Presseschau zur Landtagswahl "Kettensägenmassaker" zu Schwerin

Der AfD-Erfolg in Mecklenburg-Vorpommern wirkt wie ein Denkzettel für alle Parteien. Oder sollte man das alles nicht zu hoch hängen? Die Presseschau.

AfD-Jubel, Schwerin
REUTERS

AfD-Jubel, Schwerin

Von


Die rechtspopulistische AfD hat aus dem Stand 21 Prozent in Mecklenburg-Vorpommern geholt. Wer ist dafür verantwortlich? Und welche Lehren sollte die Bundespolitik daraus ziehen? So kommentieren die deutschen Tageszeitungen das Wahlergebnis - ein Überblick (Hier lesen Sie mehr zum Abschneiden der einzelnen Parteien.):

Für die "Bild"-Zeitung wird durch das erwartete schlechte Ergebnis der CDU und den Höhenflug der AfD das Bundesland an der Ostsee zu "Schreck-Pomm". Die Zeitung konstatiert ein "Wahldebakel für die Volksparteien", ausgelöst durch das "Jubel-Beben" bei den Rechtspopulisten der AfD. Chefredakteurin Tanit Koch kommentiert, eine allgemeine Überheblichkeit gegenüber "besorgten Bürgern" habe zum Protesterfolg der AfD geführt. "Weite Teilen von Politik und Medien" hätten die Ängste der Bürger "verdrängt und verfemt", schreibt Koch - und stellt dem Kommentar den Angstkanon eben jener besorgten Bürger voran: Die Angst vor "Nafris" (Straftätern mit nordafrikanischem Migrationshintergrund), "Sex-Mobs", "islamistischem Terror". "Bild" geht auch auf die Folgen für Merkel ein und fragt, wie viele "Klatschen" die Bundeskanzlerin noch verträgt. Von einer "Klatsche" für die CDU hatte am Wahlabend auch AfD-Chefin Frauke Petry gesprochen.

Für Heribert Prantl, Ressortleiter Innenpolitik der "Süddeutschen Zeitung" ("SZ"), kommt das Ergebnis in "McPomm" (Prantl) einem "Kettensägenmassaker" gleich. Aus allen Parteien wurden "Stücke herausgeschnitten". Gemeint sind hier die Anteile der Wählerstimmen, die alle Parteien an die AfD verloren haben. (Lesen Sie mehr zu den Wählerwanderungen.)

Die Wahl in Mecklenburg-Vorpommern ist für Daniel Deckers, leitender Redakteur bei der "Frankfurter Allgemeine Zeitung" ("FAZ"), ein "Scherbengericht" über alle Parteien, die seit Gründung des Landes 1990 Verantwortung getragen haben. Der "Kompromisscharakter" politischer Entscheidungen, die demonstrative "Westbindung" der Merkel-Regierung, habe einen "Furor gegen alle Parteien" entstehen lassen. "Wer meint, ihn nicht ernst nehmen zu müssen, kommt darin um", so Deckers. Die "FAZ" schätzt die Bedeutung der Wahl im kleinen Mecklenburg-Vorpommern als gering ein - und verweist auf die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen 2017. Sollte die AfD dort an das 15-Prozent-Resultat aus Baden-Württemberg anknüpfen, dann "wäre ihr der Platz im Bundestag sicher" - nämlich bei der Bundestagswahl im Spätsommer.

Auch die "Welt" gibt zu bedenken, wie klein Mecklenburg-Vorpommern ist. Die "eher unwichtige Wahl", führe wohl zur Fortsetzung der "nur aus Tradition so genannten" Großen Koalition in Schwerin. Den Wahlkampf des SPD-Wahlsiegers Erwin Sellering nennt "Welt"-Vizechef Ulf Poschardt "geschmacksarm". Der Ministerpräsident habe sich an den russischen Präsidenten Wladimir Putin angebiedert und ansonsten Kanzlerin Merkel die Schuld für die Probleme des Landes gegeben. CDU-intern rechnet Poschardt nun mit Verbalattacken auf die Bundesvorsitzende Merkel. Nun würden die, "die schon länger mit der Kanzlerin abrechnen wollen, loslegen". Oder es bleibe bis zur NRW-Wahl 2017 beim "Murren und Maulen", und die Union rutsche bis dahin weiter ab.

Die Berliner "tageszeitung" ("taz") titelt: "Zuerst die gute Nachricht: Die NPD ist draußen". Unter dem Aufmacherfoto eines adipösen Mannes mit Deutschland-Hosenträgern folgt die schlechte Nachricht, nämlich, dass die AfD die CDU als zweitstärkste Partei verdrängen konnte. Barbara Junge, stellvertretende Chefredakteurin, kommentiert: "Entwarnung sieht anders aus", und mahnt zugleich, man dürfe nicht ganz Meck-Pomm in die "rechtsextreme Schublade" packen. Nur ein kleiner Teil der Einwohner gehöre zum "braunen Bodensatz", findet Junge. Diese Menschen müsse man abgrenzen von AfD-Wählern - denn die seien vor allem Enttäuschte, bei denen sich die "Melodie des Hasses" der AfD verfangen habe. Ihr Gegenmittel: leidenschaftliche Toleranz für andere Lebensweisen müsse die AfD-Parolen übertönen. Es brauche zudem echte Hilfe für benachteiligte Menschen im ländlichen Mecklenburg-Vorpommern.

Lesen Sie hier auch die Meinungsbeiträge von SPIEGEL ONLINE:

Sebastian Fischer: Merkels blöse Geister

René Pfister: Die Bauchpolitik der Kanzlerin

Roland Nelles: "AfD-Wähler sind Rassisten" (Video)

Jan Fleischhauer: Das Ende ist nah!

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.