Sabine Rennefanz

Marode Schulen und Kitas Deutschlands vergessene Kinder

Sabine Rennefanz
Eine Kolumne von Sabine Rennefanz
Aus den Sommerferien in die Bruchbude: In vielen Schulen bröckelt der Putz, Unterricht fällt aus, auch Kitas sind vernachlässigt und kaputtgespart. Warum regt sich darüber kaum jemand auf?
Treppenhaus einer Grundschule in Berlin (Archivbild)

Treppenhaus einer Grundschule in Berlin (Archivbild)

Foto: Stefan Schaubitzer / dpa

18 Euro mehr Kindergeld, das ist eine der wenigen konkreten Summen aus dem großen Entlastungspaket der Bundesregierung. Und es ist symptomatisch für die Art und Weise, wie Politik für Kinder gemacht wird. Bisschen Geld zum Ruhigstellen im Gießkannenprinzip verteilen. Bei den Ärmsten – den Hartz-4-Empfängern – kommt die Erhöhung gar nicht an, da das Kindergeld auf die Sätze angerechnet wird. Die Institutionen, die sich um Kinder kümmern und sie betreuen, verfallen unterdessen immer mehr und werden weiter ausgezehrt.

Man merkt es besonders zum Schulanfang, wenn die schlechten Nachrichten eintreffen: Die Klassenlehrerin ist auf unabsehbare Zeit krank, Ersatz unklar, mehrere Fächer fallen wegen Personalmangels aus, Arbeitsgemeinschaften können wegen Raum- und Personalmangels nicht angeboten werden. In Berlin platzen die Schulen aus allen Nähten, weil 20.000 Schulplätze fehlen, die Kinder und Jugendlichen aber trotzdem untergebracht werden müssen . Weil – Überraschung – Kinder, die geboren worden sind, später auch einen Schulplatz brauchen. In Deutschland hat ein Kind zwei Wochen nach der Geburt eine Steuernummer, aber sechs Jahre danach ist man überrascht, wenn das Baby plötzlich vor der Schultür steht.

Man hat sich daran gewöhnt, dass bei Kindern zuerst gekürzt wird.

Eine Grundschule in Berlin-Wedding – mit siebenhundert Schülern eine der größten der Stadt – wurde über Jahre so vernachlässigt, dass sie wegen Schimmelbefall zum Schulbeginn geschlossen werden musste. Die Schüler werden zunächst im Homeschooling unterrichtet, um dann in die ehemalige Air-Berlin-Zentrale umzuziehen, bis das Schulgebäude wieder benutzbar ist. Auch die Gebäude vieler anderer Schulen sind stark renovierungsbedürftig, gleichzeitig hat der Berliner Senat kürzlich beschlossen, geplante Sanierungen noch mal zu verschieben.

Man hat sich – besonders in Berlin, aber nicht nur dort – daran gewöhnt, dass bei Kindern zuerst gekürzt wird. Das war ja auch das Programm in der Coronakrise: Sobald der Handlungsdruck auf die Politik stieg, wurden Kinder und Jugendliche reglementiert, mit eingeschränktem Unterricht und Freizeitbeschäftigungen sowie widersprüchlichen und seltsamen Regeln. Und es sind ja nicht nur die Schulen und Kitas – nahezu alle Einrichtungen, in denen mit Kindern gearbeitet wird, sind von Verfall und Vernachlässigung betroffen. Schon vor der Pandemie wurde wenig Politik für Kinder gemacht, Kinderrechte wurden trotz gegenteiliger Versprechen nicht im Grundgesetz verankert, die Kinderarmut ist seit Jahren beschämend hoch, Aufstiegschancen für Kinder aus armen Haushalten existieren fast nicht.

Auch die Kinder erleben Krise auf Krise, erst die Coronapandemie, dann den Krieg mit vielen Flüchtlingen, jetzt die Angst vor dem Winter. »Bei der Kinderarmut haben die Coronapandemie und die gegenwärtige Energiekrise mit ihren explodierenden Preisen als Verstärker gewirkt, ohne dass seitens der Politik ausreichend darauf reagiert wurde«, kritisierte  der Präsident des Kinderhilfswerks, Thomas Krüger.

Wann das Sterben einer Institution begonnen hat, versteht man erst hinterher, wenn es zu spät ist.

Zeit zum Aufarbeiten, zum Zurückblicken scheint nicht da zu sein. Und es gibt auch kein Interesse. Forderungen, die umstrittenen und alles andere als alternativlosen Schul- und Kitaschließungen aufzuarbeiten, wie vom Nationalen Rat der Wissenschaften, Leopoldina, vorgeschlagen, verhallten ungehört. Es gab zwar ein Milliardenprogramm »Aufholen nach Corona«, dessen Wirkung aber eher verpufft zu sein scheint. »Gerade jene, die es am nötigsten haben, die sozial Benachteiligten, die Kinder mit Migrationshintergrund, die hat man oftmals nicht erreicht«, sagt Bildungsforscher Marcel Helbig dem RBB . Er hat am Wissenschaftszentrum Berlin untersucht, wie effektiv die Bundesländer das Geld aus dem Programm eingesetzt haben. In Berlin wurde ein großer Teil der Gelder gar nicht abgerufen, weil die Beantragung so bürokratisch organisiert wurde. Der SPIEGEL-Redakteur Armin Himmelrath hat zudem in einer Recherche festgestellt, dass Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern eher knausrig beim Corona-Aufholprogramm war, selbst das arme Bulgarien gab mehr aus .

Es ist eine verrückte Situation: Es erscheint Studie um Studie, die belegt, wie heftig sich die Krisen auf die Kinder auswirken, aber sie formen sich nicht zu einem Bild. Zumindest nicht zu einem Bild, das für einen Aufschrei sorgt. Sie stehen jeweils einzeln für sich, hängen in der Luft. Vielleicht ist es so, wenn man mittendrin in einem Zerfallsprozess steckt. Wann das Sterben einer Institution begonnen hat, versteht man erst hinterher, wenn es zu spät ist.

Das Berliner Institut für Qualitätsentwicklung an der Humboldt-Universität erhebt alle fünf Jahre einen schulischen Leistungsvergleich, bei der Vorstellung des IQB-Bildungstrends 2021 im vergangenen Juli wurde festgestellt, dass vor allem in Deutsch und Mathe die Defizite bei den Viertklässlern zugenommen haben. Rund ein Fünftel der Viertklässler kann nicht richtig lesen, ein Drittel versagt bei der Orthografie. Es seien traurige Nachrichten, sagte Hamburgs Schulsenator Ties Rabe (SPD) bei der Vorstellung der Erhebung. Traurig – als handele es sich um einen Schicksalsschlag. Als seien die Ergebnisse nicht die Folge von politischen Entscheidungen beziehungsweise ihrer Unterlassung.

Eine Berliner Auswertung von Vergleichsarbeiten (Vera), die der »Tagesspiegel« exklusiv veröffentlicht hat , kommt zu ähnlichen Ergebnissen: Demnach erreichen 35 Prozent der Drittklässler nicht einmal die Mindestanforderungen beim Lesen, in Mathematik sind die Rückstände noch größer. »Corona habe alle Bemühungen zunichtegemacht, die sowieso schon schlechten Leistungen der Berliner Schüler zu verbessern«, schlussfolgert die Autorin. Gab es einen Aufschrei? Einen Bildungsgipfel? Fehlanzeige.

Die Kinder bräuchten eigentlich mehr Zuwendung, besseren Unterricht, bessere Freizeitangebote. Aber es fehlt landauf, landab das Personal. »Dieses Schuljahr ist das Schlimmste in 50 Jahren«, sagt der Präsident des Lehrerverbandes Heinz-Peter Meidinger. Bundesweit fehlten 30.000 bis 40.000 Lehrerinnen und Lehrer. Jahrelang wurden zu wenige Lehrer ausgebildet. Und diejenigen, die ein Studium beginnen, halten es oft nicht durch. In Mecklenburg-Vorpommern brechen 83 Prozent ab.

»Kinder haben keine Lobby«, sagte kürzlich ein renommierter Kinderarzt auf einem Podium, ohne Widerspruch zu ernten. Sie sind eine seit Jahren zahlenmäßig schrumpfende Gruppe, sie erfüllen gesellschaftlich auch keine Funktion, sie sind keine Konsumenten und sie sind auch keine Wähler. Sie sind höchstens künftige Arbeitskräfte, aber entgegen allen Klagen über Personalmangel scheint die Industrie auch kein Interesse an besserer Ausbildung zu haben. Andernfalls würden sich die Betriebe womöglich mehr engagieren.

Manchmal sind es die kleinen Meldungen, die zeigen, wie groß die Missachtung ist: Die Bundesregierung hat vor zehn Jahren ein Programm begonnen, mit dem zusätzliches Personal für die Sprachförderung in Kitas bezahlt wird. Jede achte Kita in Deutschland ist eine sogenannte Sprachkita. Im Koalitionsvertrag der Ampelkoalition hieß es noch, die Ausgaben für die Sprachkitas sollen verstetigt und weiterentwickelt werden . 150 Mal wurde das Wort »Bildung« erwähnt. Von einem »Jahrzehnt der Bildungschancen« war sogar die Rede. Ende Juli – mitten in den Sommerferien – wurde nun bekannt, dass die Förderung des Bundes ausläuft. Gewerkschaft, Wissenschaftler, Kita-Träger äußerten Bedenken. Doch die Kritik am Stopp des Sprachprogramms habe nur knapp die Wahrnehmungsschwelle überschritten, schreibt der »Zeit«-Bildungsexperte Martin Spiewak nicht ohne Bitterkeit: »Wie anders die Aufregung, als das Bundes­wissenschaftsministerium zur selben Zeit ankündigte, einigen Forschungsprojekten die Anschlussfinanzierung zu kürzen: Die Gelehrten­republik empörte sich, die Bundesministerin musste sich in der Tagesschau verteidigen. Dabei beträgt der Einsparbetrag in der Forschung nur einen Bruchteil dessen, was den Kitas genommen wird.« Es geht bei den Kitas halt nur um Kinder, zumal um kleine. Obwohl es ausreichend Forschungen gibt, die zeigen, dass der Grundstein für die spätere Entwicklung in der Kita gelegt wird, werden Kitas vor allem als Betreuungs-, nicht als Lerneinrichtungen gesehen.

Politik für Kinder scheint im Moment darin zu bestehen zu versichern, dass es keine Schulschließungen im Winter geben wird. Jedenfalls nicht wegen Corona. Wegen Heizkosten womöglich schon . Die Eltern haben ja Übung im Homeschooling.

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