CSU-Parteitag in München Söder, hilf!

Nur noch vier Wochen bis zur Landtagswahl - und die Umfragewerte der CSU sind historisch schlecht. Auf dem Parteitag rüttelt Spitzenkandidat Markus Söder die Delegierten auf. Der Vorsitzende Horst Seehofer wird nur noch geduldet.
Markus Söder

Markus Söder

Foto: Sean Gallup/ Getty Images

Wer wissen will, wie es um Autorität und Popularität von CSU-Chef Horst Seehofer bestellt ist, muss während seiner Rede an diesem Samstagvormittag nur einen Blick ins Foyer des Münchner Postpalasts werfen. Dort gibt es Wurst und Weißbier, die Nachfrage ist rege, während sich drinnen Seehofer am Rednerpult müht.

CSU-Parteitag in München, vier Wochen vor einer Landtagswahl, die über die künftige Rolle der Partei entscheidet - und nicht wenige Delegierte trinken und essen lieber, als ihrem Vorsitzenden zu lauschen. Das ist die Lage Seehofers, der vor fünf Jahren noch gut 48 Prozent der Stimmen als Ministerpräsident holte und für seine Partei damit die absolute Mehrheit zurückeroberte.

Im aktuellen "Bayerntrend" des Bayerischen Rundfunks kommen die Christsozialen auf 35 Prozent. Ein unterirdischer Wert für die Partei. Viele in der CSU sehen die Schuld dafür vor allem bei Seehofer, auch wenn sich bislang kaum einer traut, das öffentlich zu sagen.

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Seehofer, der seit einem halben Jahr in Berlin das Bundesinnenministerium führt, habe schon viel gezündelt, sagt ein ehemaliger Delegierter am Stehtisch im Postpalast-Foyer. "Jetzt brauchen wir dringend ein Zeichen der Geschlossenheit." Während der Lärmpegel aus dem Foyer stetig anschwillt, versucht der Parteichef am Rednerpult, genau dieses Signal zu senden. "Der heutige Tag steht ganz im Zeichen unseres Ministerpräsidenten Markus Söder", sagt Seehofer unter der Kuppel des ehemaligen Postfuhramts, das an diesem Tag weiß-blau erstrahlt. Er lobt den "ungeheuren Einsatz" Söders: "Du hast dich von niemandem übertreffen lassen in deinem Einsatz für unser Land."

Die Sympathieverteilung bei den rund 800 Delegierten ist schon in den ersten Minuten des Parteitags klargeworden, als Generalsekretär Markus Blume namentlich die wichtigsten CSU-Politiker begrüßt: Seehofer ist als Vorsitzender der Erste - wie matt der Applaus für ihn ausfällt, wird vor allem deshalb deutlich, weil der anschließende Beifall für Söder schon beinahe euphorisch ist.

Söder soll es jetzt richten, das ist die Botschaft des Parteitags. Seehofer, das könnte man wiederum als Botschaft der Delegierten an ihn zusammenfassen, soll dabei, bitte schön, vor allem nicht mehr stören.

Seehofers Zeit war schon im Herbst vergangenen Jahres - nach dem miserablen CSU-Ergebnis bei der Bundestagswahl - abgelaufen. Damals räumte er schließlich die Staatskanzlei für den seit Jahren drängenden Söder, aber nur, um sein Vorsitzenden-Amt zu retten. Zudem brauchte die Partei den bundespolitisch erfahrenen Seehofer in den Monaten nach der Wahl bei der schwierigen Regierungsbildung in Berlin. Vielleicht hätte er damals souverän einen Schlussstrich ziehen können, als endlich die Koalition mit der SPD stand. Stattdessen baute sich Seehofer als Innenminister ein völlig überdimensioniertes Haus zusammen, in dem er seitdem von einer Krise zur nächsten taumelt.

Fast immer geht es dabei um das Thema Migration, wie auch in der aktuellen Debatte um Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen, dessen Vorgesetzter der Innenminister ist. Und immer wieder dominiert er die Schlagzeilen - aber eben auch nicht so, dass es auf das Konto der CSU einzahlen würde.

Horst Seehofer

Horst Seehofer

Foto: Peter Kneffel/ dpa

Jetzt soll es also Söder richten - und auch Seehofer will seinen Teil dazu beitragen. Die Strategie der beiden: Sie erklären die Landtagswahl am 14. Oktober zur Schicksalswahl für Bayern. Nach dem Motto "Wer nicht CSU wählt, versündigt sich am Land".

Das kann man für ziemlich großspurig und demokratietheoretisch zweifelhaft halten, aber möglicherweise ist das die einzige Chance, die vielen unentschlossenen Wähler zu gewinnen. "Ja zu Bayern heißt Ja zur CSU", so beendet Söder seine Rede. Er sagt: "Wir wollen eine stabile Demokratie. Dieses Land driftet nach links und rechts." Es brauche "einen, der ausgleicht und das große Ganze sieht. Wir sorgen uns um alle, und wir sind die letzte verbliebene Volkspartei".

Die geplante Verabschiedung des Wahlprogramms wird aus dramaturgischen Gründen kurzfristig gestrichen, dafür hetzt Söder durch die Liste seiner wichtigsten Anliegen. Die häusliche Pflege von Angehörigen müsse honoriert, die Mittelschicht gestärkt werden, natürlich darf das Bekenntnis zur "Leberkäs-Etage" nicht fehlen, also den sogenannten normalen Leuten.

Und auch seinen umstrittenen Kreuzerlass verteidigt der Ministerpräsident - passend dazu hängt an der Seitenwand der Halle ein großes extra angeleuchtetes Holzkreuz. Natürlich geht es auch um die Flüchtlingspolitik, die CSU stehe für Humanität und Ordnung, sagt Söder.

Von der AfD grenzt er sich wie zuletzt deutlich ab, mit den stärksten Beifall bekommt Söder für seine Replik auf das "Strauß würde AfD wählen"-Plakat der Rechtspopulisten. "Franz Josef Strauß würde diese AfD bekämpfen, und wir sollten es auch tun." Auch seine Attacken auf die etablierte politische Konkurrenz kommen gut an.

Söder redet zu lange, während der Sauerstoff im Postpalast knapp wird und die Temperatur steigt, er kommt selbst ordentlich ins Schwitzen, packt die Delegierten aber auch immer wieder, am Schluss feiern sie ihn mit langanhaltenden Standing Ovations. Die Partei ist jetzt in seiner Hand: Söder, hilf!

Söder und Seehofer bei der Abschlusskundgebung

Söder und Seehofer bei der Abschlusskundgebung

Foto: Peter Kneffel/ dpa

Bei Seehofer stehen sie am Ende auch - aber nur, weil er zuvor in den Saal gerufen hat: "Steht auf, wenn Ihr für Bayern seid."

Der Parteichef habe die flankierende Rolle gut angenommen, wird ihm später im Foyer attestiert. Die Einigkeit mit Söder hat er beschworen. "Markus, an unserer Geschlossenheit wird es nicht liegen", sagte Seehofer.

Reicht das, um die Stimmung noch mal zu drehen? Altministerpräsident Edmund Stoiber ist davon überzeugt, er sieht nach dem Parteitag eine "Jetzt-erst-recht-Stimmung", viele Delegierte geben sich beim Verlassen der Halle immerhin verhalten optimistisch.

Günther Beckstein, auch er war mal Ministerpräsident, sagt draußen vor der Halle: "Es wird deutlich nach oben gehen." Becksteins Prognose: "Nach meiner Schätzung wird in jedem Fall eine vier vorne stehen."

Als der Spitzenkandidat Beckstein bei der Landtagswahl 2008 gut 43 Prozent für die CSU holte, galt das als Desaster, bald war er sein Amt los.

So ändern sich die Zeiten.