Datenanalyse zur Wahl Der Bundestag wird etwas weiblicher

Kein Rekordwert, aber ein Hoffnungsschimmer: Der Frauenanteil im Parlament wird nach der Bundestagswahl etwas steigen. Das liegt vor allem an den Zugewinnen von SPD und Grünen. Nur die FDP könnte sich moderner geben.
Parlamentarierinnen (und Parlamentarier) der Grünen im Bundestag

Parlamentarierinnen (und Parlamentarier) der Grünen im Bundestag

Foto: R4964 Jens Krick / picture alliance / Flashpic

Das Bild von der FDP-Wahlparty am Sonntag sorgte in den sozialen Medien für Spott und Ärger. Der Ausschnitt zeigte die Bühne in der Parteizentrale, während Christian Lindner seine Rede hielt – umringt von weißen, älteren Männern. Erst wer den Bildausschnitt weitete, bekam noch zwei Frauen zu Gesicht.

Solche Männerclub-Fotos werden seit Jahren auf Twitter geteilt, mal zeigen sie männliche Unternehmensvorstände, mal Wirtschaftsbeiräte oder eben Politikerrunden. Sie machen deutlich: Frauen sind in vielen wichtigen Positionen unterrepräsentiert.

In der Politik konnte sich Deutschland bis zur Wahl stets hinter der Bundeskanzlerin verstecken, einer der mächtigsten Frauen der Welt. Sie wurde gerne als Kompensation dafür angeführt, dass so wenige Frauen in deutschen Parlamenten saßen. Nun steht die Bildung einer neuen Regierung bevor, an deren Spitze auf jeden Fall ein Mann stehen wird. Das Feigenblatt Angela Merkel ist bald weg.

Immerhin werden künftig mehr Frauen im Bundestag  vertreten sein. 2017 hatte der Frauenanteil im Bundestag mit 31 Prozent den niedrigsten Stand seit 1998 erreicht. Nach dem vorläufigen Endergebnis wird er nach dieser Wahl nun wieder steigen: Im nächsten Bundestag werden etwa 35 Prozent der Abgeordneten weiblich sein. Kein Rekordwert, aber ein Hoffnungsschimmer.

Die Parteien hatten in diesem Jahr deutlich mehr Kandidatinnen aufgestellt als bei den Bundestagswahlen zuvor. Hinzu kommt, dass die Grünen, die ihre Wahllisten seit Langem paritätisch besetzen, stärker im Parlament vertreten sein werden. 58 Prozent der Abgeordneten der Ökopartei werden weiblich sein. So hoch war die Quote auch zu Beginn der Legislaturperiode 2017, allerdings ist die Fraktion auch im Verhältnis zum noch einmal aufgeblähten Parlament nun viel größer.

Auch bei der SPD mit einem traditionell höheren Frauenanteil ändert sich die Quote mit 42 Prozent nicht, durch ihre Zugewinne erhält sie aber 53 Sitze mehr. 47 Frauen ziehen über die Landesliste ins Parlament ein (38 Männer schaffen es auf diesem Weg ins Parlament). Unter den gewählten Direktkandidaten der SPD sind 32 Prozent weiblich.

So hat es die Europäische Akademie für Frauen in Politik und Wirtschaft (EAF)  ausgerechnet. Der Thinktank hatte die Aufstellung der Kandidatinnen beobachtet und analysiert. Die EAF-Vorsitzende Helga Lukoschat nennt die Veränderung einen »Fortschritt im Schneckentempo«.

Insgesamt hätten die Parteien Lehren aus der Coronakrise gezogen, findet auch die Vorsitzende des Deutschen Frauenrats, Beate von Miquel. Während der Krise war viel über fehlende Frauen in Entscheidungspositionen gesprochen und geschrieben worden. »Vom Ziel der gleichen Teilhabe der Geschlechter sind wir aber noch weit entfernt«, meint Miquel.

Union verliert Merkel-Bonus bei Wählerinnen

In der Unionsfraktion ist der Frauenanteil deutlich niedriger als bei SPD und Grünen, auch wenn es diesmal ein leichtes Plus gibt – in einer allerdings deutlich geschrumpften Fraktion: Dort steigt der Frauenanteil nun von 20 auf 23 Prozent.

Trotz dieser niedrigen Quote hatten zuletzt stets mehr Frauen als Männer die Unionsparteien gewählt. 2017 lag der Unterschied zwischen den Geschlechtern bei sieben Prozentpunkten. Diesen Bonus hat die Parteienfamilie mit dem Ende der Ära Merkel nun eingebüßt. Viele Wählerinnen wanderten zu anderen Parteien ab.

»Die Wahl hat bewiesen, dass sich die Union anstrengen muss, endlich mehr Frauen auf aussichtsreichen Plätzen und Kandidaturen aufzustellen«, meint Lukoschat von der EAF Berlin. »Das ewige Verschieben einer verbindlichen Frauenquote in der Partei muss jetzt aufhören.«

Zuletzt hatte es das Anliegen nicht einmal auf die Tagesordnung des Parteitags geschafft. Zwar wählen Frauen nicht unbedingt Frauen wegen des Geschlechts. Aber sie entscheiden sich für Themen, die sie betreffen. Und solche Themen werden statistisch gesehen wiederum eher von Frauen vertreten.

Bei der Besetzung der Landeslisten der Union war der Frauenanteil von 38 auf 45 Prozent gestiegen. Doch von ihnen schafften es nach Berechnungen der EAF längst nicht alle in den Bundestag. Nur 19 der 53 Abgeordneten, die über die Landeslisten der Union in den Bundestag einziehen werden, sind demnach weiblich. Die CSU hatte ihre Liste in Bayern erstmals quotiert – allerdings gewann sie fast alle bayerischen Direktmandate, sodass die Liste nicht zum Zuge kam. Von den 143 direkt gewählten Kandidaten der Union sind gerade einmal 27 weiblich.

Die Frauenratsvorsitzende Miquel findet deshalb, es sei dringend Zeit für ein Paritätsgesetz auf Bundesebene, das nicht nur Listen, sondern auch Direktmandate quotiert.

Zurück zur FDP und dem Bild des weißen Männerclubs: Das Problem ist bekannt. Vor einer Weile schon hatten die Liberalen darüber nachgedacht, wie sie mehr Frauen als Kandidatinnen aufstellen könnte. Die Partei entschied sich dann aber gegen eine Frauenquote, man wollte den Mangel lieber anders beheben.

Am Ende stellte die FDP zur Bundestagswahl jedoch kaum mehr Frauen auf als 2017: Auf den Landeslisten war es ein Plus von einem Prozentpunkt, bei den Direktmandaten waren es drei Prozentpunkte mehr. Im Ergebnis bleibt der Frauenanteil in der neuen FDP-Fraktion gegenüber der vergangenen Wahlperiode in etwa gleich.

Helga Lukoschat vom EAF ist darüber enttäuscht. Ihr Thinktank hat die Aufstellung der Kandidatinnen und Kandidaten beobachtet und ausgewertet. »Wie kann eine Partei, die sich als modern, divers und digital verkauft, nur so wenige Kandidatinnen aufstellen?«, fragt sie sich. Eigentlich, meint Lukoschat, sei die Gesellschaft viel weiter. Das zeige auch die Empörung über das Bild der Parteiführung aus der Wahlnacht.

Dennoch hat die FDP gerade bei jungen Wählern punkten können – sogar stärker als die Grünen. Die hohen Werte der Partei unter Erstwählern gehen allerdings vor allem auf Männer zurück.

Junge Frauen wählen Grün

Junge Frauen zwischen 18 und 24 Jahren wählten dagegen besonders häufig die Grünen. Das liegt sicher nicht nur daran, dass die Partei viele Frauen aufstellt, sondern auch daran, dass sie Frauenthemen in den Blick nimmt. Bei der Bundestagswahl holten die Grünen nun auch noch besonders viele Direktmandate. Frauen sind hier sogar in der Mehrheit: Von den 16 Direktmandaten der Grünen gingen neun an Frauen.

»Die Grünen zeigen den anderen Parteien: Es geht also auch, aussichtsreiche Direktkandidaturen mit Frauen zu besetzen«, sagt Lukoschat. Ein wichtiges Signal: Denn selbst wenn manche Parteien ihre Landeslisten quotieren, schrecken sie vor einer Quote bei den Direktkandidaturen in den Wahlkreisen häufig zurück.

Im Deutschen Frauenrat ist man der Ansicht, dass Gleichstellungspolitik in der nächsten Bundesregierung eine wichtige Rolle spielen muss. SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz hatte im Gespräch mit der Frauenlobby versprochen, sein Kabinett zur Hälfte mit Frauen zu besetzen. Außerdem unterstützte er ein Paritätsgesetz auf Bundesebene.

Die Grünen wollen das schon lange. Sollten sich beide Parteien also zu einer Koalition zusammenschließen, könnte das Vorhaben umgesetzt werden – wenn sich auch der Dritte im Bunde überzeugen lässt.

Mal schauen, was die FDP dazu sagt.

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