Ex-Kanzlerkandidat der SPD Martin Schulz attestiert Biden »Feeling für Europa«

Authentisch, an Menschen interessiert, Verständnis für Europa: Martin Schulz lobt in der SPIEGEL-Chronik 2020 den designierten US-Präsidenten Joe Biden – und hofft auf einen CDU-Kanzlerkandidaten Friedrich Merz.
Der damalige US-Vizepräsident Biden 2015 zu Besuch beim damaligen EU-Parlamentspräsidenten Martin Schulz in Brüssel

Der damalige US-Vizepräsident Biden 2015 zu Besuch beim damaligen EU-Parlamentspräsidenten Martin Schulz in Brüssel

Foto: Yves Herman / REUTERS

Martin Schulz, Kanzlerkandidat der SPD bei der Bundestagswahl 2017, erwartet vom künftigen US-Präsidenten Joe Biden eine »Rückkehr zu einer Politik der internationalen Zusammenarbeit«. In der »Chronik 2020«, einer heute erscheinenden Sonderausgabe des SPIEGEL, berichtet Schulz von seinen zahlreichen Treffen mit dem demokratischen Wahlsieger. (Zur SPIEGEL-Chronik digital geht es hier entlang.)

»Biden ist ein außergewöhnlich zugewandter Mensch. Seine Zugewandtheit ist aber nicht gespielt. Er ist authentisch, und er ist an Menschen interessiert.«

Als EU-Parlamentspräsident verhandelte Schulz mit dem damaligen Vizepräsidenten das transatlantische Freihandelsabkommen TTIP. Unter den US-Politikern habe er Biden als jemanden empfunden, der verstehe, was europäische Politik ist, sagte Schulz: »Er hat ein Feeling für Europa.« (Das ganze Interview mit Martin Schulz lesen Sie hier .)

SPIEGEL CHRONIK

2020

Wahl­kämp­fe, Skandale und ein Virus – das Co­rona-Jahr

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In seinem persönlichen Rückblick auf das Jahr 2020 sieht Schulz trotz des Corona-bedingten Leids auch positive Aspekte: »Eine breite Mehrheit der Leute hat erkannt, dass Solidarität ein Wert an sich ist.« Die Pandemie habe das Bewusstsein verändert, etwa »dass du auch einen Staat brauchst, der dich schützen kann«. Dass man diesen Staat mit Personal und Geld ausstatten müsse und dass der Förderalismus oft sogar besser funktioniere als Zentralismus. »Die Staatsverachtung, die wir lange registriert haben«, so Schulz, »hat einen Dämpfer bekommen.«

Corona habe auch gezeigt, »dass wir Dinge neu denken können«. Man könne weniger fliegen, weniger Auto fahren, über Video miteinander reden und deshalb auf Geschäftsreisen verzichten. Natürlich, meint der SPD-Politiker, seien menschliche Begegnungen und Erlebnisse nicht zu ersetzen. »Aber wir werden es anders, bewusster tun.«

Schulz über CDU: »Egal, wer gewinnt, Laschet oder Merz, zurück bleibt eine gespaltene Partei«

Schulz geht davon aus, dass die Bundestagswahl im September 2021 noch »von den Nachwehen der Pandemie geprägt« sein wird: »Die Menschen werden honorieren, wer in der Krise für sie gekämpft hat.« Die AfD werde massiv verlieren und die FDP sich schwertun, in diesem Spektrum eine Linie zu finden.

Für seine eigene Partei sieht der ehemalige Vorsitzende die Chance, vom Machtkampf innerhalb der CDU zu profitieren: »Egal, wer gewinnt, Laschet oder Merz, zurück bleibt eine gespaltene Partei.« Sogar die Regierungsübernahme hält Sozialdemokrat Schulz für denkbar, da die Grünen ein »echtes Problem« hätten, wenn Merz sich als Kanzlerkandidat durchsetzt.

Er habe schon vor geraumer Zeit gesagt, so Schulz, dass man mit 22 Prozent Bundeskanzler werden könne. »Dazu stehe ich nach wie vor. Und Olaf Scholz wird mehr holen.« Mit Schulz als Kanzlerkandidat kam die SPD 2017 auf 20,5 Prozent.

wei
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