Umfrage zu Koalitionsoptionen Das rot-rot-grüne Schreckgespenst lebt

Nichts finden konservative Wähler so abschreckend wie eine Regierung aus SPD, Grünen und Linken. Das zeigt eine Umfrage für SPIEGEL ONLINE. Aber auch unter Anhängern der Sozialdemokraten herrscht keine R2G-Euphorie.
Kugelschreiber von der SPD, den Grünen und der Linken

Kugelschreiber von der SPD, den Grünen und der Linken

Foto: imago/ Christian Ohde

Die Fragen werden jetzt schon gestellt, Monate vor der Bundestagswahl. Und sie werden lauter werden, je näher der 24. September rückt. Schließen Sie eine Zusammenarbeit mit der Linken aus? Was halten Sie von Jamaika? Können Sie sich eine Ampel vorstellen?

Keine Partei wird wohl nach der Bundestagswahl alleine regieren können, also muss ein Koalitionspartner her. Wahlkampf wird deshalb nicht nur mit dem eigenen Parteiprogramm gemacht. Entscheidend ist auch, welche Machtoptionen sich eine Partei offen hält - oder eben ausschließt.

Doch welches Bündnis wünschen sich die Wähler? Und welche Koalitionsperspektive schreckt sie ab? Um das herauszufinden, hat das Meinungsforschungsinstitut Civey die Deutschen für SPIEGEL ONLINE zu möglichen Koalitionen repräsentativ befragt.

Demnach finden rund 44 Prozent, dass Rot-Rot-Grün, also ein Bündnis aus SPD, Grünen und Linken, die schlechteste Regierungskoalition wäre. 23 Prozent halten die aktuelle Große Koalition unter Führung der Union für die schlechteste Option.

Insbesondere in der SPD gibt es seit Langem Diskussionen darüber, wie man sich im Wahlkampf zu Rot-Rot-Grün positioniert. Soll man die für das Bündnis werben? Oder die Partei so gut es geht ignorieren?

Viele Sozialdemokraten fürchten, dass die Union eine "Rote Socken reloaded"-Kampagne gegen Rot-Rot-Grün fahren könnte - und die Umfrage zeigt, dass eine solche Attacke durchaus Erfolg verspricht. Unter konservativen Wählern ist das Linksbündnis das Schreckgespenst schlechthin. 80,1 Prozent der Unions-Wähler halten R2G für die schlechteste Koalition. Bei der FDP und der AfD sind es jeweils rund 65 Prozent.

Und: Selbst etwa jeder zehnte SPD-Anhänger hält eine Bundesregierung mit der Partei von Sahra Wagenknecht für die schlechteste Lösung. Gleichzeitig wollen viele Wähler der Sozialdemokraten aber auch raus aus der Großen Koalition unter Führung der Union. 37 Prozent lehnen es ab, als Juniorpartner unter einer Kanzlerin Angela Merkel weiterzumachen.

In der aktuellen politischen Lage wird allerdings nur eine Große Koalition oder ein Dreierbündnis die nächste Regierung stellen können. Das liegt daran, dass CDU/CSU und SPD von der 40-Prozent-Marke weit entfernt sind, Grüne, FDP und Linke nur einstellige Ergebnisse erreichen und die AfD wohl erstmals in den Bundestag einzieht. Eine weitere Civey-Umfrage legt nahe, dass die Wähler mit den daraus resultierenden Koalitionsoptionen unzufrieden sind.

Gefragt, welche Koalition nach der Wahl am besten wäre, entfällt der größte Anteil auf die Antwort "Eine andere". Hier dürften sich Fans von Rot-Grün und Schwarz-Gelb ebenso finden wie AfD-Wähler, die ihre eigene Partei gerne an der Macht sähen. Allein: Keine dieser Koalitionen ist derzeit realistisch - weder rechnerisch (wie Rot-Grün, Schwarz-Grün oder Schwarz-Gelb) noch politisch (wie eine Regierung der Union mit der AfD). Solche Konstellationen standen deshalb in der Umfrage nicht zur Auswahl.

Wohl auch deshalb ist das Bild zu den abgefragten Wunschkoalitionen relativ diffus. Von den realistischen Optionen ist derzeit die Große Koalition mit der Union an der Spitze am beliebtesten mit 18,3 Prozent. Direkt dahinter folgt Rot-Rot-Grün mit 17,6 Prozent.

Das mag zunächst wie ein Widerspruch zum bereits beschriebenen hohen Grad der Ablehnung eines solchen Bündnisses aussehen, erklärt sich jedoch, wenn man sich die Präferenzen nach Parteianhängerschaft anschaut. Die Auswertung offenbart: Insbesondere Grünen- und Linken-Wähler finden, dass R2G die beste Koalition wäre. Insbesondere die Anhänger der Linken sprechen sich mit über 77 Prozent dafür aus - sie wollen offenbar nach Jahren in der Opposition endlich mal mitregieren. Die Linken-Parteispitze ist also auf Linie mit ihren Anhängern, wenn sie von der SPD ein klares Bekenntnis zu Rot-Rot-Grün fordern.

Ein interessanter Gegensatz zeigt sich bei den Wählern von Grünen und FDP: Beide Lager wünschen sich zu einem signifikanten Anteil eine Regierung mit der jeweils anderen Partei. Allerdings würden die Grünen lieber eine Ampel mit der SPD bilden, FDP-Anhänger bevorzugen das Jamaika-Dreierbündnis mit der Union.

Die SPD-Anhänger sind in der Koalitionsfrage unentschieden: Jeweils ein gutes Drittel möchte eine Große Koalition unter Führung der SPD, Rot-Rot-Grün oder die Ampel. In der Union ist das Bild dagegen klar: Rund 50 Prozent wollen die aktuelle Regierung fortsetzen, ein Drittel möchte einmal Jamaika mit den Grünen und der FDP ausprobieren.

Die Zahlen erklären, vor welchem Problem SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz in diesem Wahlkampf steht. Bekennt er sich zur Option Rot-Rot-Grün, kann er damit Teile der Wählerschaft von SPD, Grünen und Linken motivieren. Doch gerade in der eigenen Partei ist die Skepsis weiterhin groß.

Und gleichzeitig dürfte Schulz konservative Wähler in Scharen an die Urnen locken, die linke Regierung zu verhindern. So erklärten Wahlforscher zuletzt schon den überraschend klaren Sieg der CDU im Saarland.

Anmerkung zur Methodik: Für die repräsentativen Umfragen hat Civey vom 27.4.2017 bis 4.5.2017 für die Frage nach der besten (schlechtesten) Koalition 5058 (5062) Menschen befragt. Die Unsicherheit liegt beim Gesamtergebnis bei 2,5 Prozentpunkten, bei der Aufschlüsselung nach Parteien bei 5,5 Prozentpunkten.


In Kooperation mit dem Meinungsforschungsinstitut Civey befragt SPIEGEL ONLINE regelmäßig Leserinnen und Leser zu politischen Themen:

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