Jan Fleischhauer

Schulz-Hype Der Trump aus Würselen

Das Faible für Pleiteprojekte, Flüge im Privatjet, die Inszenierung als Außenseiter: Ist an Schäubles Vergleich von Martin Schulz mit Donald Trump doch mehr dran, als man auf den ersten Blick meinen sollte?
Martin Schulz

Martin Schulz

Foto: Ralf Hirschberger/ dpa

Finanzminister Wolfgang Schäuble hat den SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz mit dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump verglichen. Beide seien Populisten, die eine gesellschaftliche Spaltung herbeireden würden, sagte Schäuble im SPIEGEL.

Offenbar traut Schäuble dem SPD-Mann zu, das zu schaffen, was auch Trump geschafft hat, nämlich gegen alle Erwartungen die Macht zu erobern, was schon mal ein großes Lob ist. Dennoch ist die Aufregung riesig: Der Vergleich sei "absurd", "hysterisch" und "peinlich", erklärten führende Sozialdemokraten.

Wenn einer der Generalsekretäre aus der Union Schulz mit Trump verglichen hätte, müsste man keinen Gedanken daran verschwenden. Aber wenn Schäuble so etwas sagt, wird er sich etwas dabei gedacht haben. Es gibt wenige Menschen, die in ihrem politischen Leben so viel erlebt und gesehen haben wie der ewige Minister. Seit über 44 Jahren sitzt er in dem Parlament, in das Schulz erst hinein will.

Auf den ersten Blick verbindet Trump und Schulz nicht viel, das muss man klar sagen. Der eine hat viel Geld mit dem Kauf und Verkauf von Immobilien gemacht; der andere hat sein Leben im Wesentlichen damit zugebracht, vor anderen Politikern schwungvolle Reden zu halten. Trump beschimpft jeden, der anderer Meinung ist, als dumm, gefährlich oder überschätzt. Schulz zieht übers Land und erklärt, warum er den amerikanischen Präsidenten für eine Gefahr hält. Das ist zwar streng genommen ebenfalls eine Beschimpfung, aber weil er sagt, was alle denken, fällt das unter Tatsachenbeschreibung.

Männer des Volkes?

Man muss genauer hinsehen, um die Parallelen zu entdecken. Da sind die Haare als Unterscheidungsmerkmal, um mit dem Offensichtlichsten zu beginnen. Trump trägt sie auf dem Kopf, Schulz im Gesicht. Dabei gilt seit den Anfangstagen der Republik, dass Politik mit Bart in Deutschland nicht funktioniert. Helmut Kohl hat damit gegen Rudolf Scharping sogar eine Wahl gewonnen. Aber so etwas ignoriert Schulz einfach, so wie Trump alle Witze über seine Frisur ignoriert hat.

Beide Politiker schaffen es bei ihren Auftritten, unter den Anhängern wahre Begeisterungsstürme auszulösen, das ist eine weitere Gemeinsamkeit. Ich weiß nicht, wie sie es machen, aber es funktioniert. Ich habe Schulz nur einmal in meinem Leben reden hören: Obwohl ich über vieles völlig anders denke, war ich hingerissen.

Sowohl Schulz als auch Trump präsentieren sich als Männer des Volkes, die das Establishment aufmischen werden - Gemeinsamkeit Nummer drei. Die Konkurrenz kann tausendmal darauf hinweisen, dass sie in Wahrheit Teil der Elite sind, gegen die sie antreten: Das perlt einfach an ihnen ab. Wer einmal in Brüssel war, weiß, dass es keinen Ort gibt, der weiter weg vom Volk sein könnte als diese Stadt. Das ist nicht EU-Bashing, das ist die Wahrheit. Aber das interessiert bei Schulz nicht, so wie bei Trump nie der Hinweis auf seine Golfplätze und Penthäuser zündete.

Auch die Neigung, es mit dem Geld anderer Leute nicht so ganz genau zu nehmen, verbindet die beiden Politiker. Im SPIEGEL kann man diese Woche lesen, wie Schulz in Brüssel großzügig Getreue unterstützte. Laut "Sunday Times" soll er eine ziemlich aufwendige Amtsführung an den Tag gelegt haben, zum Beispiel mit der regelmäßigen Nutzung von Privatfliegern.

Schon der Wahlkampf für den Vorsitz der EU-Kommission war von Schmuhvorwürfen überschattet. Kaum ging es los, stellte sich heraus, dass Schulz seinen Twitteraccount als Parlamentspräsident für die neue Aufgabe als Kandidat eingespannt hatte. Dann gab es 2014 eine unschöne Geschichte wegen der Tagegelder, die Schulz als EU-Parlamentspräsident auch noch während des Europawahlkampfs kassierte. Erst fünf Wochen vor der Wahl verzichtete er darauf.

Teures Spaßbad in Würselen

Die größte Übereinstimmung zwischen dem Mann aus der Nähe von Aachen und dem Mann aus New York ist sicherlich die Liebe zu großen Projekten. Ein Reporter des "Tagesspiegels" hat sich neulich die Mühe gemacht, mal nachzusehen, was das politische Erbe von Schulz in seiner Heimatstadt Würselen ist. Bevor er nur noch Europa kannte, war er dort elf Jahre lang Bürgermeister. Schulz ist sehr stolz darauf, weshalb er bei jedem Auftritt darauf hinweist.

Leider ist seine Hinterlassenschaft in Würselen nicht ganz so glänzend, wie der Reporter herausfand. An den Folgen der Entscheidung des Bürgermeisters, am Stadtrand ein Spaßbad hochzuziehen, trägt die Gemeinde noch heute. So wie Trump gerne Kasinos oder Hotels baut, für die andere die Rechnung übernehmen müssen, bestand Schulz auf die Errichtung des Aquana mit Riesenrutsche und Piratenschiff. Da ließ er sich auch nicht von einer Bürgerinitiative abhalten, die lieber das marode Stadtbad saniert hätte.

Das Aquana ist der Trump-Plaza des Rheinlands: ein "Fiasko schönefeldesker Ausmaße", wie der "Tagesspiegel" schreibt. Die SPD hat übrigens anschließend nach Schulz' Abgang erst einmal kein Bein mehr auf den Boden bekommen. Alle 23 Direktmandate gingen bei der nächsten Kommunalwahl an die CDU, so sauer waren die Leute über das Pleitebad.

Ich glaube, man muss Schäubles Vergleich nicht als Warnung an die Wähler, sondern als Warnung an die eigenen Leute verstehen. Wiegt euch nicht in Sicherheit, will er ihnen sagen: Tut den Schulz-Hype nicht als Medienblase ab. Auch Trump hat am Anfang keiner ernst genommen, und dann war er an allen Konkurrenten vorbeigezogen, inklusive der Favoritin, die alle schon für die sichere Siegerin hielten.

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