30 Jahre Mauerfall Zehntausende Menschen feiern am Brandenburger Tor

DDR-Rockklassiker, Westbam und der Bundespräsident: Am Abend haben die großen Feierlichkeiten zum 30. Jahrestag des Mauerfalls vorm Brandenburger Tor begonnen. Steinmeier pries in seiner Rede "die Mutigen der DDR".

Feierlichkeiten zum 30. Jahrestag des Mauerfalls am Brandenburger Tor, Berlin
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Feierlichkeiten zum 30. Jahrestag des Mauerfalls am Brandenburger Tor, Berlin


Mit einem Klassiker der DDR-Rockmusik hat die Bühnenshow am Brandenburger Tor zum 30. Jahrestag des Mauerfalls begonnen. Sänger Dirk Michaelis präsentierte am Samstagabend vor Zehntausenden von Zuhörern rund um das Berliner Wahrzeichen seine Rockballade "Als ich fortging". Der im Jahr des Mauerbaus in Chemnitz geborene Sänger und frühere Frontmann der Rockband Karussell hatte das Lied schon als Jugendlicher komponiert und 1987 veröffentlicht.

Die Zeile "Nichts ist unendlich, so sieh das doch ein" bezogen in den letzten Monaten der DDR viele auf die politischen Entwicklungen im Land und auf die Tausenden von DDR-Bürger, die ihm den Rücken kehrten und in den Westen gingen. Das Lied gilt seitdem als "Wendehymne".

Auf dem Programm der Bühnenshow stehen am Abend noch zahlreiche weitere Künstlerinnen und Künstler, darunter die Sängerin Anna Loos, der Dancehall-Act Trettmann sowie die Hip-Hop-Gruppe Zugezogen Maskulin. Die Staatskapelle Berlin unter der Leitung von Daniel Barenboim soll Ludwig van Beethovens "Schicksalssinfonie" spielen.

Die erste Rede des Abends hielt Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD). "Populisten, die Hass und Hetze verbreiten, greifen unser Zusammenleben ganz kalkuliert an (...)", sagte Müller. "Wir dürfen sie nicht gewähren lassen, sondern müssen entschieden für unsere Werte eintreten." Es gebe "das unschätzbare Glück", in einem freien und demokratischen Land zu leben.

Gedenken an die Reichsprogromnacht

Im Anschluss sprach Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Er betonte, die Mauer sei nicht einfach gefallen - die friedlichen Revolutionäre hätten sie eingerissen. Die "Mutigen in der DDR" hätten Geschichte geschrieben, dafür könnten die Deutschen ihnen auch 30 Jahre später "nicht dankbar genug sein". Er wünsche sich, "dass wir etwas von dem Mut, der Zuversicht und dem Selbstbewusstsein jener Tage des Mauerfalls in unsere Zeit heute holen".

In den vergangenen Jahren, so Steinmeier, seien quer durchs Land nämlich neue Mauern entstanden: "Mauern aus Frust, Mauern aus Wut und Hass. Mauern der Sprachlosigkeit und der Entfremdung", sagte Steinmeier vorm Brandenburger Tor. "Reißen wir diese Mauern endlich ein!" Für den Zusammenhalt könne jeder und jede im Land etwas tun, appellierte der Bundespräsident.

In seiner Rede gedachte er auch der Reichsprogromnacht am 9. November 1938. "Spätestens, allerspätestens nach dem Anschlag von Halle" hätten hoffentlich alle in diesem Land begriffen, dass der Kampf gegen Rassenhass und Antisemitismus nicht vergehe, mahnte Steinmeier.

Die Zahl der Gäste war nach Veranstalterangaben aus Sicherheitsgründen auf 100.000 beschränkt. Den Abend beschließen soll eine Aftershow-Party mit DJ Westbam sowie ein großes Feuerwerk.

hpi/dpa

insgesamt 48 Beiträge
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Seite 1
Sensør 09.11.2019
1. Steinmeyers Beschwichtigungen
Nachdem die Ostbürger vom allerübelsten von der BRD ausgenommen, abgezockt und gedemütigt wurden, wird nun ihr Mut gewürdigt, sich vom Westen überrumpeln zu lassen. Na dann meinen Herzlichsten. DIe finaziellen Gewinner im Westen haben wirklich einen Grund zum feiern.
Heliumatmer 09.11.2019
2. Beginn der Einheit mit einer kapitalen Lüge
Spätestens jetzt ist ja wohl klar, dass der dritte Oktober als Termin auf einer großen Lüge aufgebaut ist, von Helmut Kohl. Nach seiner Vorgabe durfte im Wahlkampf nicht von Steuererhöhungen gesprochen werden, aber von blühenden Landschaften, er wollte wieder gewählt werden. Ohne Mauerfall hätte er aber keinerlei Chancen gehabt. Deshalb musste die Einheit so früh wie möglich stattfinden, also nicht, wie es geschichtlich korrekt gewesen wäre, am 9. November (da gibt es gleich 3 geschichtlich wichtige Vorkommnisse), sondern 35 Tage früher, da jeder, der in dieser Zeit in die ehemalige DDR gefahren wäre, seine kapitale Lüge sofort gesehen hätte. Er hatte Angst, dass es ihm nicht reicht. Angst, nicht wieder gewählt zu werden, im Moment virulent bei Trump, ist keine Voraussetzung für gutes Regieren. Die Intention des Machterhalts hat bis heute ihre sehr negativen Spuren hinterlassen. Unter Anderem wurden neue Mauern errichtet, weil die alten nicht ehrlich genug eingerissen wurden.
stefan taschkent 09.11.2019
3. Nur so?
Vielleicht geht das nur mir so, aber ich empfinde dieses Veranstaltungskonzept in seiner Abfolge von Retro/Oldie-Musik, gewichtige Rede und Betroffenheitslyrik von PolitikerInnen und BetroffenInnen ABC, danach wieder Mugge als wiederholt und angestaubt und einem solchen Tage im Grunde unwürdig. Kann man sich da nichts Besseres einfallen lassen? Sowas krieg ich doch bei jeder Provinz-Veranstaltungsagentur (no offense) als Standardpaket mit Skonto.
Peter A. M. K. Lublewski 09.11.2019
4. Wenn man gleich alles haben will,
Zitat von SensørNachdem die Ostbürger vom allerübelsten von der BRD ausgenommen, abgezockt und gedemütigt wurden, wird nun ihr Mut gewürdigt, sich vom Westen überrumpeln zu lassen. Na dann meinen Herzlichsten. DIe finaziellen Gewinner im Westen haben wirklich einen Grund zum feiern.
wofür die Bundesbürger 40 Jahre haben arbeiten müssen und das nicht sofort bekommt, fühlt man sich ausgenommen, abgezockt und gedemütigt? Das Gejammer hört wohl nie auf.
canario2018 09.11.2019
5.
Zitat von SensørNachdem die Ostbürger vom allerübelsten von der BRD ausgenommen, abgezockt und gedemütigt wurden, wird nun ihr Mut gewürdigt, sich vom Westen überrumpeln zu lassen. Na dann meinen Herzlichsten. DIe finaziellen Gewinner im Westen haben wirklich einen Grund zum feiern.
Als wenn die Ostbürger nicht gewonnen hätten...Für die meisten der damals in der DDR lebenden Menschen hat sich die Situation verbessert, gewonnene Freiheit, Möglichkeiten zur Eigeninitiative und Übernahme von Selbstverantwortung. Sicher haben die Einkommen noch nicht gleichgezogen mit dem Westteil der Republik. Dafür sind die Mieten im Osten deutlich niedriger und die weiteren Lebenshaltungskosten auch. Ich als sogenannter (gebürtiger) Westler lebe in Chemnitz. Sie können gerne eine annähernd gleichgroße Stadt mit vergleichbaren Strukturproblemen in West-Deutschland vergleichen...die Unterschiede hinsichtlich Wohnungsmieten und Lebensmittelpreisen liegen auf der Hand.
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