Medienstreit über EZB-Studie Die armen Deutschen

Europas Presse streitet über die EZB-Vermögensstudie: "Unglaublich, die Deutschen sind die Ärmsten in Europa", staunt "JDD" aus Frankreich. "Keineswegs", kontert der Wiener "Standard". Und wenn doch, dann sind die deutschen "Übeltäter "selbst dran Schuld, heißt es im "Guardian".

Privatvermögen: Wie arm sind die Deutschen wirklich?
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Privatvermögen: Wie arm sind die Deutschen wirklich?

Von Katja Petrovic


Die vergangene Woche veröffentlichte Studie der EZB, laut der Deutschland im europäischen Vermögens-Ranking weit hinter Krisenländern wie Spanien oder Zypern liegt, sorgt noch immer für Empörung. Während deutsche Medien fordern, die Rettungsstrategie der Euro-Gruppe müsse nun neu diskutiert werden, ist die europäische Presse darum bemüht, die Zahlen zu relativieren.

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Heft 16/2013
Wie Europas Krisenländer ihre Vermögen verstecken

"Richtig interpretiert zeigt die Studie keineswegs, dass Deutsche und Österreicher ärmer als Griechen und Spanier sind", meint der "Standard", denn...

...erstens wird in der EZB-Studie ausschließlich das Vermögen privater Haushalte erfasst. [...] Nicht erfasst werden das Vermögen des in- und ausländischen Unternehmenssektors sowie das öffentliche Vermögen (Schulen, Spitäler, öffentliche Infrastruktur). Erst wenn man diese Vermögensgrößen addieren würde, bekäme man einen realistischeren Einblick über den Reichtum der Bevölkerung. [...] Zweitens wird in der Studie explizit betont, dass die private Vermögensbildung geringer ausfallen muss, wenn es einen ausgebauten Sozialstaat mit Pensions-, Kranken-, Unfall- und Arbeitslosenversicherung gibt [...] Drittens vermerkt die EZB-Studie ausdrücklich, dass ein direkter Ländervergleich mit "vielen Problemen" behaftet ist. Die beträchtlichen Unterschiede sowohl zwischen den Median- als auch zwischen den Mittelwerten über die 15 Länder sind "das Ergebnis eines komplexen Wechselspiels von vielen Faktoren".
"Der Standard", Wien, 16. April

Für "Hospodářské Noviny" aus Prag ist die Studie daher nichts weiter als medialer "Zündstoff in der Debatte über die Rettung der Euro-Zone":

Das Geschrei der Medien um die durchschnittlichen Vermögensverhältnisse ist vergleichbar mit einer Schlagzeile, in der behauptet wird, die Forschung habe ein Medikament gegen Krebs entdeckt und sich dann hinterher herausstellt, dass lediglich ein Zehntel der Labormäuse nach einer Impfung drei Tage länger lebten als ihre ungeimpften Artgenossen. Und obwohl die Wirtschaftsblätter auf die eine oder andere Ungenauigkeit der Studie hingewiesen haben, erlagen auch sie der Versuchung, die "armen" Deutschen dafür zu bedauern, dass sie den "reichen" Ländern im Süden unter die Arme greifen müssen.
"Hospodářské Noviny", Prag, 18. April

"The Guardian" zeigt Verständnis für die Wut der Deutschen, gibt ihnen aber selbst die Schuld an ihrer "Armut":

Die deutsche Öffentlichkeit ärgert sich mit gutem Recht darüber, wie sich die Dinge in der Euro-Zone entwickelt haben. Allerdings sollte sie sich den tatsächlichen Übeltäter vorknüpfen: Die deutsche Politik selbst. Indem Deutschlands Politiker die Löhne niedrig halten, die Inlandsnachfrage dämpfen und die Ausfuhren steigern, erzeugen sie Geringverdiener und sogar Armut. Wenn die Deutschen tatsächlich wirksame Lösungen wollen, sollten sie nicht versuchen, weiterhin die sogenannten Reichen im Süden zu bestrafen, sondern stattdessen höhere Gehälter anvisieren, die Binnennachfrage ankurbeln und Exporte reduzieren. Dies ist ein Kampf, den es sich zu kämpfen lohnt.
"The Guardian", London, 17. April

Spanien hingegen kommentiert die nun zum Vorschein gekommenen Vermögensunterschiede nüchtern:

Der Grund für diesen großen Unterschied in der Höhe des Reichtums in Deutschland und Südeuropa ist, dass die meisten Menschen in Deutschland ihre Häuser nicht besitzen, sondern mieten. Es ist ein ähnlicher Fall wie in Österreich, wo das durchschnittliche Nettovermögen nur 76.400 Euro beträgt und über die Hälfte der Menschen Mieter und keine Eigentümer sind.
"ABC", Madrid, 11. April

Zu diesem Schluss kommt auch das "Journal du dimanche" in Frankreich, nur werden die Deutschen hier trotzdem wieder als Gewinner präsentiert:

Der Großteil des Vermögens der Haushalte besteht aus Immobilien. Und in Deutschland sind Immobilien nun einmal kaum etwas wert. In Berlin liegt der Quadratmeterpreis bei nur 2400 Euro und ist damit so hoch wie in Städten wie Besançon, Mâcon oder Angers. Wir sind weit von den 8300 Euro in Paris entfernt. Von diesem Standpunkt aus betrachtet ist die deutsche "Armut" ein... Glück! Schließlich ist diese Immobilienblase eine Illusion. In Madrid, Barcelona oder Athen sind die Preise abgestürzt und haben hochverschuldete Eigentümer und Banken mit schwindelerregenden offenen Rechnungen zurückgelassen. [...] Darüber hinaus hat die Explosion der Immobilienpreise die Wettbewerbsfähigkeit der Länder im Süden zermalmt. In den 2000er Jahren konnte Deutschland an seiner Politik der Lohnmäßigung festhalten, weil die Immobilienpreise überschaubar blieben.
"Le Journal du dimanche", Paris, 14. April

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verdi49 19.04.2013
1. Wo ist denn....
Zitat von sysopDPAEuropas Presse streitet über die EZB-Vermögensstudie: "Unglaublich, die Deutschen sind die Ärmsten in Europa", staunt "JDD" aus Frankreich. "Keineswegs", kontert der Wiener "Standard". Und wenn doch, dann sind die deutschen "Übeltäter "selbst dran Schuld, heißt es im "Guardian". http://www.spiegel.de/politik/deutschland/medienecho-zur-ezb-vermoegensstudie-a-895331.html
jetzt der Beitrag von Merkel, wo sie behauptet, dass alle Studien über die armen Deutschen Nonsens sind?
eisenfuss1 19.04.2013
2.
Der erste und einzige sinnvolle Kommentar. Wann werden die deutschen Bürger begreifen, dass die Armut in Deutschland politisch gewollt und organisiert ist? Das ist doch der Sinn und das Ziel des Neoliberalismus.
denkmal65 19.04.2013
3. naja, wenn ich mein Haus besitze statt es zu mieten bin ich
weniger vermögend? und "wenn es einen ausgebauten Sozialstaat mit Pensions-, Kranken-, Unfall- und Arbeitslosenversicherung " Diesen Sozialstaat gibt es nach Rot/Grün Schröder nicht mehr. Arbeitslosenversicherung ist völlig entkernt und auf max 1,5 Jahre begrenzt. Rentenversicherung wird in wenigen Jahren an die Grenzen stoßen. Nicht nur das in Zukunft (Geburtentrate)immer weniger Menschen arbeiten können; seit Jahrzehnten ist die Arbeitslosigkeit im Millionenbereich und weitere Millionen von Menschen arbeiten mit Armutslöhnen.
kenterziege 19.04.2013
4. Man muss fair sein!
Zitat von sysopDPAEuropas Presse streitet über die EZB-Vermögensstudie: "Unglaublich, die Deutschen sind die Ärmsten in Europa", staunt "JDD" aus Frankreich. "Keineswegs", kontert der Wiener "Standard". Und wenn doch, dann sind die deutschen "Übeltäter "selbst dran Schuld, heißt es im "Guardian". http://www.spiegel.de/politik/deutschland/medienecho-zur-ezb-vermoegensstudie-a-895331.html
Dieser elende 2.Weltkrieg hat viel Vermögen zerstört! Der Rest, der noch vorhanden war ging an Polen und an die DDR! Die DDR wurde vom großen Bruder ausgeplündert und verlor 4 Millionen ihrer beste Leute! Dies drängte sich im zerbombten Westdeutschland zusammen! Dann Bauten Millionen von Bauarbeitern Mietwohnungen ! Es musste ja schnell gehen! Die Bodenpreise stiegen abenteuerlich! Die CDU-nahen Landbesitzer des Westens sorgten in den Gemeinderäten dafür, dass Land zögerlich zu Bauland wurde! Gerade so, wie sie es an Zuwachs von Liquidität brauchten! Dabei hatten sie die Vorläufer der Grünen mit dem Argument der unnötigen "Zersiedlung" und diejenigen, die gerade Glück mit einem Grundstück hatten, auf ihrer Seite! So steigen die Bodenpreise ins abenteuerliche! Heute ist es dann die gemeine Birkenwanze oder der Juchtenkäfer, der die Ausweisung von Grundstücken verhindert bzw. Unendlich verteuert! Wie will man da Eigentum schaffen? Den allerletzten Rest bringen Bauvorschriften, die das Bauen immer teurer machen! Dann kaufen die Deutschen eben Autos oder verreisen! Beides führt eben nicht zu Eigentum! Die Mieterschutzgesetzgebung bettet Mieter weich und lässt die Alternative Eigentumswohnung mit dem teuren Veralterzwang nicht attraktiv erscheinen!
Plasmabruzzler 19.04.2013
5.
Deutschland ist doch ein willkommenes Fressen für die Zuweisung einer Täter-Rolle. Sobald aus irgendeiner Ecke ein Scheinargument gefunden wird, knickst selbst unsere Kanzlerin ein und behauptet, die Deutschen seien doch reich. Hier wird schon lange nicht mehr an einem Strang gezogen. Jedes kleine bisschen von Nationalstolz wird direkt mit Nationalsozialismus verglichen und die Nazikeule wird von den Deutschen gerne angenommen. So war es schließlich auch, als die Griechen behaupteten, die Reparationszahlungen aus dem 2. Weltkrieg würden noch ausstehen und hätten deswegen eine negative finanzielle Eskalation. Ich hätte von Frau Merkel erwartet, dass sie sich demonstrativ vor "ihr Volk" stellt, die EZB-Studie verteidigt und sich nicht direkt einlullen lässt.
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