Martin Schulz macht Wahlkampf in Niedersachsen Applaus, Applaus

Verkehrte Welt in Cuxhaven: Eigentlich soll Martin Schulz im niedersächsischen Wahlkampf helfen - doch sein erster Auftritt nach der Bundestagswahl wird zur großen emotionalen Aufbauhilfe für ihn selbst, den angeschlagenen Parteichef.

Martin Schulz in Cuxhaven
STRANGM/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Martin Schulz in Cuxhaven

Aus Cuxhaven berichtet


Martin Schulz strahlt. "Das tut richtig gut", ruft der SPD-Chef in die Cuxhavener Kugelbake-Halle. Mit minutenlangem rhythmischen Klatschen und stehenden Ovationen haben ihn zuvor die rund 750 Gäste begrüßt. Schulz wirkt während seiner Rede aufgekratzt, er trifft den Ton des sozialdemokratisch geprägten Publikums, immer wieder bekommt er lautstarken Applaus.

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Heft 40/2017
"Wir sind im freien Fall"

Es ist Schulz' erster großer Auftritt nach der Bundestagswahl. 20,5 Prozent hat der Kanzlerkandidat geholt, es ist das schlechteste SPD-Ergebnis der Nachkriegsgeschichte, ein Debakel. Doch in nur elf Tagen steht schon die nächste Wahl an, dann stimmen 6,1 Millionen Niedersachsen über einen neuen Landtag ab. Hintergrund ist der Wechsel einer Grünen-Abgeordneten zur CDU, dieser kostete Rot-Grün die knappe Mehrheit.

Für Schulz ist die vorgezogene Wahl ein Glücksfall. Denn in der heißen Phase des Wahlkampfs wollen seine Genossen einen Führungsstreit unbedingt vermeiden. Und sollte die SPD von Ministerpräsident Stephan Weil ihren Aufwärtstrend der letzten Umfragen fortsetzen und am 15. Oktober gewinnen, könnte Schulz nach vier Niederlagen in diesem Jahr endlich den ersten Erfolg verbuchen.

"Ich lasse mich nicht verbiegen"

Der SPD-Chef macht in Cuxhaven einen gelösten Eindruck. Er spricht zwar gerade mal 20 Minuten, quasi als Vorprogramm für Weil, der später 45 Minuten bekommt. Aber es ist ein gelungener Auftritt,

Für seine Partei gehe es in Niedersachsen nicht nur darum, ein gutes Ergebnis zu holen, sagt Schulz. Es gehe auch darum, "mit Leidenschaft und geradem Rückgrat Wahlen zu gewinnen". Dafür stehe er auch persönlich, ruft Schulz und setzt fast trotzig hinzu: "Ich lasse mich nicht verbiegen." Wieder jubeln die Gäste in der Kugelbake-Halle.

Nun ist es so, dass Schulz auch bei vielen Auftritten der vergangenen Monate gefeiert wurde - und die SPD in den Umfragen dennoch immer weiter abrutschte (eine Nahaufnahme des SPD-Bundestagswahlkampfs mit seinen Hoffnungen und Niederschlägen lesen Sie in der aktuellen SPIEGEL-Titelgeschichte "Die Schulz Story").

Hinter vorgehaltener Hand raunen manche Sozialdemokraten deshalb bereits, nach der Niedersachsen-Wahl werde auch über Schulz und seine Zukunft zu reden sein. Ist der Machtkampf nur vertagt?

"Habe die SPD selten so geschlossen erlebt"

Die Anhänger des Parteichefs, und davon gibt es besonders an der Basis viele, halten dagegen: Sie loben Schulz als authentisch, er sei genau der Richtige für den Neustart nach dem katastrophalen Wahlergebnis vom 24. September. Dazu kommt die fehlende Alternative. Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz, der als möglicher Nachfolger gehandelt wird, gilt nicht gerade als jemand, der die Genossen begeistern kann.

Schulz kann das. Das zeigt er bei dem Auftritt in Cuxhaven. Er habe die SPD "selten so geschlossen erlebt wie in den vergangenen Monaten", sagt Schulz. "Dafür bin ich von Herzen dankbar." Die Genossen danken es ihm mit lautstarkem Applaus.

Leidenschaftlich gibt Schulz den Oppositionspolitiker, jene Rolle, die er am Abend der Bundestagswahl angenommen hat. Und sie liegt ihm spürbar mehr als die Rolle des Kanzlerkandidaten. Die SPD müsse sich für den Busfahrer und den Facharbeiter einsetzen, sagt er, und zeigen, "dass ein Installateur oder ein Dachdecker genauso viel wert ist wie ein Arzt oder ein Diplom-Ingenieur".

Emotional antwortet Schulz auch jenen Beobachtern, die der SPD vorwerfen, sie entziehe sich der staatspolitischen Verantwortung: "Die Konfrontation zwischen der demokratischen Linken und der demokratischen Rechten ist das Salz in der Suppe."

Ob er diese Konfrontation auf Dauer führen kann, wird sich nach dem 15. Oktober zeigen.

insgesamt 100 Beiträge
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Seite 1
darthmax 04.10.2017
1. Abseits
erst die EU, dann Gott sei Dank nur die SPD ins Abseits geführt. das Debakel endet nun bald.
oliver2017 04.10.2017
2. Genau so!
Ich da wird auch nicht's anbrennen. Die SPD will den Sieg in Niedersachsen und wird auch gewinnen
RalfBukowski 04.10.2017
3. 20 Minuten Schulz...
...wie hält man so eine Rede als Zuhörer durch? Und dann noch 45 Minuten Weil? Kann man sowas irgendwo trainieren? Glaube ich kaum. Ich denke mal, ich würde nach einer Minute aufspringen und laut schreiend aus dem Saal rennen, wenn mir nichts Schlimmeres einfällt (Schulz/Weil eine Mitropa-Kaffeemaschine schenken?).
peter.di 04.10.2017
4. Schulz ist ein rhetorisches Talent
Mit anderen Worten, er kann verkaufen, in einer Halle von Leuten die sowie SPD Anhänger sind. Nur fällt er selber auch drauf rein und lässt sich von sich selber blenden. Tragische Figur irgendwie.
pauerkraut 04.10.2017
5. Irrtum der Redaktion...
Wenn sie glauben, die SPD braucht jemand der die Genossen begeistern kann; dann habe sie immer noch nicht kapiert, warum diese einstmals wichtige und grosse Volks Partei in der Versenkung verschwindet..
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