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09. Februar 2017, 12:20 Uhr

SPD-Kanzlerkandidat Schulz

Und ob he can!

Eine Kolumne von

Die SPD ist von den Toten auferstanden, Martin Schulz kann Kanzler werden. Seine Aufgabe ist gewaltig: Merkel hinterlässt ein gespaltenes Land und einen zerrissenen Kontinent.

Martin Schulz will Kanzler werden. Das macht ihn zum richtigen Kandidaten der SPD. Seine Vorgänger wollten zwar ins Rennen gehen - aber nicht ins Ziel kommen. Schulz ist anders. Er will die Macht und die Leute spüren das. Die SPD war schon totgesagt. Auf einmal fügt sich alles: Martin-Mania, Merkelmüdigkeit und Ungerechtigkeitswut lassen den Kandidaten auf einer Welle der Begeisterung reiten. Jetzt muss Schulz nur noch das Kunststück fertigbringen, so zu tun, als habe die SPD nicht den größten Teil der vergangenen knapp 20 Jahre in der Regierung verbracht.

Vor dem Wechsel kommt die Wechselstimmung. Kanzler werden nicht gewählt. Kanzler werden abgewählt. Das ist eine Regel bundesrepublikanischer Politik. Im Herbst könnte es wieder so weit sein: Es gibt jetzt eine Umfrage, nach der sich die Hälfte der Deutschen in einer Direktwahl für den SPD-Kandidaten Schulz entscheiden würde - im Vergleich zu 34 Prozent für Angela Merkel. Auch die Zustimmung für die Partei wächst: Eine andere Umfrage sieht die SPD gar schon vor der CDU.

Angela Merkel ist gescheitert

Die Zeit ist reif. Angela Merkel ist gescheitert. Das wirkt auf den ersten Blick wie ein paradoxes Urteil über die lang dienende Kanzlerin, die auf der ganzen Welt für ihre Stetigkeit gelobt wird. Aber wonach bemisst sich der Erfolg eines Politikers? Nach den Jahren im Amt? Dann gehört Angela Merkel zu den erfolgreichsten Kanzlern. Oder nach dem Vergleich zwischen der Lage, die einer vorfand, und jener, die er hinterlässt? Dann kann es keinen Zweifel geben: Deutschland ist so tief gespalten wie seit vierzig Jahren nicht mehr, und Europa ist ein zerrissener Kontinent.

Merkel muss sich das zurechnen lassen. Sie hatte die Wache, als die alte Welt vor die Hunde ging.

Martin Schulz hat gesagt: "Deutschland ist kein gerechtes Land. Millionen Menschen fühlen, dass es in diesem Staat nicht gerecht zugeht." Richtig! Das gilt für Deutschland, und es gilt darüber hinaus.

Auf der ganzen Welt formieren sich die Abgehängten des globalen Kapitalismus zum Widerstand. Es ist die rechte Revolution, die diesem Widerstand eine politische Stimme gibt - eine Stimme der Wut und des Ressentiments. Merkel hatte dem nichts entgegenzusetzen. Für das Phänomen der Ungerechtigkeit fehlt ihr das Interesse. Für die Demütigung der Abgehängten das Gefühl. Schulz verfügt über beides. Er ist stark, wo Merkel schwach ist.

Ist Martin Schulz darum ein Populist? Hoffentlich! Das Wort "Populist" hat keinen guten Klang. Zu Unrecht. Wer Politik für die Menschen machen will, muss die Menschen verstehen - und sie ihn. Gute Politik braucht guten Populismus.

Das harte und mühsame Leben

Schulz hat im SPIEGEL gesagt: "Die Menschen müssen wieder darauf vertrauen können, dass sozialdemokratische Politiker ihr Leben nachvollziehen können. Ich kann das von mir behaupten. Ich kenne ihre Probleme: Die Probleme derer, die hart arbeiten, die schuften müssen. Der Paare, die zwei Einkommen haben und trotzdem gerade so die Miete bezahlen können. ... Denen werde ich reinen Gewissens sagen: Ich kenne eure Probleme - und werde alles tun, dass sie kleiner werden."

Weil das so ist, weil Schulz, der Schulabbrecher, der ehemalige Trinker, der soziale Aufsteiger, das Leben kennt, wie es für die meisten Menschen ist - hart und mühsam -, ausgerechnet deshalb hat der Journalist Gabor Steingart ihm die Kanzlereignung abgesprochen: "Wir besaßen bisher auch keinen Regierungschef ohne Abitur", schrieb Steingart. Und: "Wer gegen die promovierte Physikerin Merkel antritt, deren geistige Ausstattung man imposant nennen darf, muss eine Dachstube mit Innenausbau vorweisen können."

Abgesehen davon, dass unklar bleibt, warum ausgerechnet ein Physikstudium zum Kanzleramt befähigen soll - wenn ein derart realitätsblinder Journalismus die Demokratie zum Trockenbau macht (um in Steingarts Bild zu bleiben), dann wird der Erfolg der Rechtspopulisten zwangsläufig.

In der rechten Revolution ruft sich jetzt ein lange verdrängter Konflikt in Erinnerung. Die SPD weiß, wovon die Rede ist. "Die Vertuschung, die Überbrückung der Gegensätze zwischen Proletariat und bürgerlicher Gesellschaft. Das ist das Streben, das die Männer, die sich Revisionisten nennen, in der Partei haben." August Bebel hat das 1903 in Dresden gesagt. Das neoliberale Gerede von der "Neuen Mitte" und dem "postideologischen Zeitalter", an dem auch die europäischen Sozialdemokraten teilgenommen haben, war ein moderner Revisionismus.

Wenn Martin Schulz aus der SPD wieder eine sozialdemokratische Partei macht, kann er zu einem neuen Kanzler der Einheit werden. An Angela Merkel wird man sich dann als Kanzlerin der Spaltung erinnern.

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