Medizinermangel Ärzteflucht bei der Bundeswehr

Zu viel Bürokratie, aber eine zu schlechte Ausstattung - und vor allem zu wenig Ärzte: Der Wehrbeauftragte Reinhold Robbe hat in seinem Jahresbericht vor allem den erheblichen Personalmangel bei der Bundeswehr kritisiert.


Berlin - Immer weniger Ärzte haben Lust auf die Bundeswehr. Der Wehrbeauftragte des Bundestages, Reinhold Robbe (SPD), hat in seinem Jahresbericht 2008 den gravierenden Mangel an Medizinern im Sanitätsdienst der Bundeswehr kritisiert. Allein im vergangenen Jahr habe es fast 100 Kündigungen von Sanitätsärzten gegeben, sagte er am Donnerstag bei der Vorstellung des Berichts in Berlin.

Bundeswehrarzt: Motivation gekippt
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Bundeswehrarzt: Motivation gekippt

Die Soldaten beklagten häufige Arztwechsel, lange Wartezeiten und eine unzureichende ärztliche Betreuung in den Heimatstandorten. Viele Ärzte hätten schon weit im Vorfeld "innerlich gekündigt", da sie berufliche Perspektiven vermissten und sich vom Dienstherr Bundeswehr im Stich gelassen fühlten.

"Aus meiner Sicht ist die Motivation der Ärzte in der Bundeswehr in erschreckendem Ausmaß 'gekippt'", schreibt Robbe in seinem Bericht weiter. Grund für die "Ärzteflucht" seien die ständigen Abwesenheiten durch Auslandseinsätze und die gestiegene Bezahlung im zivilen Gesundheitswesen. Für die Einsätze im Ausland werden Sanitäter aus dem Inland abgezogen, wodurch sich der Personalmangel dort erhöht. Der allgemeine Ärztemangel werde die Lage bei der Bundeswehr noch verschlimmern.

Die Belastung der Mitarbeiter wegen der Personalengpässe in den Bundeswehrkrankenhäusern nannte Robbe besorgniserregend. Manche Abteilungen hätten ihre Ambulanz-, Spät- und Nachtdienste einschränken müssen. Die Kliniken mussten Robbe zufolge teilweise sogar Operationssäle schließen und deshalb geplante Eingriffe verschieben oder absagen. "Möglicherweise droht in diesem Zusammenhang ein Expertise- und Imageverlust", warnte der Wehrbeauftragte.

Mit Blick auf die Auslandseinsätze sagte Robbe, es sei nach wie vor erklärtes Ziel der Bundeswehr, in allen Einsatzgebieten eine medizinische Qualität zu erreichen, die der eines Kreiskrankenhauses in Deutschland entspreche. "Das ist ein ehrgeiziger Anspruch", sagte der Wehrbeauftragte. Doch dieser Anspruch sei auch der Grund dafür, dass die Akzeptanz der Auslandseinsätze bei den Soldaten so hoch sei. Bisher sei es möglich gewesen in Notsituationen, etwa bei Anschlägen oder Unfällen, eine "lückenlose Rettungskette" sicherzustellen. Dies müsse in Zukunft "unter allen Umständen" auch noch möglich sein, sagte Robbe.

Der Bundeswehrverband schloss sich der Kritik an. Sein Vorsitzender, Ulrich Kirsch, sagte im Südwestrundfunk (SWR), die Streitkräfte hätten inzwischen 400 Ärzte zu wenig. Die Attraktivität des Sanitätsdienstes sei offensichtlich auch mit monatlichen Zulagen von 600 Euro nicht zu erhöhen. Die Truppe werde junge Menschen dauerhaft nur anziehen, wenn sie deren Lebensmodelle "wie ein modernes Unternehmen" unterstütze.

Robbe kritisierte aber auch Ausstattungsmängel und eine zum Teil "überbordende" Bürokratie bei der Bundeswehr. Festgefahrene bürokratische Hürden dürften notwendigen Verbesserungen nicht im Wege stehen. Nach Angaben des Wehrbeauftragten beklagten sich Offiziere etwa darüber, dass sie sich für eine halbwegs vernünftige Ausstattung "Taschenspielertricks" bedienen oder gegen die Vorschriften arbeiten müssten.

Robbe sieht ferner Nachholbedarf bei der Vereinbarkeit von Familie und Dienst. Er forderte, mehr Kindertagesstätten zu schaffen und flexible Arbeitszeitmodelle zu fördern. Ferner müssten die Kommunikationsmöglichkeiten deutlich verbessert werden.

Es sei nicht akzeptabel, dass die Klagen über unzulängliche Telefon- und Internet-Verbindungen seit dem ersten Auslandseinsatz 1995 in Bosnien-Herzegowina zugenommen hätten. Die Betreuung traumatisierter Soldaten sei ebenfalls nicht ausreichend.

Ein zentrales Problem sei die Unterfinanzierung der Streitkräfte, betonte er. Daher führe kein Weg an einer angemessenen Erhöhung des Verteidigungsetats vorbei. Um ihren Verpflichtungen nachzukommen benötige die Bundeswehr optimal ausgebildete und motivierte Soldaten, sagte Robbe. Er fügte hinzu, wenn ein Soldat sechs Wochen auf Ersatz für seine kaputten Stiefel warten müsse oder von der gelieferten Uniform eines Kommandeurs Knöpfe abfielen und Nähte aufgingen, sei das nicht vereinbar mit den Ansprüchen einer modernen Armee.

als/ddp/AP/AFP



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