Europareise für den Tierschutz Ein Sommer im Hühnerkostüm

Im Hühner-Outfit durch Europa: Drei junge Britinnen protestieren gegen Massentierhaltung, sie fordern Klarheit für den Verbraucher. 39 Tage soll ihre Tour gehen - so lange wie ein Masthuhn normalerweise leben darf.

Bäuerin Tamsin French: Europareise für die Rechte des Huhns
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Bäuerin Tamsin French: Europareise für die Rechte des Huhns

Von Bianca Maley und


Berlin - Rosa tanzt, gackert und posiert. Ein paar Schaulustige bleiben vor dem Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft stehen und bestaunen das überdimensionale Huhn.

In dem skurrilen Kostüm stecken im Wechsel drei junge britische Frauen: Johanna Olsson, sie studiert Tierzucht. Tamsin French, Freiland-Hühnerbäuerin. Und Tierschutzaktivistin Sam White. Berlin ist die dritte Station ihrer Reise. In der vergangenen Woche haben sie in London begonnen, zuletzt war Amsterdam dran.

Die Gruppe reist im Namen der britischen Initiative "Labelling Matters" . Das Ziel: Hühnerfleisch aus Massentierhaltung soll endlich verlässlich und verpflichtend gekennzeichnet werden. 39 Tage lang fahren die drei Frauen durch Europa. So lang ist die durchschnittliche Lebensdauer eines Masthühnchens. Das Kampagnen-Huhn Rosa ist das Aushängeschild der Aktion. Unter dem Schlagwort #39Days4Rosa kann man Rosas Tour in den sozialen Netzwerken verfolgen.

"Die Verbraucher werden in den Supermärkten durch schöne Etiketten getäuscht", sagt Aktivistin White. "Dabei sind die bunten Verpackungen nur eine romantisierte Version der Realität."

Nur ein Prozent aus Öko-Produktion

"Labelling Matters" setzt darauf, dass sich das Bewusstsein der Verbraucher in der EU verändert hat. Skandale rund um die Fleischproduktion, wie das mit krebserregendem Dioxin belastete Futtermittel für Hühnchen, haben ihren Teil dazu beigetragen. In Deutschland war Mitte April bekannt geworden, dass unter dem Neuland-Siegel über Jahre konventionell produziertes Geflügelfleisch verkauft wurde.

Die Initiative stützt sich auf eine Studie des Umfrageinstituts "Qa Research", nach der mehr als 80 Prozent der befragten EU-Bürger eine Kennzeichnung von Geflügelfleisch aus Massentierhaltung befürworten würden. EU-weit muss die Herkunft von Eiern transparent nachvollziehbar sein, für Hühnerfleisch gilt das nicht.

Über die Lebensbedingungen der meisten Tiere erfährt der Verbraucher wenig. Deutschland ist nach Frankreich der zweitgrößte Erzeuger von Geflügelfleisch in der EU. Etwa 701 Millionen Tiere werden jährlich geschlachtet, davon stammt nur etwa ein Prozent aus ökologischer Erzeugung.

"Klare Informationen auf der Packung"

Den jungen Britinnen im Hühnerkostüm geht der Tierschutz in Europa nicht weit genug. Sie fordern von der EU-Kommission: Verbraucher müssen deutlicher darüber informiert werden, wenn sie Geflügel aus weniger tierfreundlichen Betrieben kaufen. "Wir wollen, dass Verbraucher beim Fleischkauf erkennen können, wie das Huhn gehalten wurde. Das geht nur mit klaren Informationen und Kennzeichnung auf den Verpackungen", erklärt French.

Vor dem Ministerium in Berlin bekam Kampagnen-Huhn Rosa am Montag sogar Unterstützung von einem Hahn. Ein Mitarbeiter der Albert-Schweitzer-Stiftung schlüpfte für die Aktion in das Kostüm, die Initiative unterstützt "Labelling Matters" von Deutschland aus.

Am Dienstag geht die Reise weiter nach Kopenhagen, am 8. September erreicht sie Brüssel. Dort wird die Kennzeichnung von Hühnerfleisch aus Massentierhaltung nach zweijähriger Pause erneut beraten. Im Gepäck hat die Kampagne eine Petition für EU-Gesundheitskommissar Tonio Borg.



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