Mecklenburg-Vorpommern Aufstieg aus dem Nichts

Viel Sonne, lange Strände und ein bisschen Schiffsbau: Wirtschaftlich bot Mecklenburg-Vorpommern lange Zeit kaum etwas. Doch jetzt gibt es Erfolgsmeldungen aus dem Land an der Ostseeküste - der stille Aufstieg eines Sorgenkindes.

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Schwerin - Dass er in diesem Moment lächelt, ist schon eine ganze Menge für den Ministerpräsidenten von Mecklenburg-Vorpommern. Harald Ringstorff hat eben ein Zitat von Otto von Bismarck wiedergegeben: "Wenn die Welt untergeht, so ziehe ich nach Mecklenburg, denn dort geschieht alles 50 Jahre später." Es ist ein leises Lächeln.

Ringstorff, 68, studierte zu DDR-Zeiten Chemie, seine Promotion untersuchte den "neuartigen Einsatz der stationären Quecksilberelektrode". Er gilt als bedächtiger Mann, nicht unfreundlich, eher spröde. Vielleicht ist Ringstorff auch ein typischer Vertreter jenes etwas unterkühlten Menschenschlags, den man in Mecklenburg-Vorpommern häufig antrifft.

Mecklenburg-Vorpommern wird unterschätzt

Ziemlich sicher ist, dass Harald Ringstorff gerne unterschätzt wird. Und mit ihm sein Bundesland.

Abgeschrieben war Mecklenburg-Vorpommern. Ja, die Strände. Die Sonne. Ein bisschen Schiffsbau. Aber sonst? Mit Brandenburg die höchste Arbeitslosigkeit im Osten, gleichzeitig Spitze bei der Abwanderung junger und qualifizierter Frauen und Männer. Ein Haushaltspolitiker der Großen Koalition im Bund sagte noch vor einem Jahr: "Mecklenburg-Vorpommern ist doch schlicht nicht lebensfähig."

Und nun, die Herbstsonne strahlt mit aller Macht durchs Fenster, sitzt Ringstorff in seinem geräumigen Arbeitszimmer im ersten Stock der Schweriner Staatskanzlei und lässt den Bismarckschen Spruch noch ein wenig nachhallen. Ziemlich souverän wirkt das.

Anstieg des Bruttoinlandsprodukts im ersten Halbjahr 2007 in Prozent
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Anstieg des Bruttoinlandsprodukts im ersten Halbjahr 2007 in Prozent

Die Selbstironie kann sich der SPD-Ministerpräsident leisten, weil sich Mecklenburg-Vorpommern berappelt. Gerade hat er - im Beisein der Kanzlerin - die neue Brücke von Stralsund zur Insel Rügen eröffnet, es ist die längste Deutschlands. In Parchim haben chinesische Investoren vor kurzem einen internationalen Frachtflughafen eröffnet. Und vor wenigen Wochen durfte zum Tag der Einheit der Rest Deutschlands erleben, wie hübsch die Landeshauptstadt Schwerin ist.

Es gibt auch Zahlen, die Ringstorffs neues Selbstbewusstsein belegen. Nicht so sehr die sinkende Arbeitslosigkeit alleine, denn überall im Osten entstehen neue Jobs. Aber mit zwei anderen Kennziffern hat man positiv überrascht: Zunächst gelang es der rot-schwarzen Landesregierung 2006, einen Haushalt ohne neue Schulden vorzulegen - als zweites unter den Ost-Ländern nach dem ewigen Primus Sachsen. Und Ende September wurde bekannt, dass Mecklenburg-Vorpommerns Wirtschaft im ersten Halbjahr 2007 um vier Prozent gewachsen ist. Das bedeutet Platz eins in Deutschland, selbst Bayern lag dahinter.

Der Aufschwung im Westen des Landes ist süß

Im Westen des Landes, in einer schmucklosen Fabrikhalle bei Boizenburg, schmeckt der Aufschwung besonders süß. Rote, gelbe und grüne Schnüre, wenige Zentimeter dick, scheinen sich endlos über die Laufbänder zu ziehen. Am Ende werden daraus Bonbons, zum Lutschen oder Kauen. Oliver Schindler hat mit den Unternehmen "Sweet Tec" und "Toffee Tec" 180 Jobs geschaffen, innerhalb von nur zweieinhalb Jahren. Zuvor hatte Schindler im väterlichen Renommierbetrieb in Karlsruhe gearbeitet, mit großen Marken wie "Ragolds" oder "Vivil".

Ein befreundeter Süßwarenfabrikant empfahl ihm die Gegend, Schindler führte Gespräche mit dem Boizenburger Bürgermeister, dem Landrat, dem Wirtschaftsministerium. "Das war alles sehr positiv", kurze Wege, schnelle Kontakte. Im Januar 2004 ging "Toffee Tec" in Produktion, ein Jahr später der zweite Betrieb. Schindler, der vor allem für Discounter arbeitet, sagt: "Wir wachsen weiter."

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Am anderen Ende Mecklenburg-Vorpommerns sieht der Aufschwung weniger proper aus: Ein paar Kilometer südlich von Greifswald wirft die DDR mit den Resten des Kernkraftwerks Lubmin noch ihre Schatten. Übrig blieben unter anderem die Reaktorblöcke, Erinnerungen an die Hässlichkeit des real existierenden Sozialismus.

Doch das Areal der "Energiewerke Nord GmbH" (EWN) ist ein Vorzeigeprojekt. Ministerpräsident Ringstorff kommt häufig vorbei, erst am Montag war er mit EU-Energiekommissar Andris Piebalgs hier, um die Firma "Premicon Biodiesel" zu besuchen. Auch Altkanzler Schröder ließ sich bei EWN mit seinen Freunden aus der Energiewirtschaft schon blicken: Im neu ausgebauten Hafen entsteht die Gasübergabestation der geplanten Ostsee-Pipeline.

Wo bis 1990 rund 5000 Menschen angestellt waren, haben sich in den vergangenen Jahren über ein Dutzend Firmen angesiedelt, mit knapp 1000 Arbeitsplätzen. EWN ist wie die DDR in klein: Ein Betrieb löst sich selbst auf - und schafft den Rahmen für Neues. Am Kai liegt ein Schiffsrumpfteil, das in einer ehemaligen Kraftwerkshalle produziert wurde. "Mit etwa 2000 Beschäftigten kann man hier langfristig schon rechnen", sagt EWN-Pressesprecherin Marlies Philipp. Ein Kohle- und zwei Gas-Kraftwerke sind in Planung.

Nicht jeder ist allerdings glücklich mit der Industrie-Renaissance von Lubmin: Vor allem gegen das Kohlekraftwerk macht eine Bürgerinitiative aus dem Ort Stimmung, auch aus den umliegenden Seebädern, selbst von der Insel Rügen - auf der anderen Seite des Boddens gelegen - gibt es Kritik. Umweltverbände stellen der Landesregierung ein katastrophales Zeugnis aus. Ach, sagt Pressefrau Philipp und verdreht die Augen. Die Bürgerinitiative, "die arbeiten halt in Greifswald an der Uni oder im Max-Planck-Institut oder sind schon in Rente und wollen von nichts gestört werden".



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