind und anderseits Wähler weiter zur AfD wechseln, wird auch ein "geläuterter" Ministerpräsident schnell wieder nervös. Möglicherweise passiert das schon vor der Wahl. Bei Söder weiß man das nie genau.
gruenerfg 17.12.2018
2. Bekanntes
In all den Kommentaren von mir, die der SPON nie abgedruckt hat, stand immer, daß das dumme Auftreten Söders nur dem Wahlkampf zu verdanken war, da Herr Söder sehr intelligent ist und das nach dem gewonnen Wahlkampf durch geändertes Verhalten zeigen wird.
prologo 17.12.2018
3. Der Landesvati?
Allein diese Überschrift ist schon eine Beleidigung, und zugleich eine ganz üble Darstellung eines verdienten Politikers. Der Artikel zeigt das wahre Gesicht von SpOn. Hohn und Spott ausschütten, ohne jegliche glaubwürdige Information. Bayern ist mit das beste Bundesland in Deutschland, zahlt den höchsten Länder Finanz Ausgleich, und hat den größten Zulauf, aber nicht von Flüchtlingen sondern von deutschen Bürgern, welch in einem sicheren Bundesland wohnen wollen, und die gute berufliche Zukunfts Aussichten haben wollen. Mehr ist dazu nicht zu sagen.
Remannzipation 17.12.2018
4. Zeugungsschmerz ?
Also ich kann mir kaum vorstellen, dass Söder als "Landesvati" jemals einen Zeugungsschmerz genossen geschweige denn den erfolgreichen bayrischen Gebärvater gegeben hat, da geht wohl viel auf FJS zurück, der den Kuhstall mit Starfighter @ all vorübergehend dicht gemacht hat. Das ist bis heute allerdings eine bayrische Erblast, Eddi Stoiber kennt nach seiner Kanzlerkandidatur sicher das passende Lied dazu, der Herr Seehofer auch. Oder täusche ich mich ? Peristaltik im politischen Sinne ist wohl eher das passende Kopfbild zu Markus Söders' politischem Progress ganz im Süden. Wenn ich als Bewohner nördl. der WWÄ (Weisswurstäquator) ganz ganz tief in mich reinhöre, spüre ich eine intuitive Abneigung gegen männliche Politiker aus Bayern, namentlich Seehofer, Söder, Dobrindt, Scheuer.... Ich habe keine Erklärung, woran das liegt ? Kann jemand unterstützen ?
thomas.wenzel 17.12.2018
5. Der Opportunist schlechthin
Jura vor dem Zweiten Staatsexamen abgebrochen, nach langer Beziehung und einer Tochter beim Schwiegervater der neuen Frau Öffentlichkeitsarbeiter, Journalist beim Bayerischen Rundfunk und in den Zwanzigern im Landtag die Versorgung gefunden. Und jetzt wundert sich bei dem opportunistischen Chamäleon, dass mal wieder ein neues Phantombild gezeigt wird?
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