SPD-Kanzlerkandidat Schulz im Interview "Merkel vernachlässigt ihre Pflicht"

Die Umfragen sind mies - "aber ich lasse mir die Welt nicht schlechtreden", sagt Martin Schulz. Hier spricht der SPD-Kanzlerkandidat über seinen Kampf gegen Angela Merkel, Aliens und Donald Trump in der Boxbude.

SPD-Politiker Schulz
SPIEGEL ONLINE

SPD-Politiker Schulz

Ein Interview von , und


Wahlkampf? Die Republik macht Urlaub, auch die Kanzlerin hat sich in die Berge verzogen. Ihr Herausforderer hat dafür keine Ruhe. Unermüdlich versucht Martin Schulz, den großen Abstand auf Angela Merkel in den Umfragen zu verringern. Der SPD-Kanzlerkandidat setzt auf die heiße Phase, die letzten Wochen vor dem 24. September.

Der Wahlkampf habe noch gar nicht richtig begonnen, sagt Schulz im Interview mit SPIEGEL ONLINE. "Ich rede mir die Welt nicht schön, aber ich lasse sie mir auch nicht schlechtreden." Er kenne Merkels Schwächen, betont der SPD-Chef. Und er glaubt, dass ihm dies noch helfen wird. Schulz nennt die CDU-Vorsitzende einen "Profi im Vertagen von Problemen", ihr fehle es an Mut und Kraft.

Auch im Umgang mit Donald Trump sieht er sich im Vorteil gegenüber der Kanzlerin. "Männer wie Trump brauchen am Ende das, was sie selbst verbreiten: klare Ansagen", sagt Schulz. Dem US-Präsidenten wirft er "gnadenlosen Nepotismus" vor: "Trump ist ein Risiko für sein Land und die ganze Welt."

Zur Person
  • DPA
    Martin Schulz, Jahrgang 1955, ist Kanzlerkandidat der SPD und seit 19. März Parteichef. Vor seinem Einzug ins Europaparlament 1994 war Schulz Bürgermeister seiner rheinischen Heimatstadt Würselen. Der langjährige Präsident des Europaparlaments will bei der Bundestagswahl am 24. September CDU-Chefin Angela Merkel im Kanzleramt ablösen.

Lesen Sie das komplette Interview mit Martin Schulz:

SPIEGEL ONLINE: Sie haben die Ergebnisse des Dieselgipfels begrüßt. Reichen Ihnen diese mickrigen Ergebnisse wirklich aus?

Schulz: Nein, der Dieselgipfel ist natürlich nur ein erster Zwischenschritt. Jetzt kommt es darauf an, die Zusagen der Autoindustrie wasserdicht zu machen. Da darf es keine Kumpanei à la Dobrindt mehr geben.

SPIEGEL ONLINE: Was verlangen Sie?

Schulz: Wir brauchen endlich die von Justizminister Heiko Maas vorgeschlagene Musterfeststellungsklage. Klingt kompliziert, ist aber eigentlich ganz einfach: Wir wollen, dass jeder Autofahrer sein Recht gegen die Autokonzerne auch vor Gericht durchsetzen kann. CDU und CSU blockieren das, deshalb ist das eine wichtige Aufgabe für den Verbraucherschutz in der neuen Bundesregierung.

SPIEGEL ONLINE: Und damit ist alles gut?

Schulz: Natürlich nicht. Der Dieselgipfel war ein Krisengipfel. So wichtig es ist, die Versäumnisse der Vergangenheit aufzuarbeiten: Wir brauchen eigentlich einen Zukunftsgipfel. Eines Tages wird der Verbrennungsmotor Vergangenheit sein und die E-Mobilität Normalität - das wird aber noch dauern. Ich will, dass Deutschland auch dann noch Autoland Nummer 1 ist. Das geht aber nur mit einer aktiven Industriepolitik. Dass heute die meisten der in E- Autos verbauten Batterien in Südkorea und China gefertigt werden, ist kein Zufall, sondern Ergebnis einer von diesen Staaten gezielt vorangetriebenen Politik. Darum müssen wir uns kümmern.

SPIEGEL ONLINE: Die SPD liegt in den Umfragen deutlich hinter der Union, Sie liegen weit hinter der Kanzlerin. Was können Sie tun, um Angela Merkel zittern zu lassen?

Schulz: Die Umfragen für uns sind nicht gut, aber der Wahlkampf hat auch noch gar nicht richtig begonnen. Im Moment ist die ganze Republik im Urlaub, das spürt man. Ich muss nicht Angela Merkel zum Zittern bringen, ich muss für die Zukunft dieses Landes die besseren Vorschläge machen. Das ist gar nicht so schwer: Die Amtsinhaberin macht ja gar keine.

SPIEGEL ONLINE: Bisher scheint sie ganz gut damit zu fahren.

Schulz: Das Land fährt damit nicht gut! Und wie das bei Frau Merkel ist, wird sich noch zeigen. Eine Kanzlerin, die den Wählern nicht sagt, was sie vorhat, vernachlässigt ihre Pflicht. Und gefährdet die Zukunft unseres Landes.

SPIEGEL ONLINE: Wie frustrierend ist das für Sie: Die Regierungschefin geht wandern, während Sie sich abmühen? Und Ihre Mühen werden nicht einmal vom Wahlvolk honoriert?

Schulz: Ach wissen Sie, ich rege mich manchmal schnell auf, aber ich rege mich auch schnell wieder ab. Die CDU-Vorsitzende ist ein Profi im Vertagen von Problemen: Marode Schulen, Flüchtlingselend, Steuerflucht, Finanz- und Bankenkrise, Reform der EU-Institutionen, Angriffe auf die Demokratie in Ungarn und Polen - kein Wort dazu von der Kanzlerin. Sie hat sogar die Chuzpe zu sagen, sie werde erst nach der Wahl erklären, was sie mit Europa vorhat. Das ist wirklich verwegen.

"Ich rege mich manchmal schnell auf, aber ich rege mich auch schnell wieder ab"
SPIEGEL ONLINE

"Ich rege mich manchmal schnell auf, aber ich rege mich auch schnell wieder ab"

SPIEGEL ONLINE: Woher nehmen Sie die Zuversicht, das Blatt noch wenden zu können?

Schulz: Ich rede mir die Welt nicht schön, aber ich lasse sie mir auch nicht schlechtreden. In den Umfragen sagt mehr als die Hälfte der Befragten, dass die Wahl offen ist. Und in einer entscheidenden Frage schneide ich besser ab als Angela Merkel: Wer ist näher dran an den Problemen der Bürger?

SPIEGEL ONLINE: Das ist für die Menschen offenbar kein Argument, Ihnen mehr zu vertrauen. Sie haben die Probleme aufgeführt. Sind die Wähler schlicht zu dumm, all das zu erkennen, wenn sie dennoch Angela Merkel vorziehen?

Schulz: Angela Merkel hatte in ihrer langen Amtszeit ihre Verdienste, das ist doch klar. Und ja, Deutschland geht es gut. Aber dass es Deutschland gut geht, heißt nicht, dass es allen Menschen in Deutschland gut geht. Ganz vielen Deutschen geht es überhaupt nicht gut. Das muss man ansprechen, um es dann zu ändern. Frau Merkel fehlen dazu anscheinend Mut und Kraft.

SPIEGEL ONLINE: Sie kennen Merkel lange und gut. Kann Ihnen das im Verlauf des Wahlkampfes noch helfen?

Schulz: Ja.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Schulz: Ich kenne ihre Stärken. Ich kenne aber auch ihre Schwächen.

SPIEGEL ONLINE: Und was werden Sie daraus machen?

Schulz: Abwarten.

SPIEGEL ONLINE: Wenn man Sie dieser Tage in Paris oder Rom erlebt, wirken Sie souveräner und gelassener als hierzulande. Ist Europa vielleicht doch eher ihr Spielfeld?

Schulz: Nein. Das Phänomen ist leicht zu erklären: Ich kenne Emmanuel Macron oder den italienischen Ministerpräsidenten Paolo Gentiloni seit vielen Jahren. Bei vielen deutschen Politikern gibt's bei solchen Gesprächen Sprachbarrieren - bei mir nicht. Ich habe mich jahrelang auf diesem Parkett bewegt. Einem Innenpolitiker würden Sie wahrscheinlich vorhalten, er wirke zu Hause viel souveräner als im Ausland. Sagen wir es mal so: Ich habe den Eindruck, dass ich den internationalen Aufgaben eines Bundeskanzlers gewachsen bin.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie im vergangenen halben Jahr über Deutschland gelernt?

Schulz: Es wird immer so getan, als sei ich als Kanzlerkandidat in dieses Land eingeflogen wie ein Alien. Dabei kannte und kenne ich Deutschland in- und auswendig. Aber natürlich kommt man im Vorwahlkampf mehr ins Gespräch: Ich habe in den letzten sechs Monaten viele Bürger getroffen, ihre Sorgen und Nöte gehört.

 "Bin doch nicht eingeflogen in dieses Land wie ein Alien"
SPIEGEL ONLINE

"Bin doch nicht eingeflogen in dieses Land wie ein Alien"

SPIEGEL ONLINE: Welche sind das?

Schulz: Viele Bürger haben nicht das Gefühl, dass die Kanzlerin genug für ihre Probleme und ihre Zukunft tut. Notwendige Investitionen sind entweder nicht oder in den falschen Bereichen getätigt worden. Verkehr, Infrastruktur, Bildung - da liegt vieles brach. Das merken die Menschen in ihrem Alltag. Deutschland ist ein starkes Land, aber es kann noch mehr.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie über sich selbst gelernt?

Schulz: Dass ich nur dann gut bin, wenn ich ganz bei mir selbst bin.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie sich zwischendurch verstellt?

Schulz: Viele haben mir gesagt, was ich alles tun und lassen muss. Das habe ich eine Zeitlang beherzigt. Aber ich muss in diesem Wahlkampf bei mir sein. Mein Lebensweg ist eben nicht gerade. Ich bin glaube ich, der einzige deutsche Spitzenpolitiker, der sich offen zu den biografischen Katastrophen bekennt: der überwundenen Alkoholsucht, den mit meinem Absturz als Jugendlicher verbundenen Phänomenen wie Arbeitslosigkeit und drohender Obdachlosigkeit. Das ist ein Teil meines Lebens. Manche haben damit ein Problem. Aber andere sehen: Der hat sich aus dem ganzen Schlamassel ausgekämpft. Der ist nicht so geleckt wie viele andere Politiker.

SPIEGEL ONLINE: Über Ihre Biografie weiß man viel, Ihre Frau halten Sie aber bislang komplett aus der Öffentlichkeit heraus.

Schulz: Schade, dass meine Frau jetzt nicht hier ist. Sie hätte Ihre Frage so beantwortet: "Nicht mein Mann hält mich aus der Öffentlichkeit heraus, sondern ich halte mich heraus."

SPIEGEL ONLINE: Das ist also die Entscheidung Ihrer Frau?

Schulz: Klar. Als ich 1986 Bürgermeister von Würselen werden sollte, habe ich meine Frau gefragt, ob sie einverstanden ist. Da hat sie geantwortet: "Was soll der Quatsch? Wenn du das machen willst, mach es. Ich habe meine eigenen Ambitionen als Landschaftsarchitektin, wir kriegen außerdem ein Kind - die Politik machst du also schön alleine." So ist es bis heute geblieben. Das zu respektieren, müsste selbstverständlich sein.

Mit den SPIEGEL-ONLINE-Redakteuren Philipp Wittrock, Barbara Hans und Florian Gathmann (v.l.n.r.)
SPIEGEL ONLINE

Mit den SPIEGEL-ONLINE-Redakteuren Philipp Wittrock, Barbara Hans und Florian Gathmann (v.l.n.r.)

SPIEGEL ONLINE: Sie würden also nicht alles tun, um Kanzler zu werden?

Schulz: Wenn Sie damit meinen, ob ich meine Familie für die Wahl zum Kanzler "verkaufen" würde: nein.

SPIEGEL ONLINE: Vor der US-Wahl haben Sie uns über Donald Trump gesagt, dieser Mann wäre als US-Präsident "nicht nur für die EU ein Problem, sondern für die ganze Welt". Sie haben richtig gelegen.

Schulz: Es ist noch viel schlimmer gekommen.

SPIEGEL ONLINE: Wie meinen Sie das?

Schulz: Mir war klar, dass die weihevolle Atmosphäre des Weißen Hauses Trump nicht zivilisieren würde. Aber der gnadenlose Nepotismus, mit dem er Politik macht, in dem er sich und seine Familie über das Gesetz stellt - den hätte ich nicht für möglich gehalten. Und dann ist da noch die Reduzierung komplexer politischer Entscheidungen auf 140 Zeichen. Die Reduktion von Politik auf einen Tweet halte ich bei einem US-Präsidenten wirklich für gefährlich. Trump ist ein Risiko für sein Land und die ganze Welt.

SPIEGEL ONLINE: Wie würden Sie mit Trump umgehen, wenn Sie Kanzler wären?

Schulz: Heute auf den Tag vor 15 Jahren hat Gerd Schröder das vorgemacht: Indem er einem US-Präsidenten unmissverständlich Nein zu dessen völkerrechtswidrigen Angriffskriegs gegen den Irak gesagt hat. Männer wie Trump brauchen am Ende das, was sie selbst verbreiten: klare Ansagen. Ich würde ihm so klar und deutlich entgegentreten, wie es nur geht. Dazu hat ein deutscher Regierungschef nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht.

SPIEGEL ONLINE: Klingt ein bisschen nach Boxbude.

Schulz: Trump glaubt, Politik sei eine Boxbude. Ist sie aber nicht. Dennoch: Politik braucht manchmal auch klare Worte. Ich glaube, da bin ich besser als Frau Merkel.

insgesamt 281 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
lathea 03.08.2017
1. Die von Maas vorgeschlagene....
.....Möglichkeit für Massenklagen wird wohl kommen: nach Ablauf der Verjährungsfrist und für künftige Fälle. Hoffentlich wenigstens das.
spontanistin 03.08.2017
2. Ohne spektakuläre Merkel-Fehler wird das nix!
Außerdem sucht der normale Wahl-Bürger Personen an der Spitze, mit denen er sich identifizieren oder von denen er sich bestens repräsentiert fühlt. Martin Schulz hat eher das Format des Bundes-Berti aus Rheydt. Dafür konnten sich auch die meisten Fußball-Fans nicht begeistern. Dafür aber umso mehr für den Trickser Kaiser Franz. So ist das Wahlvolk halt!
Marvin.Reuters 03.08.2017
3. Populist und Narzisst
Schön, dass er sich für besser hält als Frau Merkel. Die Ironie ist, dass es zwischen ihm und Trump weit mehr Überschneidungen gibt, als mit Merkel.
zompel 03.08.2017
4. Klare Ansagen..
ausgesprochen ausgerechnet von einem Nichtssager ...
Max Super-Powers 03.08.2017
5.
"aber ich lasse mir die Welt nicht schlecht reden" Gut, weiter so. Bei der SPD hatte man es ja noch nie so mit der Realität. Ernsthaft, was Schulz hier demonstriert, ist schlicht blinde Ignoranz, die sich erst am Wahlabend auflösen wird.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.