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13. August 2017, 20:08 Uhr

Martin Schulz im TV-Wahlkampf

Geht da noch was?

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Huch, ist etwa Wahlkampf? Die Kanzlerin meldet sich zurück aus dem Urlaub, ihr Herausforderer eröffnet den TV-Wettstreit. Martin Schulz zeigt dabei, wie er Angela Merkel noch gefährlich werden könnte.

Martin Schulz ist mit sich zufrieden. Das ist ja schon mal was in einer Zeit, in der sich der Kanzlerkandidat der SPD abrackert, ohne dass sich was bewegt.

Seit Wochen beobachtet Angela Merkel das Treiben ihres Herausforderers ungerührt vom Umfragethron, um die 16 Prozentpunkte liegt die Union bei allen Meinungsforschungsinstituten vor der SPD. An diesem Sonntag schöpft Schulz etwas Hoffnung. So wirkt es jedenfalls, als der SPD-Chef am Nachmittag das RTL-Hauptstadtstudio verlässt.

Nicht, dass sich irgendwo eine demoskopische Trendwende abzeichnen würde. Nein, Schulz hat gerade eine Fernsehaufzeichnung hinter sich, ein sogenanntes Townhall Meeting - "Am Tisch mit Martin Schulz", der Bürger auf Tuchfühlung mit dem Politiker. Die von SPIEGEL TV und RTL gemeinsam produzierte Sendung ist gut gelaufen für den Kandidaten. Mit den einfachen Leuten kann er, das wussten sie natürlich vorher im Schulz-Lager. Aber jetzt, wo die heiße Phase beginnt, wo mit dem Schulz-Auftritt auch der TV-Wahlkampf eröffnet ist, wollen sie fest daran glauben: Ihr Mann kann der Kanzlerin noch gefährlich werden.

Im Studio, umringt von ein paar Dutzend ausgewählten Bürgern, ist Schulz 60 Minuten im Kümmermodus. Der 85-jährigen Betty Neumann, die sich mit 758 Euro Rente durchschlägt und gerne mal in Hamburg ins Theater oder Musical gehen würde, verspricht er: "Ich red' mal mit ein paar Leuten." Dem 18-jährigen Afghanistan-Flüchtling Obaidullah Sultani droht die Abschiebung, obwohl er sich in Bayern vorbildlich um seine Integration bemüht. Schulz kündigt an, sich bei Ministerpräsident Horst Seehofer für den jungen Mann einzusetzen.

Die Einzelschicksale, die in der Sendung vorgestellt werden, sollen für die großen Herausforderungen in Deutschland stehen: Gesundheit und Pflege, soziale Gerechtigkeit, Integration und innere Sicherheit. Schulz findet für die Studiogäste stets verständnisvolle Worte, seine Empathie wirkt nicht aufgesetzt.

"Eins auf die Mappe"

Man ahnt, dass es der Kanzlerin, die in einer Woche im gleichen Format zu Gast sein wird, ungleich schwerer fallen dürfte, solche Wärme auszustrahlen. Unvergessen ist, wie Merkel einst während eines Bürgerdialogs unbeholfen versuchte, ein palästinensisches Flüchtlingsmädchen zu trösten. Und kurz vor der Sommerpause leitete sie bei einer Theaterveranstaltung mit der verschwurbelten Antwort auf eine Zuschauerfrage die Turbo-Abstimmung über die Ehe für alle ein.

Schwurbeln kommt für Schulz nicht in Frage, er will mit klarer Sprache punkten. Solche Typen "müssen mal richtig eins auf die Mappe bekommen, damit sie spüren, wer im Land das Sagen hat" - so fordert er das staatliche Gewaltmonopol ein, als die 73-jährige Dagmar Willms von Bandenkriegen in ihrer Straße in Leipzig berichtet. Noch so ein Spruch: "Es darf nicht sein, dass die Kriminellen Ferrari fahren, und die Polizei fährt auf dem Fahrrad hinterher." Die Botschaft hinter den markigen Worten: Soll keiner behaupten, die innere Sicherheit sei allein ein Unionsthema.

Aber hat Schulz den Bürgern auch politische Lösungen anzubieten? Immer wieder muss er einräumen, dass er selbst als Kanzler auf die Schnelle wenig ausrichten könnte.

Mehr Polizisten und ein härteres Durchgreifen der Justiz werden nicht verhindern, dass sich ein Fall wie der von Andreas Responde, 38, wiederholt. Der Koch wurde schwer verletzt, als er auf einem Berliner S-Bahnhof bei einer Schlägerei dazwischengehen wollte. Die vierköpfige Doppelverdiener-Familie Hinz, die in der Hauptstadt keine größere, bezahlbare Wohnung mehr findet, glaubt nicht recht, dass die von Schulz angekündigte "radikal verschärfte" Mietpreisbremse und ein milliardenschweres Wohnungsbauprogramm ihre Not lindern würde. Und auch Altenpflegerin Andrea Hänsch, 29, wirkt nicht überzeugt, als der SPD-Chef mehr Geld für die Pflege verspricht.

Die Kunst der Autosuggestion

Aber darum geht es in diesem Moment wohl gar nicht. Sondern um den Eindruck: Da ist einer, der hört zu, der versteht mich, der kümmert sich. Schulz verzichtet am Sonntag sogar weitgehend auf direkte Attacken gegen Merkel, auch am Morgen als er zur Aufzeichnung des "Sommerinterviews" beim ZDF ist. "Ich werde Kanzler", gibt er dort den Unerschütterlichen, ein Wahlsieg würde ihn nicht überraschen.

Was soll Schulz auch sagen? Wahlkampf ist immer auch die Kunst der Autosuggestion. Aber der Auftakt des Fernsehwettstreits dürfte ihm in seiner fast aussichtslosen Lage tatsächlich ein wenig Mut gemacht haben. Mehrere Solo-Auftritte haben Amtsinhaberin und Herausforderer in den kommenden Wochen zu absolvieren, mittendrin, am 3. September als Höhepunkt das TV-Duell. Dann will Schulz Merkel, die am Samstag die erste Kundgebung nach ihrem Urlaub abhielt, inhaltlich stellen.

Tatsächlich erkennen sie in der Union im TV-Wahlkampf gewisse Restrisiken. Das Duell gehört nicht zu den Lieblingsdisziplinen der CDU-Chefin. Kein Wunder, dass es auf Drängen des Merkel-Lagers streng reglementiert wird. Aber auch die Bürgersprechstunden sind für die Kanzlerin nicht vollends zu kontrollieren.

Vielleicht nimmt Merkel vor ihrem ersten Auftritt ja noch ein bisschen Anschauungsunterricht. Er sei sich sicher, betont Schulz am Sonntag, dass seine Gegnerin am Sonntagabend genau hinschauen werde.

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