Ex-SPD-Chef vor der Europawahl Schulzakkord in Moll

Martin Schulz ist gescheitert, als Parteichef wie als Kanzlerkandidat. Trotzdem hat er Fans an der SPD-Basis. Im Wahlkampf tourt er unermüdlich durch Deutschland - Europa ist sein Herzensthema. Aber er leidet.

Martin Schulz (bei einem Auftritt in Ludwigsburg im März 2019): "Europapolitik ist mein ganzes Leben"
Sebastian Gollnow/ DPA

Martin Schulz (bei einem Auftritt in Ludwigsburg im März 2019): "Europapolitik ist mein ganzes Leben"

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Martin Schulz ist wieder auf Tour: Mannheim, Bühl, Karlsruhe - der Ex-SPD-Chef düst in diesen Tagen von einem Wahlkampftermin zum nächsten. Bis zu fünf Auftritte absolviert er am Tag, knapp 80 sind es bis zur Europawahl Ende Mai.

Er könne gar nicht alle Anfragen aus der Partei bedienen, erzählt Schulz stolz. Wo er hinkomme, sei die Bude voll. Ob tagsüber in Cafés oder abends in den großen Sälen. Am Freitag ist der Sozialdemokrat in Bayern unterwegs, am Montag in Niedersachsen und Schleswig-Holstein. Schulz ist der Herzbluteuropäer der SPD, 23 Jahre saß er im Europaparlament, von 2012 bis 2017 war er dessen Präsident.

Dabei war es zuletzt ein wenig ruhig geworden um Martin Schulz. 2017 - das war sein Jahr. Schulz-Hype, Schulz-Frust, Schulz-Ärger. Die SPD bejubelte ihn als Heilsbringer, ein Sieg des Kanzlerkandidaten gegen Angela Merkel schien zeitweise möglich. Die Euphorie verflog schnell, das Ergebnis von 20,5 Prozent war eine Enttäuschung.

Anschließend der Absturz: Schulz wollte Außenminister unter Merkel werden, obwohl er dies zuvor ausgeschlossen hatte. Die Partei ließ ihn fallen, seitdem ist Schulz einfacher Abgeordneter.

Doch natürlich stimmt das nicht so ganz. An der Basis, in den SPD-Ortsvereinen, ist Schulz immer noch sehr populär. Und anders als sein Vorgänger Sigmar Gabriel hat er sich eingefügt, um nicht zu sagen: untergeordnet. Er bringt sich in der Bundestagsfraktion ein, seinen Wahlkampf hat er mit der Parteiführung und Spitzenkandidatin Katarina Barley abgestimmt. Öffentliche Kritik an SPD-Chefin Andrea Nahles verkneift er sich.

Doch es brodelt in Schulz. Das zeigte sich Anfang April bei einer Fraktionssitzung der Genossen: Der 63-Jährige wollte wissen, warum eine Frage, die er Kanzlerin Merkel bei der Regierungsbefragung stellen wollte, nicht berücksichtigt worden sei. Fraktionsmanager Carsten Schneider antwortete unter anderem, man könne nicht alle Eitelkeiten berücksichtigen. Daraufhin fuhr Schulz aus der Haut: Seit einem Jahr ordne er sich ein, und dann müsse er sich so etwas anhören.

Der Ausbruch wurde in der SPD-Fraktion unterschiedlich bewertet, je nach Lager. Manche Kollegen werfen Schulz vor, er könne sich nicht mit seiner Rolle als einfacher Abgeordneter abfinden. Andere, ihm wohlgesonnene Parteifreunde, werfen der Partei- und Fraktionsführung vor, Schulz kaltzustellen.

Die SPD kann jede Hilfe brauchen

Für Nahles ist der Umgang mit dem prominenten Vorgänger kompliziert. Unter seiner Ägide wurde sie Fraktionsvorsitzende, und Schulz war es auch, der sie als neue Parteichefin vorschlug. Als Gegner will sie ihn nicht haben. Zudem kann ihre SPD angesichts der Umfragewerte von 15 bis 17 Prozent jede Hilfe brauchen.

Schulz und Nahles (in der SPD-Zentrale im Februar 2018): Sie will ihn nicht als Gegner
HEINE/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Schulz und Nahles (in der SPD-Zentrale im Februar 2018): Sie will ihn nicht als Gegner

Doch Nahles muss auch aufpassen, dass der Vorgänger Spitzenkandidatin Barley nicht überstrahlt. Sein Ergebnis von 27,3 Prozent bei der Wahl 2014 scheint derzeit so unerreichbar, dass führende Genossen lieber auf die 20,5 Prozent von 2017 verweisen, wenn sie nach einem Ziel für die Europawahl gefragt werden.

Wie steht es nun mit der Einbindung? Die Partei unterstützt Schulz im Wahlkampf - mit einem Auto plus Fahrer sowie bei der Koordinierung der Auftritte. Doch bei der Planung, etwa des Europaprogramms oder der Strategie, spielt Schulz keine Rolle mehr. Zum Europakonvent Ende März wurde er nicht mal persönlich eingeladen. Eine Panne, hieß es aus dem Willy-Brandt-Haus verschämt.

"Ich mache das aus voller Überzeugung"

Dabei hat Schulz klare Vorstellungen, worauf er den Wahlkampf seiner Partei zuspitzen würde: Frieden, Umwelt, Demokratie, mit diesen drei Themen bestreitet er seine Auftritte. Und das erfolgreich, wie er betont.

Klar ist: Schulz leidet an seiner gesunkenen Bedeutung. Die Niederlage und die folgende Schmach sind dauerpräsent. Seine Verdienste kommen ihm dabei zu kurz. Immerhin hatte er eine führende Rolle in den Koalitionsverhandlungen - und setzte bei Merkel durch, dass die SPD neben dem Außen- und Arbeits-, auch noch das Finanzministerium bekam. Die Posten erhielten andere.

Dazu kommt seine Leidenschaft für Europa. Seine Frau sei nicht so glücklich, dass er wieder Wahlkampf mache, erzählt Schulz: "Aber Europapolitik ist mein ganzes Leben. Ich mache das aus voller Überzeugung."



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insgesamt 116 Beiträge
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Seite 1
b1964 26.04.2019
1. Rätselhafte SPD
Mir bleibt ein Rätsel, wie die SPD den überzeugten und überzeugenden Europäier Schulz in den Bundestagswahlkampf schicken konnte, um nationale sozialromantische Themen (!) zu verkaufen. Wo doch damals schon klar war, in welcher Identitätskrise Europa steckt. Mir bleibt ein weiteres Rätsel, wie die SPD diesen jedenfalls beim Thema Europa wohl einzigen Fachmann in der anstehenden Europawahl so zum Hinterbänkler machen konnte. Mir tut Schulz leid. Er hat sich aus Loyalität für seine Partei geopfert und erfährt keine Loyalität zurück. Ich bin überzeugter Europäer. Die einzige Partei, die dieses Thema habwegs glaubhaft im anstehenden Wahlkampf vertritt sind die Grünen. Lieber würde ich eine proeuropäische konservative Partei wählen. Die gibt es aber nicht. Die Europapolitik der CDU ist schlimm. Adenauer und Kohl würden sich im Grabe rumdrehen, wenn sie die heutige CDU-Politik sehen würden. Als Bayer hätte ich noch die CSU im Angebot. Die Freunde Orbans (!) stehen für mich absolut jenseits jeder Wählbarkeit aus europäischer Sicht. Weber ist wachsweich und hat europapolitisch Kreide gefressen. Er hat aber in der CSU rein gar nichts zu melden!
robert_schleif 26.04.2019
2. Prominenz zieht immer!
Es wird eine gewaltige Portion Neugier und Voyeurismus dabei sein, welche die Leute antreibt, sich mal diese gescheiterte Figur von Nahem anzusehen. Vielleicht mit wohligem Gruseln. Und vielleicht ist auch ein Selfi drin. Prominenz ist im Medienzeitalter schon ein Wert an sich, wie man sie sich erworben hat, ist vollkommen nebensächlich. Und da ist die Rolle als Ex-Messias schon ein Pfund, mit dem man wuchern kann.
serge71 26.04.2019
3. Martin Schulz...
ist meiner Meinung nach eine der wenige integere Politiker der Bundesrepublik. Er hat nach dem Jamaika-scheitern für Deutschland eine lange Periode der Unregierbarkeit vermieden. Schade das ihr, als Medien, die (in dem Moment) durchaus lobenswerte Flexibilität als Wortbruch ausgeschlachtet habt. Verantwortungsvolle Kontrollfunktion sieht anders aus. Schade auch für Europa...
claus7447 26.04.2019
4. Schulz, der letzte Europäer in D?
Ich frage mich noch heute, was Schulz getrieben hat sich als Außenminister vorzuschlagen. Alkohol war es nicht, er IST abstinent. A. Nahles repräsentiert nicht das was SPD Wähler wollen und sich vorstellen. Mit ihr wird, egal was im Programm steht, egal was die SPD in Berlin durchdringt die 20% Hürde fixiert. Warum, Schulz, hast du nicht aufgepasst! Eine zweite Chance? Verdient hätte er es.
chaosimall 26.04.2019
5. Nicht Schulz ist gescheitert
sondern die SPD, die ihm die richtigen Themen weggenommen hat. Nicht umsonst hatte er so hohe Zustimmungswerte. Wenn er mit diesen Themen weitergemacht hätte, hätte er auch Erfolg gehabt. Aber die SPD ist ja zu mutlos.
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