Möglicher Kanzler Schulz Der Tag danach

Was, wenn Martin Schulz die Bundestagswahl gewinnt? Wenn die SPD knapp vor der Union liegt? Dann dürfen sich die Sozialdemokraten möglicherweise eine Koalition aussuchen. Die Szenarien.

Martin Schulz
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Martin Schulz

Von und


Die Gejagten zu sein - das ist ein lange nicht mehr empfundenes Gefühl für die Unionsleute. Angela Merkel schien ja schon auf dem Weg zur ewigen Kanzlerin, Kategorie Kohl. Und nun? Plötzlich ist die SPD mit Martin Schulz wieder da. Schulz macht die Union nervös.

Wie reagieren?

Mehr Offensive. Das wünschen sich Unionspolitiker wie CSU-Mann Markus Söder. Die anderen dagegen raten zur ruhigen Hand, so wie Fraktionschef Volker Kauder: Cool bleiben.

Doch egal, wie man es dreht, eins lässt sich nicht wegwischen: In den Umfragen haben die Sozialdemokraten mit CDU und CSU gleichgezogen, teilweise liegen sie sogar schon knapp vorn. Wer hätte das noch vor ein paar Wochen gedacht? Die SPD ist im Stimmungshoch, die Laune bei der Union im Keller.

Schulz kann Kanzler werden. Merkel wankt.

Ziemlich genau sieben Monate sind es noch bis zur Bundestagswahl am 24. September. Bis dahin mag viel passieren: Schulz kann entzaubert werden, Merkel zu alter Stärke zurückfinden. Jedoch: Der Trend ist derzeit nun mal ein Genosse.

Konkurrenten Schulz, Merkel (im Jahr 2014)
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Konkurrenten Schulz, Merkel (im Jahr 2014)

Was also, wenn die SPD im September tatsächlich vor der Union liegt - vielleicht hauchdünn? Ein bisschen wie bei der Wahl 2005, nur diesmal eben andersherum. Mit wem würde Schulz dann regieren? Und was würde aus Merkel?

Wie also könnte der Tag nach der Wahl aussehen? Dies sind mögliche Szenarien:

  • Verkehrte Welt: Große Koalition unter Schulz

Falls die SPD - wie knapp auch immer - tatsächlich vor der Union läge, wäre eines recht sicher: Neuer Bundeskanzler würde Martin Schulz. Denn da CDU und CSU nicht mit der wahrscheinlich im Parlament vertretenen AfD koalieren wollen und wenn es für eine Jamaika-Koalition mit FDP und Grünen nicht reichte, dann wäre eine Mehrheit gegen die Sozialdemokraten nicht möglich. Würde bedeuten: Große Koalition unter Schulz.

Damit wäre das Kapitel Kanzlerschaft für Angela Merkel nach zwölf Jahren beendet. Dann stellte sich die spannende Frage: Wer folgt ihr in der Partei nach?

Minister von der Leyen, de Maizière
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Minister von der Leyen, de Maizière

Als neue Vorsitzende wären der bisherige Innenminister Thomas de Maizière sowie Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen vorstellbar. Wer von beiden das Rennen macht, der würde auch die Vizekanzlerschaft in einer möglichen rot-schwarzen Koalition übernehmen und könnte Außenminister werden. Die Konservativen in der CDU wünschten sich wohl eher de Maizière, das geschlagene Merkel-Lager würde auf von der Leyen setzen.

Anders als Merkel könnte sich CSU-Chef Horst Seehofer wohl an der Parteispitze halten - keine gute Nachricht für Kronprinz Markus Söder. Seehofer, davon ist auszugehen, würde seine Partei erneut in die Große Koalition führen wollen, wenn auch unter neuen Vorzeichen. Dass er allerdings nach Berlin wechselte? Das wäre unwahrscheinlich, der bisherige Verkehrsminister Alexander Dobrindt könnte hingegen in einer Großen Koalition zum Wirtschaftsminister aufsteigen.

CSU-Politiker Dobrindt, Scheuer, Seehofer
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CSU-Politiker Dobrindt, Scheuer, Seehofer

Aus Seehofers Sicht wären letztlich nur zwei Dinge entscheidend: Erstens müsste die Union weiter (mit)regieren in Berlin, denn der CSU-Chef will bei der Bayern-Wahl im kommenden Jahr unbedingt aus der doppelten Regierungsverantwortung - Bund und Land - heraus antreten. Zweitens würde Seehofer darauf drängen, einen Schlussstrich zu ziehen unter die Merkel-Moderne. De Maizière wäre damit ohne Zweifel der Favorit der Christsozialen für den CDU-Vorsitz.

  • Das Experiment: Schulz schickt die Union in die Opposition

Anstatt einer Großen Koalition könnte es vielleicht auch knapp für eine von der SPD geführte Dreierkonstellation reichen - entweder mit Grünen und Linken oder mit Grünen und FDP, falls die Liberalen die Rückkehr in den Bundestag schaffen. Im Berliner Politsprech: R2G oder Ampel. Eine Jamaika-Koaliton dagegen wäre bei einem schwächeren Ergebnis von CDU und CSU wohl eher nicht möglich.

Grüne Özdemir, Göring-Eckardt
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Grüne Özdemir, Göring-Eckardt

Die Grünen hätten wohl das größte Interesse daran, nach zwölf Jahren Opposition endlich wieder in der Regierung zu landen. Entsprechend offen wären die eigentlich schwarz-grün orientierten Spitzenkandidaten Katrin Göring-Eckardt und Cem Özdemir gegenüber Schulz.

Die Linke dagegen würde sich zurückhaltender positionieren: Der dogmatische Flügel um Spitzenkandidatin Sahra Wagenknecht kann sich wie eh und je auch noch ein paar Jahre in der Opposition vorstellen. Viele Realos im Lager von Co-Spitzenkandidat Dietmar Bartsch dagegen würden die rot-rot-grüne Mehrheit nutzen und regieren wollen. Am Ende könnte alles von inhaltlichen Angeboten der SPD abhängen.

Linke-Spitzenkandidaten Bartsch, Wagenknecht
picture alliance / dpa

Linke-Spitzenkandidaten Bartsch, Wagenknecht

Und die FDP? Die Truppe um Christian Lindner wäre erst mal froh, die Fünfprozenthürde genommen zu haben. Hauptsache wieder im Bundestag. Lindner hätte die Liberalen erfolgreich wiederbelebt. Mitregieren könnte er sich vorstellen, klar. Aber aus der Opposition heraus eine rot-rot-grüne Regierung piesacken? Das würde ihm auch gefallen. Hinzu kommt, dass eine Ampelkoalition aus Sicht der FDP besonders viele Risiken birgt: Die Liberalen wären dabei der kleinste Partner, zudem sind die inhaltlichen Differenzen zur SPD groß.

Schulz dagegen wäre die Ampel wohl die liebste Dreiervariante: kein Stress mit den Linken, zwei zahme Partner. Und ein Ende der ungeliebten Großen Koalition.

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Seite 1
ladozs 28.02.2017
1. Pest oder Cholera?
Als verbitterter SPD-Wähler des vergangenen Jahrzehntes begrüße ich natürlich jede Möglichkeit, das amtierende Gespann Merkel/Schäuble in den unverdienten Ruhestand zu schicken. Alle Alternativen, die sich nach der Wahl eventuell auftun, haben ebenfalls ihre Tücken, der gesunde Menschenverstand wird auf jeden Fall auf der Strecke bleiben. Einen kleinen Vorgeschmack auf kommende Koalitionen dürfen wir derzeit ja schon in Berlin erleben.Aber alles egal, solange Frau Merkel keine aktive Politik in leitender Funktion mehr ausüben darf!
nestor01 28.02.2017
2. Was wäre, wenn....
SPD stärkste Fraktion bedeutet, dass Merkel Geschichte wäre. Das ist die einfachste Variante. Egal ob anschließend Groko oder R2G, die Politik würde sich wenig ändern. Schwierig wird es, wenn CDU/CSU knapp die stärkste Fraktion bildet. Dann bedeutet das noch mal 4 Jahre Stillstand unter Kanzlerin Merkel und in 2021 eine erneute Kanzlerkandidatur von Merkel.
beat126 28.02.2017
3. Wieso Koalition?
Sie soll es als Minderheitsregierung alleine tun. Die Mehrheiten dazu eimal mit den Grünen und den Linken, beim anderen Thema mit der Union suchend. Es braucht keine Koalition. Es kommt dem Regierungssystem der Schweiz am nächsten - ohne Änderung des GG.
schlauchschelle 28.02.2017
4. Dobrindt als Wirtschaftsminister?
Gott bewahre, er hat ja im Verkehrsressort nichts zustande gebracht, was soll da als Wirtschaftsminister werden? 100 Arbeits- & Beraterkreise? Aua :o . Egal, wie man es dreht und wendet, es kommen immer wieder die gleichen, abgehalfterten Gesichter zum Trog. Echte, notwendige Veränderungen sind mit allen da nicht mehr möglich, Stichpunkt Lobbyverpflichtungen...
james.n 28.02.2017
5. Allen Spekulationen zum ...
... Trotz: Die SPD-Rakete Schulz hat in Wahrheit keine Chance auf die Kanzlerschaft, weil es für Rot-rot-grün nicht reichen wird und die Union wieder stärkste Kraft werden wird. Dennoch hätte eine große Koalition unter Führung der SPD ihren unbestreitbaren Reiz, weil wir endlich, endlich, endlich die Ewigkanzlerin los wären.
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