Streit über Kritik an Israel Historiker geißelt Grass-Gedicht als Hassgesang

Günter Grass bemüht sich, seine Kritik an Israel zu relativieren. Doch das Echo bleibt verheerend. Historiker werfen ihm vor, "ein erbärmliches Gedicht" verfasst zu haben. Schriftstellerkollege Rolf Hochhuth sagt, er schäme sich als Deutscher für Grass.
Schriftsteller Günter Grass in seinem Atelier in Behlendorf: "Ich bin enttäuscht"

Schriftsteller Günter Grass in seinem Atelier in Behlendorf: "Ich bin enttäuscht"

Foto: Marcus Brandt/ dpa

Hamburg - Der Mann ist gekränkt. Er habe zwar mit heftigen Reaktionen gerechnet, sagte Günter Grass der "Süddeutschen Zeitung". Doch nicht damit, dass ihm wegen des Israel-kritischen Gedichts Antisemitismus vorgeworfen werde. "Darüber bin ich enttäuscht."

In seinem Gedicht wirft der Schriftsteller der israelischen Regierung vor, mit ihrer Iran-Politik den Weltfrieden zu gefährden. Dabei geht es vor allem um die Möglichkeit eines Präventivschlags Israels gegen iranische Atomanlagen. Grass sagte nun der "SZ", wenn er das Gedicht noch mal schreiben würde, würde er "den pauschalen Begriff Israel vermeiden und deutlicher machen, dass es mir um die derzeitige Regierung Netanjahu geht". Diese kritisiere er, weil sie Israel immer mehr Feinde schaffe und das Land isoliere.

Auch wenn Grass versucht, seine Äußerungen zu relativieren: Die Wucht der Kritik kann er nicht nachvollziehen, empfindet sie gar als unfair. Doch auch am vierten Tag nach der Veröffentlichung des Gedichts ist das Echo verheerend. Der Schweizer Historiker Raphael Gross bezeichnete die Verse als "Hassgesang". Man könne Grass aber nicht so leicht als Antisemiten zu bezeichnen, schreibt Gross in einem Gastbeitrag für die "Berliner Zeitung". Denn schließlich sei der aus dem 19. Jahrhundert stammende Begriff von Anfang an äußerst unklar gefasst gewesen. "Heute gibt es nur noch wenige Menschen, die ihren Judenhass offen als Antisemitismus bezeichnen würden und die, die es tun, sind meist politisch irrelevant", schrieb Gross.

Der Leiter des Leo-Baeck-Instituts in London sowie des Jüdischen Museums Frankfurt am Main verwies darauf, dass aus der NS-Zeit stammende moralische Urteilsformen weiter wirkten. "Diese schreckliche Mentalität - nicht der offene Antisemitismus des 19. Jahrhunderts, diese direkt aus dem Nationalsozialismus in Deutschland zwischen 1933 und 1945 erwachsene 'Moral der Volksgemeinschaft' ist es, deren Echo wir leider immer und gar nicht so selten hören, wenn wir der Generation von Grass nur genau zuhören", so Gross.

"Hordenjournalismus gegen mich"

Auch der israelische Historiker Tom Segev wiederholte seine Kritik an Grass, die er gegenüber SPIEGEL ONLINE am Mittwoch geäußert hatte. Er warf dem Literatur-Nobelpreisträger vor, seine Kritik an Israel sei substanzlos. Auch habe Grass keineswegs ein Tabu gebrochen, indem er das israelische Kernwaffen-Arsenal thematisiere. In Israel werde seit Monaten über einen präventiven Militärschlag diskutiert, "Grass fügt dem nichts hinzu", schreibt Segev in der "Berliner Zeitung".

Auch er nimmt Grass gegen den Vorwurf des Antisemitismus in Schutz. "Sie haben ein ziemlich erbärmliches Gedicht geschrieben", wandte sich Segev direkt an Grass, "aber Sie sind nicht antisemitisch. Sie sind nicht einmal anti-israelisch."

Heftiger attackierte der Dramatiker Rolf Hochhuth Grass im "Münchner Merkur". Ebenfalls direkt an Grass gewandt schreibt Hochhuth, er schäme sich "als Deutscher Deiner anmaßenden Albernheit, den Israelis verbieten zu wollen, ein U-Boot deutscher Produktion zu kaufen".

In Iran hat erstmals auch ein Mitglied der Regierung das Grass-Gedicht offiziell gelobt. Vize-Kulturminister Dschawad Schamakdari schrieb dem "bedeutenden Schriftsteller", er habe "die Wahrheit gesagt". Er hoffe, die Kritik werde "das eingeschlafene Gewissen des Westens aufwecken", so Schamakdari in dem Brief, der in iranischen Medien zitiert wurde.

Grass selbst versucht indes, in der "SZ" zu erklären, was er mit seinem Vorwurf einer "Gleichschaltung der Meinung" sagen wollte. Es gebe einen Hordenjournalismus gegen ihn, klagte er. "Ich bin entsetzt, wie 30-, 35- und 40-jährige Journalisten, die das Glück gehabt haben, in einer langen Friedensperiode aufzuwachsen, über einen Mann urteilen, der im Alter von 17 Jahren in die Waffen-SS gezogen wurde, sich nicht freiwillig gemeldet hat." Diese Kritik komme von einer Generation, "die von ihren Freiheitsrechten viel zu wenig Gebrauch macht".

cte/AFP/dapd
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