Jan Fleischhauer

Vor dem TV-Duell Das Unglück des Martin Schulz

Martin Schulz hatte gegen Angela Merkel nie eine Chance. Die Umfragen, die ihn Anfang des Jahres noch Kopf an Kopf mit der Kanzlerin sahen, beruhten auf einem kleinen, aber entscheidenden Messfehler.
Wahlkampfrest der Schulz-Kampagne

Wahlkampfrest der Schulz-Kampagne

Foto: RALPH ORLOWSKI/ REUTERS

Ich komme jeden Tag auf dem Weg ins Büro an einem Wahlplakat vorbei, dem ich vorbehaltlos zustimmen kann. Die Partei, die es aufgestellt hat, nennt sich "Partei für Gesundheitsforschung". Sie ist eine von insgesamt 42 politischen Gruppierungen, die diesmal an der Bundestagswahl teilnehmen.

"Gegen Krebs", steht auf dem Plakat. Das ist genial, wie ich finde. Besser kann man ein Wahlversprechen nicht zusammenfassen. Warum ist das der SPD nicht eingefallen, frage ich mich. Mehr Rente oder mehr Geld für Bildung, das verspricht doch jeder. "Gegen Krebs" - das stellt alles in den Schatten!

Am Sonntag trifft Martin Schulz im Fernsehen auf Angela Merkel. Bei den Kollegen aus dem Hauptstadtbüro habe ich gelesen, dass er sich akribisch auf die Begegnung vorbereitet. Er hat einen Coach geheuert und spielt seit Tagen Fragen und Antworten durch. Das TV-Duell gilt als letzte Chance, den Wahlkampf zu drehen. Seine Berater hoffen auf einen "strategischen Wendepunkt". Ich hasse Nörgler und Schwarzseher, aber in dem Fall verfalle sogar ich in Pessimismus.

Das Problem an Schulz ist, dass er schon vor der Wahl als Verlierer gilt. Als jemand, dem das Verliererimage anhaftet, kann man Minister werden, wenn es gut läuft sogar Bundespräsident. Aber man wird als Verlierertyp niemals Kanzler.

In Wahrheit traut niemand Schulz zu, die Sache noch umzudrehen - nicht einmal die Leute, die mit ihm fiebern. Man sieht es an der Berichterstattung: Kein Reporter will dem armen Mann zu nahetreten, deshalb lesen sich die Texte über den Wahlkampf wie Berichte aus dem Hospital. Entweder schreiben die Journalisten, dass es doch gar nicht so schlecht laufe. Oder sie geben Tipps, was Schulz machen müsse, damit es besser läuft. "Lazarettpoesie" hat Goethe das genannt.

Auch ich kann mich nicht aufraffen, etwas Böses zu schreiben. Über Menschen, die am Boden liegen, schreibt man nicht schlecht. Leider sagt das alles über die Chancen, die man jemandem einräumt. Wenn man bei einem Politiker Angst hat, bereits ein böser Satz könne als unfair empfunden werden, muss es wirklich schlimm um ihn stehen.

Strategischer Startnachteil

Wenn sich erst einmal ein Image festgesetzt hat, sehen die Leute nur noch, was dazu passt. In der Kommunikationswissenschaft nennt man das "Framing". Die Erfahrung, wie gefährlich das falsche Framing sein kann, hat schon Peer Steinbrück gemacht. Als in den Köpfen erst mal verankert war, dass es ihm nur ums Geld gehe, konnte jede Banalität dazu zum Thema werden. Der Satz, dass die Bundeskanzlerin weniger verdiene als ein Sparkassendirektor, wäre unter normalen Umständen eine Binse geblieben. So war es ein Aufreger, von dem sich die Presse über Wochen ernährte.

Das große Rätsel ist im Nachhinein, wie Schulz in den Umfragen soweit nach oben steigen konnte, dass er seinen Anhängern schon als Kanzler galt. Wenn man die Zahlen ernst nimmt, müssten sich Millionen Deutsche erst für den Mann aus Brüssel begeistert und dann wieder enttäuscht von ihm abgewandt habe.

Ich glaube das nicht. Ich glaube, dass die Umfragen irreführend waren, weil sie den entscheidenden Umstand nicht erfasst haben, nämlich die relative Unbekanntheit des Kandidaten. In Wahrheit hatten die meisten Deutschen am Anfang keine Ahnung, wer der Mann war, der ihnen nach dem Rückzug von Sigmar Gabriel als Kanzlerkandidat präsentiert wurde. Unbekanntheit ist eine enorme Bürde, wenn man sich für das wichtigste Amt im Land empfiehlt, zumal wenn man gegen eine Frau antritt, die seit zwölf Jahren regiert. Diesen strategischen Startnachteil hat Schulz bis heute nicht ausgleichen können.

Umfragen sind ein denkbar ungeeignetes Mittel, um Außergewöhnliches zum Vorschein zu bringen. Sie messen das Bekannte, nicht das Unbekannte. Die meisten Meinungsumfragen gehen so: Den Leuten wird ein Name genannt. Dann fragt man sie, was sie von der genannten Person halten. Weil Menschen ungern ihr Unwissen offenbaren, sagen sie halt was, auch wenn sie keine Ahnung haben, um wen es sich handelt. Man nennt diese Form der Umfrage eine "gestützte Befragung", sie ist in der Wahlforschung der Regelfall.

Noch nie wurde ein Mann mit Bart ins Kanzleramt gewählt

Man macht sich keine Vorstellung, wie lange es braucht, bis ein Name in der Öffentlichkeit durchgesetzt ist. Wie viele Menschen Mühe haben, sogar Spitzenpolitiker wiederzuerkennen, zeigt sich, wenn man sie nach ihrer Einschätzung fragt, ohne einen Namen vorzugeben. Der SPIEGEL hat das vor ein paar Wochen für eine große Umfrage gemacht, indem er das politische Wissen der Deutschen testen wollte.

Das Ergebnis war überraschend. Gerade mal die Hälfte der Deutschen kann sagen, wie der Ministerpräsident in ihrem Bundesland heißt. Wenn die Leute in Hessen schon nicht wissen, wer Volker Bouffier ist, wie sollen sie dann eine Meinung dazu haben, was von Martin Schulz zu halten ist?

Dem Journalismus kann man keine Vorwürfe machen, wenn es auch diesmal mit der SPD nichts wird. Tatsächlich wurde seit Langem kein Kandidat von den Medien mehr mit solcher Liebe betrachtet wie der Mann aus Würselen. Alles wird ihm verziehen - jede Verwechslung von Zahlen, das muntere Themenhopping, die offenkundige Unsinnigkeit mancher Vorschläge. Die "Süddeutsche Zeitung" lanciert inzwischen im Wochentakt die neuesten Ideen aus der Kampa. Aber es reicht nicht. Es ist immer ein Fehler, würde ich sagen, die Zustimmung der Experten mit der Zustimmung im Volk zu verwechseln.

Die meisten Wähler schauen sich den SPD-Kandidaten in diesen Tagen zum ersten Mal genauer an. Sie sehen einen freundlich lächelnden Erdkundelehrer mit einem merkwürdigen Gespinst im Gesicht, das eher an einen Teppichrest als einen Bart erinnert. Ich bin ein schlichtes Gemüt, wie meine Leser wissen, deshalb erwähne ich das. In Deutschland wurde noch nie ein Mann mit Bart ins Kanzleramt gewählt. Das Unglück von Martin Schulz ist, dass ein Gutteil der Deutschen am 24. September bei seinem Namen nicht an einen der vielen Vorschläge denken wird, sondern an seinen Bart.

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