Matthias Platzeck Der Meister des Übergangs

Er hätte Außenminister werden können, aber er wollte in Brandenburg bleiben. Nun wird Matthias Platzeck SPD-Chef - und darf sogar auf eine Kanzlerkandidatur hoffen. Er selbst hätte sich nie zum Enkel Willy Brandts ausgerufen. Aber nun ist er doch einer geworden.

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Matthias Platzeck, 51, steht im Lichthof des Willy-Brandt-Hauses in Berlin-Kreuzberg. Neben ihm ragt die überlebensgroße Bronzeplastik des großen Vorsitzenden ins Atrium, in dem der Ministerpräsident Brandenburgs die Gäste begrüßt.

Ministerpräsident Platzeck (im Wahlkampf 2004): "Sinnvolles für mein Leben eingefallen"
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Ministerpräsident Platzeck (im Wahlkampf 2004): "Sinnvolles für mein Leben eingefallen"

Eine seltsame Übergangsgesellschaft hat sich an diesem nasskalten Oktobertag zusammengefunden, um die verstorbene SPD-Ikone Regine Hildebrandt zu ehren. In der ersten Reihe sitzen der Ossi und Noch-Minister Manfred Stolpe und der Wessi und Noch-SPD-Generalsekretär Klaus Uwe Benneter. Auf dem Podium wartet der Hildebrandt-Biograf Hans-Dieter Schütt, der bis 1989 im FDJ-Blatt "Junge Welt" gegen die Klassenfeinde hetzte.

Dem Gastgeber sind Übergänge vertraut, nicht zufällig hängt in seinem Potsdamer Amtszimmer ein Foto der Glienicker Brücke, über die er in der Nacht der Maueröffnung gen Westen lief. Platzeck war Naturwissenschaftler und ist nun Politiker, er war DDR-Bürger und ist nun in der Bundesrepublik angekommen, er war Protagonist der Grünen im Osten und zählt inzwischen zu den einflussreichsten SPD-Mitgliedern.

Wohl deshalb wirkt es nicht widersprüchlich, wenn er "der Regine" nachtrauert und gleichzeitig vor "Verklärung" warnt, vom "sozialdemokratischen Glaubensbekenntnis" spricht und im selben Atemzug für die "Reform der sozialen Sicherungssysteme" plädiert. Und es erklärt, warum sein Name plötzlich mit so vielen Erwartungen verbunden wird - schließlich ist die SPD zu einer einzigen Übergangsgesellschaft geworden. Noch-Kanzler Gerhard Schröder wollte ihn zum Außenminister machen, mit der Option auf die nächste Kanzlerkandidatur. Dann sollte er stellvertretender SPD-Vorsitzender werden, selbstverständlich mit derselben Aussicht. Seit gestern Abend steht fest: Matthias Platzeck will der neue starke Mann der SPD werden. Nach einem Treffen mit SPD-Spitzenpolitikern, darunter auch Kurt Beck, erklärte Platzeck, er bewerbe sich für das Amt des Parteivorsitzenden. Für seine Kandidatur habe er die Unterstützung aller Landesverbände.

15 Jahre gehört Platzeck schon zum politischen Betrieb, der nach westdeutschen Regeln funktioniert. Dass er, der nach eigenem Bekunden "kein Parteimensch" war und sich einst als "Rot-Grüner mit konservativen Zügen" beschrieb, es so weit gebracht hat, ist durchaus auch Ergebnis seines geschickt verborgenen Ehrgeizes. Platzeck hat einfach konsequent den Rat seines Vaters befolgt: "Wenn du schon in eine Partei eintrittst, dann versuche, ihr Vorsitzender zu werden." Er wurde Minister, Oberbürgermeister in Potsdam, dann Landeschef der SPD in Brandenburg und schließlich Ministerpräsident.

Doch er hat sich angepasst, ohne eingepasst zu wirken. Auch auf der nächsten Karriereebene will er verhindern, dass die Politik komplett von ihm Besitz ergreift. Ihm sei "bis zum 35. Lebensjahr etwas Sinnvolles für mein Leben eingefallen", erklärt er, da wolle er auch künftig "kein Abhängiger sein, der sich nichts anderes als Politik mehr vorstellen kann". Auch deshalb hat er "der Versuchung" widerstanden, Außenminister zu werden.

Dass er sich seinen "Wählern und Brandenburg" verpflichtet fühlte, hat ihn davor bewahrt, noch mehr von seinem Innenleben preisgeben zu müssen. Das "Provinz-Ei", wie sich Platzeck wenige Tage vor der Bundestagswahl halb scherzhaft bezeichnete, ist Märker durch und durch. Seine Lebensgefährtin, ein paar Freunde, seine drei Töchter, sein Kiez in Potsdam-Babelsberg - das ist die kleine Welt, aus der er nicht entwurzelt werden mag.

Das hat den derart geerdeten Brandenburger aber nie gehindert, zielstrebig Karriere zu machen, mitunter ziemlich ruckartig. Die Aufgaben, sagt er, seien immer auf ihn zugekommen, seit Herbst 1989. Der grüne und bürgerbewegte Platzeck war in den Wendetagen vom Runden Tisch als Minister ohne Geschäftsbereich in das Kabinett von DDR-Premier Hans Modrow entsandt worden. Im Februar 1990 widersprach er dem reichen Bruder aus dem Westen, da fuhr Helmut Kohl seinen Gast Modrow an, wer denn der Referent an seiner Seite sei. Blauäugig, sagt er heute, sei er damals gewesen. Aber er hat daraus gelernt.

Als ihn, kaum war er Minister in der Ampelkoalition von Manfred Stolpe, die Kollegen Umweltminister aus dem Westen in die Polit-Rituale einführen wollten, hörte er zu - und folgte den Ratschlägen nur selten. Bis zehn Uhr morgens, so lautete einer der Ratschläge, müssten die Agenturen neue Nachrichten aus seinem Bereich melden, dann werde er schon ernst genommen. Er könne, freut sich Platzeck, "noch immer an einem Mikro vorbeigehen, ohne reinzusprechen". Eine Laune der Natur, das Oder-Hochwasser 1997, machte ihn dann als "Deichgraf" bundesweit bekannt.

Der leise Weg durch die Institutionen brachte ihm immer wieder den Vorwurf der Profillosigkeit ein. Nur symphatisch zu sein, ärgerten sich Weggefährten, reiche nicht aus, Platzeck stehe für kein einziges politisches Thema und lasse der Konkurrenz viel zu viel Raum. In der Großen Koalition, die Platzeck seit Juni 2002 in Potsdam führt, träumte sein Stellvertreter, Innenminister Jörg Schönbohm (CDU), bereits vom Einzug in die Staatskanzlei.

Erst im Landtagswahlkampf im vergangenen Jahr gewann Platzeck politisches Profil. Seine Genossen im Bund hatten die Arbeitsmarktreform auf den Weg gebracht, und er stand auf den Marktplätzen seines Landes und musste sich dafür beschimpfen lassen. Als die ersten Eier flogen, rieten ihm Vertraute, nicht mehr auf frei zugänglichen Plätzen zu reden. Da schaltete der Mann der leisen Töne um: Er bekannte sich offen und energisch zu den Reformen, trat mit dem Kanzler auf, als viele zu dem auf Distanz gingen. So wurde seine märkische SPD doch noch stärkste Partei Brandenburgs und ihr Frontmann einer der engsten Vertrauten des Kanzlers. Lange vor anderen weihte Schröder seinen Potsdamer Lieblings-Eleven ("Matthias, ich danke dir für deine Freundschaft") in seine Neuwahlpläne ein.

Instinktsicher ließ Platzeck sich jedoch nie komplett in die Rolle des Kronprinzen drängen, erfüllte keineswegs alle Wünsche des Kanzlers nach gemeinsamen Auftritten. Fünf Tage vor der Wahl aber stand er dann wieder mit Schröder gemeinsam auf der Bühne, im gutbesuchten Lustgarten seiner Heimatstadt Potsdam. Mit knirschendem Kiefer verfolgte ein abgekämpfter Schröder die ungewöhnlich kraftvolle Rede Platzecks, der gegen Union und Linkspartei gleichermaßen polemisierte. Dann ging Schröder auf ihn zu, und für einen Moment schien es, als wollte er ihn nie wieder loslassen, so sehr klammerte er sich an Platzeck.

Der aber hatte schon zu diesem Zeitpunkt beschlossen, nach der Wahl in keinem Fall nach Berlin zu wechseln. Er wolle, machte er den Genossen im Willy-Brandt-Haus klar, "erst in Brandenburg etwas bewegen", nicht vor 2007 gehen. Die Frage, ob er nachträglich in ein Bundeskabinett wechseln würde, beantwortete Platzeck auf seine Weise zweideutig: "Ich bin nicht Jesus." Eigentlich wollte er nur sagen, dass er kein Prophet sei. Unfreiwillig gab er damit aber auch zu, welchen Druck er spürt.

Ob er sich tatsächlich zutraut, ganz in die Bundespolitik zu wechseln? "Ich habe immer so viel Freude an dem, was ich gerade tue", wehrt er ab, "dass ich nicht über die nächsten Schritte nachdenken muss."

Gestern Abend, nach den Beratungen mit den SPD-Spitzen, sagt er, auch wenn er SPD-Chef werde, wolle er Regierungschef in Brandenburg bleiben.

Zurzeit pendelt er ständig zwischen Potsdam und Berlin, Koalitionsausschuss, SPD-Präsidium und, klar, auch Kungelrunden. Regiert, sagt ein Vertrauter, wird Brandenburg derzeit aus dem Auto. Platzeck ist mittendrin im Getümmel. Doch ein Stück Distanz bleibt immer, ein Abstand, den wohl nur einer bewahren kann, der schon einmal ein ganz anderes Leben mit einem ganz anderen Tempo geführt hat.

"Echten Raubbau" habe er die Jahre seit der Wiedervereinigung mit seinen Kräften betrieben, sagt Platzeck, gescheiterte Beziehungen inbegriffen. Und mitunter plage ihn schon die Sorge, dass "der Brunnen, aus dem man schöpft, plötzlich versiegt".

Es gibt Tage, da wird ihm klar, wie sehr sich sein Leben verändert hat. Vergangenen Mittwoch gab es so einen Moment. Da stand er bei der Jubiläumsfeier der Bundeswehr vor dem Reichstag. Er, der als Pazifist Bundesbürger wurde und den hellen Mantel wie eine Schutzkleidung trug, umzingelt von Leuten in dunklen Uniformen, angestrahlt von Fackeln. In diesem Augenblick habe er daran denken müssen, welch gemischte Gefühle ihn am 3. Oktober 1990 bewegt hatten, als die Nationalhymne erklang und am Reichstag die schwarz-rot-goldene Fahne gehisst wurde. Damals sei das weder seine Hymne gewesen, sagt er, noch sein Land. Nun, beim Großen Zapfenstreich, sei ihm bewusst geworden, dass diese Bundesrepublik "komplett mein Land ist - und trotz aller Schwächen ein tolles Land".



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