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Mauer-Gedenkstätte Häuserkampf im Todesstreifen

Die Bernauer Straße steht für die Grausamkeit des DDR-Grenzregimes. Nun baut der Senat sie zur zentralen Berliner Mauer-Gedenkstätte aus. Die Anwohner fürchten Touristen, die durch ihre Gärten stolpern, reden schon von einer zweiten Enteignung - und wettern gegen das Mauer-Marketing.

Berlin - Die Menschen wollen nur noch weg. Sie klettern aus den Fenstern, springen in die Freiheit. Die Häuserfront im Osten, der Bürgersteig schon Westen. Wenn sie Glück haben, ist die West-Berliner Feuerwehr mit dem Sprungtuch da. Es sind diese Szenen, die sich eingebrannt haben ins kollektive Gedächtnis.

Bernauer Straße, 13. August 1961, Mauerbau. Die Frontlinie der Systeme.

Hier, an der Grenze der Bezirke Wedding (West) und Mitte (Ost), findet die Mauer ihre ersten Opfer. Hier flieht DDR-Grenzpolizist Conrad Schumann über den Stacheldraht, weltberühmt das Bild seines Sprungs. Hier treiben die Menschen Fluchttunnel durch den Untergrund.

Und hier ringt Berlin genau 50 Jahre später ums richtige Gedenken - über die Mauer und ihre Toten. Die Stadt hat die Bernauer Straße zum zentralen Erinnerungsort erkoren, gut 500.000 Besucher kommen schon jetzt jedes Jahr, Tendenz steigend. Der Mauer-Tourismus boomt. Es gibt eine 70 Meter lange Original-Grenzanlage mit Mauer, Todesstreifen und Wachturm zu besichtigen; weitere Mauerreste werden derzeit konserviert. "In gewisser Weise sorgen wir dafür, dass die Mauer noch in 100 Jahren stehen wird, wie Honecker es im Frühjahr 1989 sagte", so Alexander Klausmeier, der Direktor der Gedenkstätte.

Neubauten im Ex-Todesstreifen

Willy Brandt warb schon einen Tag nach dem Mauerfall im November 1989 dafür, "ein Stück von jenem scheußlichen Bauwerk" als "geschichtliches Monstrum" stehen zu lassen. Viel ist davon heute in Berlin allerdings nicht mehr zu sehen. "Die Mauer muss weg!" - dieser Ruf wurde in den ersten Jahren nach der Wende rasch und auf ganz praktische Weise umgesetzt.

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Leid, Champagner, Stacheldraht: Die Mauer in 33 Bildmomenten

Foto: UPI/ picture-alliance/ dpa

Nun geht das Konzept der Stadt über Mauerreste hinaus. Auf rund eineinhalb Kilometern Länge erstrecken sich die einzelnen Teile der Gedenkstätte entlang der Bernauer Straße, bis 2012 soll alles fertig sein. Da sind die Grundmauern der in den achtziger Jahren vom SED-Staat für ein freies Schussfeld gesprengten Versöhnungskirche. Man hat die Keller der abgerissenen Häuser freigelegt. Und schließlich ist auch die Mauer gewissermaßen wiederauferstanden: 3,60 Meter hohe Streben aus rostigem Stahl ziehen den Verlauf des Bauwerks über Hunderte Meter in der Bernauer Straße nach.

Und dann ist da noch dieser Postenweg.

Um dieses schmale, bröckelige Asphaltband, auf dem früher die Grenzer im NVA-Trabant ein paar Meter hinter der Mauer patrouillierten, ist ein massiver Streit zwischen Stadt und Anwohnern entbrannt. Eine Auseinandersetzung, die die groß angekündigte Gedenkfeier zum 50. Jahrestag des Mauerbaus zu überschatten droht. Es ist ein Streit ums richtige Erinnern - und um Gärten.

Heiner Legewie steht im knallroten Poloshirt auf der Dachterrasse eines fünfstöckigen Neubaus im ehemaligen Todesstreifen. Man kann von hier aus die Stelle sehen, an der der Grenzpolizist Schumann in den Westen gesprungen ist. Und direkt links neben dem Haus, das Legewie erst vor zwei Jahren mit einer Baugemeinschaft errichtet hat, verlief der berühmteste Fluchttunnel, 29 Menschen entkamen hier im September 1962 der DDR. "Wir fanden es spannend, hier zu bauen", sagt der pensionierte Psychologie-Professor Legewie.

Streit um das richtige Erinnern

Nun aber will die Stadt den ehemaligen Postenweg für Besucher öffnen. Das Problem: Er geht mitten durch Legewies ohnehin knapp bemessenen Garten. Auch andere sind betroffen. "Hier wurde schon einmal enteignet. Und jetzt soll wieder enteignet werden", sagt der 74-Jährige. Und: Weil hinterm Garten, also im früheren Todesstreifen zwischen Postenweg und Mauer, Häuser mit sieben Stockwerken gebaut werden sollen, fürchtet Legewie eine "dunkle Häuserschlucht", eine neue "Wohnbeton-Mauer". Bis zu 200.000 Touristen würden dann wohl pro Jahr an seinem "Restgarten vorbeidefilieren". All das werde weder den Bedürfnissen der Anwohner gerecht, noch vertrage es sich mit einem "würdigen Mauergedenken". Denn das, so betont er, sei auch sein Ziel.

Legewie und seine "Anwohnerinitiative" verteilen kleine graue Hochglanz-Flyer im Viertel: Der Regierung drohe "eine Blamage, die dem Gedenken nicht würdig ist", warnen sie darauf die Stadt: "Anwohnerproteste, juristische Klagen und irritierte Touristen wären dann fester Bestandteil der Feierlichkeiten." Gedenkstätten-Direktor Klausmeier zeigt sich gesprächsbereit, stellt aber fest: Es sei jenen, die in den letzten Jahren ins Gebiet der Bernauer Straße gezogen seien, bewusst gewesen, "dass es sich um einen historischen Ort handelt".

Nun setzen Berliner Regierung und der Direktor Klausmeier auf ein Vermittlungsverfahren: "Wir sind mit den Anwohnern im Gespräch, seit Juni läuft die Mediation", sagt Mathias Gille, Sprecher des Berliner Bausenats. "Messbare Fortschritte" jedoch gebe es bisher nicht. Klar aber sei: "Wir wollen niemanden enteignen. Das kann gerade an diesem historischen Ort nicht unser Ziel sein." Basis für ein Ergebnis sei erst einmal gegenseitiges Verständnis. "Deshalb muss eine Verwaltung immer auch auf die Bürger zugehen. Am Ende wird es ein Nehmen und Geben sein", sagt Gille voraus.

Anwohner trauen den Offerten der Stadt nicht

Mancher Anwohner traut den Offerten nicht. Einerseits sei man in der Vermittlung, andererseits erteile die Verwaltung ja bereits Baugenehmigungen für neue Häuser an der Bernauer Straße, sagt Volkmar Nickol. Der Architekt und gebürtige West-Berliner ist vor gut zehn Jahren in einen Altbau direkt hinter der einstigen Grenze gezogen. Jetzt macht er in Legewies Initiative mit - und wirft der Stadt vor, Unvereinbares zu wollen: Gedenkstätte und Wohngebiet gleichermaßen.

Nickol dagegen schlägt ein "Wohngebiet mit Spuren aus der Zeit der Teilung" vor, etwa mit niedrigeren Neubauten. Kritisch sieht der Architekt auch die neuen Elemente der Gedenkstätte: die Stahlstreben oder den aus rostigen Eisenteilen stilisierten Wachturm. So werde die Mauer ästhetisiert, sie werde "zur Marke im internationalen Wettkampf um Marktanteile am Tourismusmarkt". Der "Mythos Bernauer Straße" degeneriere zum Marketingargument, sagt Nickol.

Doch ist es nicht gerade jener Mythos, der Nachgeborenen das ganze Grauen des DDR-Grenzregimes vor Augen führt?

Ginge es nach Berlins früherem Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen (CDU), dann würde an der Bernauer Straße noch mehr stehen als ein paar Mauerreste und Stahlstreben. Diepgen würde, so hat er jüngst gesagt, einzelne Mauerabschnitte sogar wieder aufbauen lassen - "und damit Geschichte erlebbar machen".

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