Martin Schulz trifft SPD-Basis "Wat heißt denn dat genau?"

Sie bejubeln ihn wie einen Heilsbringer: Martin Schulz hat in Herne einen ersten Besuch bei der Parteibasis absolviert. Doch wie will der Kanzlerkandidat die gerechtere Gesellschaft, von der er schwärmt, politisch durchsetzen?

Aus Herne berichtet


Ein voller Saal wartet auf Martin Schulz, jeder Platz des Mondpalasts Wanne-Eickel ist besetzt, selbst an den Seiten stehen die Menschen. Draußen hat der Ortsverband noch einen Bildschirm aufgestellt, damit auch alle, die nicht mehr in den Theatersaal passten, den frisch gekürten Kanzlerkandidaten sehen können.

Mehr als 500 Gäste bei einer SPD-Veranstaltung, darunter auch viele junge Leute, das hat es in der Stadt im Ruhrpott lange nicht mehr gegeben. Schulz zieht. Doch Schulz ist noch nicht da.

Also machen Michelle Müntefering, die Bundestagsabgeordnete hier aus dem Kreis, und Alexander Vogt, der Landtagsabgeordnete, das Warm-up auf der Bühne. "Martin Schulz ist ein ehrlicher Politiker", sagt Vogt. Der habe schon Dinge erlebt, die nicht alle hier erlebt hätten. Der Applaus ist spärlich.

Dann, um 18.30 Uhr, kommt Schulz. Fast der halbe Saal steht, das Klatschen ist laut, euphorisch.

Niemand weiß, wofür Schulz eintreten wird

Es ist der erste Besuch an der Basis, den Martin Schulz, seit Montag vom Parteivorstand als Kanzlerkandidat nominiert, absolviert. Hunderte Neueintritte in die Partei gab es seither, in ersten Umfragen legt die SPD zu. Dabei weiß noch niemand, wofür Schulz eintreten wird, was er vor hat, so programmatisch.

Das ist auch nach seiner Rede nicht anders. 30 Minuten spricht er, immer wieder fallen die gleichen zwei Worte: Gerechtigkeit und gerecht. "Gerechtigkeit ist das Grundprinzip unserer Gesellschaft", sagt Schulz. "Keiner darf in diesem Land zurückgelassen werden." Dann zitiert er Franz Müntefering: Keiner soll Herr, keiner Knecht sein. Applaus.

Er wisse, dass das alles nix Neues sei, sagt Schulz. Aber es sei nun einmal wahr. Für die Menschen sei es "ein dramatisches Problem", wenn sie das Gefühl haben, es gehe ungerecht zu. Man müsse "fühlen, was das heißt, wenn es am Ende des Monats wieder nicht reicht". Und wenn die Menschen spürten, dass er das ändern wolle, "dann, ja dann, werde ich Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland". Das erste Mal an

Schulz, Michelle Müntefering
DPA

Schulz, Michelle Müntefering

dem Abend wird der Applaus rhythmisch, einzelne Genossen juchzen sogar.

Schulz weiß, dass die Euphorie auch Gefahren birgt. Sie darf nicht verfliegen. Es sind noch siebeneinhalb Monate bis zur Bundestagswahl, warnt er immer wieder, "es ist ein Langstreckenlauf", "wir haben gerade einen Spurt hingelegt, aber wir müssen schauen, dass uns nicht die Puste ausgeht!" Seine Lösung: Vertrauen und Selbstbewusstsein. "Wir sind die Zukunft des Landes." Es ist sein letzter Satz auf der Bühne, wieder stehen die Genossen auf.

Zwei Probleme, ein kleines und ein großes

Dann folgt der schwierige Teil des Abends. Denn eigentlich soll es hier heute um die Inhalte zur Landtags- und Bundestagswahl gehen, der Unterbezirk Herne hat zum "Programmforum" geladen. Im Foyer des Theatersaals sind fünf Tischgruppen aufgebaut, daneben Pinnwände, jede mit einem eigenen Thema. Schulz soll nun von einer Tischgruppe zur nächsten gehen und dort sagen, was er sich für das Programm der SPD vorstellt.

Schulz mit Fans
DPA

Schulz mit Fans

Es gibt zwei Probleme, ein kleines und ein großes. Das kleine: Schulz kommt kaum durch, Dutzende Menschen umringen ihn, wollen ein Selfie mit ihm, dazu die Fotografen und Kameraleute. Das große: Wenn Schulz einmal bei einem der Tische angekommen ist, merkt man, dass das, was er sagt, Allgemeinplätze sind.

Am Tisch "Infrastruktur und Kommunales" sagt er: "Wir müssen wieder klarmachen, dass der öffentliche Raum allen gehört." Am Tisch "Gesundheit und Pflege" sagt er: "Wir müssen die Pflegeberufe attraktiver machen und besser bezahlen."

Es sind Sätze, die eigentlich jeder Politiker unterschreiben würde. Die Zuhörenden scheint es nicht zu stören. Sie nicken und klatschen. Nur eine ältere Dame murmelt: "Wat heißt denn dat jetzt genau?"

Schulz hört das nicht, er ist weitergezogen, zum Essenstand. Es gibt Currywurst, den SPD-Klassiker. Schulz holt sein Portemonnaie raus, will zahlen, doch Michelle Müntefering lässt ihn nicht. "Bist eingeladen", sagt sie. Er lächelt, bedankt sich. Dann dreht er sich um, sagt laut: "Mhmmm, die schmeckt hier viel besser als in Berlin."

Die siebeneinhalb Monate bis zur Bundestagswahl will Schulz nun durch Deutschland ziehen, Stimmen sammeln. Vorher sollte er sich noch ein paar konkretere Ansagen überlegen. Auf dem von ihm angekündigten Langstreckenlauf gibt es nicht nur viele Currywürste. Sondern auch viele Fragen.



insgesamt 111 Beiträge
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Seite 1
caecilia_metella 01.02.2017
1. Klar,
Herr Schulz hat harte Zeiten erlebt und sich als guter Kämpfer erwiesen. Von der SPD wünsche ich mir insbesondere zur Erhaltung der Demokratie folgendes: Nicht mehr so arg auf Minderheiten fokussieren lassen. Es gibt mehr Nöte als die von Flüchtlingen und Homosexuellen. Das bringt nur Hetze von rechts. Familienpolitik und heftige Veränderungen der Verfassung müssen sowieso nicht sein im Umfeld einer Finanzkrise. Vertragssicherheit von Arbeitgebern und Arbeitnehmern haben in den letzten Jahren auch sehr gelitten. Mehr Stabilität hilft bestimmt auch jungen Leuten, die derzeit Familienplanung lange aufschieben müssen.
wasistlosnix 01.02.2017
2. Allgemeinplätze
sicher sind es immer die gleichen Aussagen die jeder Politiker unterschreiben würde und am Ende wird er daran gemessen werden ob er nur der bessere Wahlkämpfer oder doch der beste fürs Volk war. Die Menschen sehen es ja nicht erst so seit Schulz angetreten ist. Es geht doch irgendwie seit den 80er Jahren so "wir jammern auf hohen Niveau anderen geht es ja schlechter". Wir haben uns aber ein antiquiertes Wirtschaftsdenken erhalten. Nur hat uns die Globalisierung längst überrollt und die größten Firmen produzieren keine Güter mehr. Die restliche Produktion soll auch noch automatisiert werden incl. von Dienstleistungen. Nur den Konsumenten kann man nicht wegrationalisieren. Was machen wir mit dem?
robin-masters 01.02.2017
3. Franz Müntefering
also noch so einer aus dem Dunstkreis Seeheimer Kreis bzw. davon beeinflusst. Schröder, Gabriel, Steinmeier und Co. Man sollte also nicht denken Schulz wäre wirklich ein Linker - sondern wieder einer im Schafspelz - aber gibt bestimmt genug Menschen die darauf reinfallen. Er wird links populistisch blinken und rechts abbiegen, wie die SPD schon seit den späten Neunzigern.
metafferix 01.02.2017
4. Es sollte zu denken geben,
dass Herr Schulz im Großen und Ganzen das Gleiche erzählt wie Herr Gabriel vor der letzten Wahl.
mdada 01.02.2017
5. Es wird trotzdem nicht reichen
für Schulz und für die SPD. Trotzdem ein guter Schachzug der SPD, den Gabriel auszuwechseln. Bürgerliche, die mit der Flüchtlingspolitik nicht einverstanden sind, wird er zumindest gegenwärtig nicht gewinnen können. Und diese sind nicht wenige.
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