Martin Schulz im Umfragetief Wenn nicht Kanzler - was dann?

An einen Wahlsieg glaubt kaum noch jemand in der SPD, aber Kanzlerkandidat Martin Schulz muss unermüdlich weiterkämpfen. Denn es geht am 24. September auch um seine Zukunft in der Partei.

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Morgens hat Martin Schulz in der Regel erstmal schlechte Laune. Jedenfalls dann, wenn er nach dem Frühstück direkt den Pressespiegel durchgeht, den ihm seine Leute zusammenstellen. Der SPD-Kanzlerkandidat liest dort, dass es nicht vorangeht für seine Partei in den Umfragen, zuletzt sogar weiter nach unten. Dass er sich abmüht, ohne Aussicht auf Erfolg. Neuerdings liest Schulz auch schon Geschichten darüber, wie es nach dem 24. September weitergeht. Ohne ihn.

Inzwischen verzichtet der Sozialdemokrat manchmal einfach auf die zermürbende Lektüre. Dann fängt der Tag besser an. Und wenn der SPD-Chef schließlich auf einem Marktplatz vor ein paar Tausend Leuten steht, die ihm zujubeln, dann wird es ein guter Tag. "Für unsere Überzeugungen will ich Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland werden", sagt Schulz am Ende seiner Reden, mit denen er zurzeit durch die Republik tourt. An den guten Tagen glaubt der Kanzlerkandidat vielleicht sogar daran, dass es doch noch klappen kann.

Seine Deutschland-Tour funktioniert für Schulz wie ein Auflade-Gerät: Die Begeisterung der Leute, die vielen Selfie-Wünsche, wenn er von der Bühne tritt, die guten Wünsche - das gibt ihm Energie.

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Zum gleichen Zeitpunkt vor vier Jahren lag die SPD in den Umfragen einige Prozentpunkte über den aktuellen Zahlen. Ihr damaliger Kanzlerkandidat Peer Steinbrück hatte da aber schon längst die Lust verloren, zehn Tage vor der Wahl erschien das berühmte Foto, auf dem Steinbrück mit ausgestrecktem Mittelfinger posiert. So was würde Schulz nie in den Sinn kommen, obwohl die Lage mindestens so aussichtslos wirkt wie 2013.

Am Montagmorgen steht der Spitzenkandidat in der Parteizentrale vor Journalisten und formuliert vier inhaltliche, unverhandelbare Bedingungen für eine Koalition nach dem 24. September. Als neuerlicher Juniorpartner mit der Union? Etwas anderes geben die Zahlen ja nicht her im Moment. "Meinetwegen können sie Meinungsumfragen veröffentlichen so viel wie Sie wollen, und Plätzchenbacken mit Mutti auf die erste Seite setzen", sagt Schulz trotzig und behauptet: "Ist mir alles egal." Für einen Wahlkämpfer lohne sich der Kampf bis zum Wahltag. Er wolle Kanzler werden. "Und wenn Frau Merkel in mein Kabinett eintreten will, kann sie das gerne tun."

Tatsächlich aber schwindet selbst in der SPD der Glauben an einen Wahlsieg. Zu betoniert wirkt die politische Stimmung mit Blick auf die beiden Volksparteien und ihre Spitzenkandidaten. Mit anderen Worten: Falls CDU-Chefin und Amtsinhaberin Angela Merkel im Wahlkampf nicht noch einen kolossalen politischen Patzer begeht oder die Deutschen plötzlich ihre Liebe zu Schulz wiederentdecken (beides käme einem Wunder gleich), scheint das Rennen um das Kanzleramt gelaufen zu sein.

Schulz hat noch etwas vor in der SPD

Warum Schulz trotzdem unermüdlich weiterkämpft? Weil jeder Wähler, den er noch für die SPD werben kann, seine Position für die Zeit nach dem 24. September verbessert. Schulz ist gekommen, um zu bleiben. Steinbrücks Kanzlerkandidatur war ein politisches Abenteuer, ein anderes Amt in Berlin interessierte ihn nicht mehr: Deshalb gab er noch vor der Ziellinie auf, als Merkel enteilt war. Schulz dagegen, der langjährige Europaparlamentspräsident, ist in die Bundespolitik gewechselt, weil er hier noch etwas vorhat. Auch mit Blick auf die Wahl 2021.

Steinbrück interessierte sich zudem nicht besonders für die SPD. Ein weiterer Unterschied zu Schulz: Der SPD-Chef kämpft auch dafür, dass die Sozialdemokraten in Deutschland ein entscheidender politischer Faktor bleiben. Als er Ende Januar Sigmar Gabriel im Amt des Parteichefs ablöste, drohte gar der Absturz unter die 20-Prozent-Marke. Die SPD hatte ihr Selbstbewusstsein als stolze Volkspartei verloren. Das hat ihr Schulz zurückgegeben, zeitweise lagen die Sozialdemokraten demoskopisch sogar wieder gleichauf mit der Union, ihr Kanzlerkandidat zog im direkten Vergleich an der Amtsinhaberin vorbei.

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Der junge Martin Schulz: Kommunion, Fußball, Jusos

Nur hilft das im Moment wenig - im Gegenteil, so ungerechnet das auch sein mag: Die hohen Erwartungen, die Schulz nach seiner Nominierung geweckt hat, machen die Fallhöhe für den SPD-Kanzlerkandidaten eher noch größer.

Längst wird unter führenden Sozialdemokraten und solchen, die sich dafür halten, über die Zeit nach dem Wahltag nachgedacht: Was wird dann aus Schulz? Welche personellen Alternativen gibt es? Opposition oder erneut Große Koalition?

Der SPD-Kanzlerkandidat kann sich an zwei Zahlen orientieren

Und damit ist man wieder beim Kampf des Martin Schulz. Er kann sich im Grund genommen an zwei Zahlen orientieren: Jenen 23 Prozent, die Frank-Walter Steinmeier 2009 als SPD-Kanzlerkandidat erreichte - und den 25,7 Prozent von 2013. Daraus ergeben sich verschiedene Szenarien:

  • Um ein Parteichef mit Autorität bleiben zu können, muss er ungefähr das Steinbrück-Ergebnis schaffen. Weil die Basis ihn mag, auch viele Funktionäre, dürfte er als Vorsitzender wohl weitermachen.
  • Erreicht Schulz ein deutlich besseres Resultat als vor vier Jahren, wäre er wohl unangefochten. Je nachdem, wie die anderen Parteien abschneiden und welche Mehrheiten möglich sind, wäre er im Falle einer Neuauflage der Großen Koalition der designierte Vizekanzler. Ginge die SPD in die Opposition, könnte er vielleicht sogar Fraktions- und Parteivorsitz vereinen und sich damit eine starke Position mit Blick auf die folgende Bundestagswahl verschaffen.
  • Fällt die SPD allerdings unter Steinmeiers 23 Prozent, dürfte Schulz einsehen, dass er gehen muss und von sich aus den Weg freimachen. Vielleicht würde Schulz noch bis zum Parteitag im Dezember den Vorsitz behalten, bis die SPD einen neuen Chef wählt. Erster Anwärter auf den Posten wäre dann der Hamburger Regierungschef Olaf Scholz, die bisherige Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles gälte dann als Favoritin für die Führung der Fraktion. Nahles könnte diesen Posten auch bekleiden, falls sich Schulz bei einem mittelmäßigen Ergebnis als Parteichef hält.

Knapp zwei Wochen bleiben Martin Schulz. Nur eines ist klar: Aufgeben ausgeschlossen.

insgesamt 55 Beiträge
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Seite 1
widderfru 11.09.2017
1. Schulz-Zukunft uninteressant
Vor der Wahl zählt nur "Wie geht es weiter in "D", nicht das Schicksal der Parteibonzen, die haben im Gegensatz zu der Mehrheit der Bürger ohnehin ausgesorgt. Wichtig ist, welche Partei kämpft für: Gerechte soz. Gesellschaft, incl. Bürgerversicherung, Rentenreform (alle auf gleicher Basis), Sicherung Lebensstandard-W-O-M prüfen!
PaulchenGB 11.09.2017
2. Die Wiederwahl als EU-Parlamentspräsident
ging nicht, Bundeskanzler hört sich auch ganz gut, die Chancen auf diesen Posten sind gegen Null, also schiebt man in der SPD ein wenig hin und her, Steinmeier wird Bundespräsident, Gabriel Außenminister und Schulz: Oppositionsführer??? Wo sind bloß die Willy Brandt's und Helmut Schmidt's geblieben?
Matttthias 11.09.2017
3. Warum sollte er sich abmühen ?
Als ehemaliger EU-Parlaments Vorsitzender hat er genug auf dem Konto und sicher auch "nachhaltige" Bezüge. Und dann kommt auch die Rente / Pension. Auch ohne viel zu googlen, die EU-Parlamentarier werden schon vorgesorgt haben. Er ist schon 61, da dürften sogar Normalsterbliche mit Abschlag in Bundesrente gehen. Dann hat er viel Zeit um Bücher zu lesen, kann an seine Zeit als Buchhändler anknüpfen. Ist es sehr Böse wenn ich sage - er hat dann auch Zeit fürs Abendgymnasium ? - Bildung nachholen ist SPD Trend.
vera gehlkiel 11.09.2017
4.
Bitte nicht schon wieder solch eine Diskussion, was man mit sogenannten "gescheiterten" Kandidaten anfängt! Und bitte dieses auch nicht innerhalb der SPD. Was hier zuweilen regiert, sind nicht Gesetzmässigkeiten, sondern Böswilligkeiten. Wenn die Politik sich ehrlicher machen will, ein Anspruch, für den Martin Schulz, bin ich sicher, vollumfänglich einsteht, muss mal damit aufgehört werden, dass die Option, in der Demokratie Wahlen auch verlieren zu könnten, immer in Zusammenhang mit der persönlichen Karriere zu einem Alleinstellungsmerkmal der politischen Kultur hochgedudelt wird. Es sollte die Haltung grassieren, dass sich um die Demokrate verdient macht, wer sich zur Wahl stellt, selbst aus einer schlechten, eventuell sogar aussichtslosen Position heraus. Wie wetterwendisch diese Dinge laufen, erkennt man am derzeitigen Hoch für Gabriel, an der Tatsache, dass Merkel noch zu Anfang des Jahres als eine Kandidatin galt, die keine Chance hat. Erkennt man auch an vielem anderen. Jedenfalls würde wohl diesmal keiner mehr aus den Pantinen kippen, wenn Schulz das doch noch packt. Wäre dieses dann irgendwie noch sein persönliches Verdienst, hätte er heute auf einmal etwas richtiger gemacht als gestern oder vorgestern, als er noch im Tief feststeckte? Nö, wohl kaum, es wäre halt einfach nur Glück! Es ist in der Tat unwahrscheinlich, zugegeben, aber ganz unabhängig davon sollte Schulz auf jeden Fall SPD-Chef bleiben! Dieses traditionsreiche Amt sollte komplett aufhören, Gegenstand einer Art Zustimmungslotterie sein zu dürfen!
Osservatore 11.09.2017
5. Lachen oder weinen?
Eins muss man Schulz ja lassen: Er kann hervorragend die Realität verdrängen. Und sein Angebot, Merkel könne in seinem Kabinett ja Ministerin werden, löst entweder krachendes Lachen oder morbides Mitleid aus. Ob er nun nach der Wahl an führender Position in der SPD bleibt oder nicht: Das vorgeschlagene Personal - mit oder ohne ihn - ist auch eher dazu angetan, die SPD weit unter die 20%-Marke zu drücken (siehe Nahles' Herablassungen zur Kritik an 2010!!). Oft wurde es kolportiert: Wenn die SPD nicht zu ihren sozialdemokratischen Wurzeln zurückkehrt und weiter glaubt, auf der neoliberalen Schleimspur vorankriechen zu müssen, sieht es für sie und die Demokratie als Ganzes sehr düster aus. Da hilft auch die Schulz'sche Realitätsverweigerung nicht.
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